Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 2 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 .Neue National-Zeitung' Seite 11 Gerechtigkeit für Leo Frank! Von I. W. Debs.*) Ich habe den Fall Frank wegen seines außerordentlichen Charakters in der Presse eingehend verfolgt. Ich bin zur Ueberzeugung gelangt, daß der Frank-Prozeß eine leere Komödie war. So unschuldig Frank auch sein mochte, mußte er verurteilt werden, weil er ein J u d e ist; deshalb hatte er in diesem Prozeß auch im vorhinein alle Chancen verloren. Wäre Frank der Sohn reicher oder aristokratischer Eltern und nicht ein eingewanderter Jude, dann wäre er bloß auf Grund der Aussage eines Negers, der selbst des Verbrechens dringend verdächtigt war, nicht verhaftet worden. Die ganze Affäre hätte wahrscheinlich damit geendet, daß der Neger gelyncht worden wäre. Jetzt handelt es sich aber gar nicht um die Frage, ob Frank schuldig oder unschuldig ist. Die Frage geht dahin, ob er einen ehrlichen Prozeß gehabt hat. Diese Frage berührt unbedingt jeden amerikanischen Bürger. Kein Mensch kann behaupten, daß der Prozeß Frank ein gerechter war. Sein Los war gleich vom Anfang entschieden. Das Gerichtsgebäude, in dem sich die Komödie abgespielt hat, war von einem wilden Pöbel belagert. J'edes Belastungsmoment, und wenn es noch so nichtssagend war, wurde mit freudigem Geheul aufgenommen und der Gerichtshof machte nicht einmal den Versuch, dasselbe zu unterdrücken. Und als endlich die eingeschüchterte Jury ihr verurteilendes Verdikt gefällt hatte, da erfolgte eine wilde wüste Demonstration. Das bleibt für unsere Gesellschaft auch *) Der arme Leo Frank soll also, so lautet der endgültige Termin, nachdem die höchsten Gerichtsinstanzen jede Revision oder Wiederaufnahme abgelehnt haben, am 22. d. M. in Atlanta hingerichtet werden. Nur die Gnade des Gouverneurs könnte ihn noch der Todesstrafe entreißen. Daß es sich hier um einen aufgelehnten antisemitischen Justizmord handelt, darüber ist sich in den Vereinigten Staaten von Nord- Amerika die ganze öffentliche Meinung klar. Ebenso ist man überzeugt, daß die Mary Phagan von dem Neger Conley, der als einziger belastender Zeuge gegen Frank aufgetreten ist, ermordet worden ist. Allein der Urteilsspruch der Geschworenen von Atlanta, die unter der Pression des antisemitischen Pöbels den Juden verurteilt haben, ist unumstößlich geworden. Nun ergreift im letzten Moment der berühmte Gründer und Führer der sozialistischen Partei Amerikas, der bei den letzten Präsidentenwahlen als sozialistischer Präsidentschafts-Kanditat aufgetreten ist, I. W. D e b s, öffentlich das Wort, um für Frank eine gerechten Prozeß zu verlangen. Diese Enunziation macht sowohl der sozialistischen Partei Amerikas als auch ihrem Führer alle Ehre. Sie erinnert an das unerschrockene Auftreten von Jaures und Zola im Dreyfus-Prozesse. In Oesterreich haben bekanntlich die sozialistischen Parteiführer im Falle Hülsner geschwiegen. Wir geben diesen Appell eines edlen Mannes, worin der verhängnisvolle Justizmord in seiner ganzen Niedertracht demaskiert wird, nunmehr in deutscher Uebersetzung wieder. Wir hoffen, uns damit die Anerkennung unserer Leser zu erringen. Die „Neue National-Zeitung" war ohnehin das erste und einzige jüdische Blatt in Europ^a, welches dieses schmachvolle Kapitel der antisemitischen Verrohung in den Vereinigten Staaten von allem Anfang behandele hat. (Anm. der Redaktion.) dann eine Schande, wenn Frank wirklich schuldig wäre. Nicht eine einzige Zeitung wagte es, gegen dieses Urteil zu protestieren; kein Geistlicher und keine Kirche hatte den Mut, ein Wort zu sprechen, wiewohl allgemein bekannt war, daß die Verteidiger und die Geschworenen während des Prozesses terrorisiert worden sind. Die Beweise, die gegen Frank vorlagen, waren ungemein schwach; es waren bloß allgemeine Indizien vorhanden. Wenn Frank wirklich hingerichtet werden sollte, dann wäredies eineewigeSchmachund Schande für Amerika. Der Süden ist von einem Rassen-Vorurteil verblendet. Das ist noch eine Erbschaft aus den Zeiten der ehemaligen Sklaverei. Es gibt in diesen Ländern kein Gesetz und keine Gerechtigkeit für die Schwarzen. Ich habe dies an Ort und Stelle selbst konstatiert. Bloß auf den mindesten Verdacht hin werden die Schwarzen gelyncht. Unter diesen Umständen und in dieser Atmosphäre ist Leo Frank, der „verdammte Jude" unschuldig verurteilt worden. Der Ankläger hat es versucht, die ganze Vergangenheit Franks mikroskopisch zu untersuchen, und siehe da, nicht das mindeste Fleckchen wurde auf seiner Ehre und seinem Charakter gefunden; für seine Schuld wurde nicht der mindeste Beweis erbracht. Stellt Euch vor, Ihr wäret selbst auf dem Platze von Leo Frank, unschuldig wegen eines so schweren Verbrechens angeklagt und zum Tode verurteilt! Und wenn er wirklich unschuldig ist, was ist dann unsere ganze Zivilisation wert? Das Gesetz billigt jedem Angeklagten die Wohltat des Zweifels zu, und wenn die Gerichte diese Wohltat dem Leo Frank allein entziehen, dann verurteilen sie sich und die ganze Zivilisation. Hier handelt es sich nicht bloß um den Staat Georgia. Die ganze Konstitution der Vereinigten Staaten ist schwer erschüttert und jeden Schutzes beraubt. Das allein muß genügen, damit jeder amerikanische Bürger die Schande der Verurteilung Franks empfindet. Dem Leo Frank gebührt ein ehrlicher Prozeß und ein gerechtes Urteil. W Diese Nummer ist 12 Seiten stark, ~M