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Neue Nationalzeitung · 1914-05-08 · Heft 9 (8.5.1914) · p. Seite 72

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 9 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 72 (sequence 13)
Language
German
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öeite 72 „Neue National-Zjjtung^ FEUILLETON. Rabbiner, lernet und lehret!*) Ein Pessachmärchen. Von Moriz Schreiber. {Fortsetzung.) „Edel gedacht und enthusiastisch empfunden"', versetzte der Rabbiner; „doch kaum ausführbar. Wie wollen Sie in einer Zeit, wo nicht einmal zwei nachbarlich in einer und derselben Gemeinde nebeneinander fungierende Rabbiner in brüderlichem Verkehr mit einander leben können, eine solche ideale Rabbinervereinigung zustande bringen? Ja, wenn es gilt, die Hebung der materiellen Interessen unseres Standes, da ist es noch immer möglich, eine erkleckliche Anzahl von Rabbinern vorübergehend unter einen Hut zu bringen, aber zu einer solchen idealen Vereinigung, wo noch überdies jeder Einzelne lernenundlehren soll.. ." „Ganz im Gegenteil", unterbrach ihn der Gast. „Gerade zu einer solchen Vereinigung, von welcher jede Art Brotneid und Fragen der Lebensnotdurft streng fern gehalten werden sollen, und in welcher jeder seinen eigenen, den anderen vollkommen ebenbürtigen Platz einnimmt, werden sich die Rabbiner, wofern sie tieferer Einsicht noch zugänglich, endlich zusammenfinden lassen. Ich will Ihnen das Programm, wie es mir vorschwebt und wie es sich jedem Denkenden von selbst ergibt,, in flüchtigen Strichen entwerfen: Die Rabbiner treten täglich zur festgesetzten Zeit auf 1—2 Stunden zusammen, ,um sich gegenseitig zu belehren', und veranstalten allwöchentlich Volksvorträge..." „Volksvorträge?" fiel erregt der Rabbiner ein; „das bringt uns ja in Konflikt mit unserem Vorstand, der selber solche Vorträge für das große Publikum veranstaltet. „Schon wieder die bleiche Furcht vor dem Vorstand! Diesen in einem Atem mit unserem Vorhaben zu nennen, heißt schon dieses Vorhaben profanieren, es auf ein Alltagsgeleise, von dem aus.es keinen Aufstieg gibt, schieben. Wissen Sie dochrso gut wie ich, daß die von diesem Vorstande veranstalteten ,Volksbelehrungen1 den einzigen Zweck verfolgen, seinem Publikum zu zeigen, daß der jüdische Himmel voller Geigen hänge, daß es also ruhig weiter schlafen könne. Wissen Sie doch so gut wie ich, daß «wischen diesen einzelnen, auf willkürlich herausgegriffenen Themen aufgebauten Vorträgen unausfüllbare Klüfte gähnen, die das ,zu belehrende Publikum1 niemals zu überbrücken vermag, aus allen aber nur das eine heraushört, daß wir seit Anbeginn vollkommen und fertig sind, daß nur die anderen Religionen um uns her sich zur Vollkommenheit emporarbeiten müssen, wir aber bis ans Ende der Weit auf unseren Lorbeeren ausruhen können*--. Wir aber wollen nicht nur unsere Vorzüge, sondern auch unsere Schwächen enthüllen, um diese auszumerzen und an unserer Entwicklung weiter?zu arbeiten, wie es unsere Vorfahren getan, solange sie ihre schöpferischen Kräfte nicht versiegen ließen. Ich meine also: unsere Rabbiner sollen täglich zusammenkommen, um zu lernen und zu lehren. Das *) Siehe Nr. 7 d. J. unerschöpfliche Studium, das sie zu pflegen haben werden, wird sein: in streng einheitlicher und zusammenhängender, nicht aber sprunghafter Arbeit dem Entwicklungsgange nachzugehen, den das Judentum seit dem Auftreten seiner Propheten, die den Mosaismus zu vertiefen, zu verinnerlichen und zu vergeistigen anfingen, bis auf den heutigen Tag genommen, nachzugehen, und dies unter fortwährender Berücksichtigung der neuesten einschlägigen Forschungen. Und wenn irgendwo, so wird hier, auf diesem endlosen Gebiete, an Teilung der Arbeit gedacht werden müssen. Je mehr Arbeiter — und diese werden in der Folge zweifellos sich einfinden —, desto mehr vereinfacht sich die Verteilung der Arbeit. An jedem Tage gelangt ein anderer zum Vortrage. Das Thema aber, da es umfassende Studien erheischt, soll eng umgrenzt, der Vortrag knapp sein. Und nicht dieser sei die Hauptsache, sondern die daran sich knüpfende Diskussion, an welcher sich sämtliche für das behandelte Thema Vorbereiteten beteiligen, sich gegenseitig ergänzen, wodurch gesteigertes Leben und reiche Befruchtung in die Sache kommt, nachhaltige Anregungen erwecken..." „Das ist ja die alte Jeschiba, wie sie leibt und lebt!" rief jetzt freudig gestimmt der Rabbiner aus. „Sagen wir richtiger: das alte urkräftige, noch schöpferisch veranlagte Judentum, das ,V o 1 k der Schrift', wie es einst mit Recht genannt wurde, das jetzt zu neuem Leben erwacht. — — Die Rabbiner werden also" — so fuhr der Gast fort — „lernen, die Bibliotheken aufsuchen müssen, um die neuesten Forschungen auf religionswissenschaftlichem Gebiete verfolgen zu können; werden, was sie eben gelernt, mit frischer Lebendigkeit lehren und in diesem unausgesetzten geistigen Turnier sich aus dem Qualm des Alltagslebens, in welchem sie bislang versunken lagen, zu reinerer Atmosphäre emporringen, um allmählich auch ihre Gemeinden zu sich emporzuheben, anstatt, wie früher, zu ihnen herabzusinken.--Und nicht bloß an die Rabbiner müssen wir herantreten, um sie für unser Vorhaben zu erwärmen, sondern auch an alle Liebhaber der jüdischen Wissenschaft, deren es in jeder und insbesondere in unserer so mächtig angewachsenen Gemeinde noch viele gibt, die nur aus Mangel an einem geistigen Mittelpunkte in der Stille zurückgezogen leben. Gewännen wir diese verstreuten Elemente zu tätigen Mitarbeitern, rascher als wir ahnen, würde unsere Saat in die Halme schießen. Oder glauben Sie, Herr Rabbiner, daß ich schwärme?" „Nein, verehrter Mann", erwiderte der Rabbiner nachdenklich, „das glaube ich nicht. Träumte ich doch selbst noch, als ich hier mein Amt antrat, von Möglichkeiten, ähnlich denjenigen, die Sie mir vor Augen führen. — Ich denke nur an die ungeheuren Schwierigkeiten, welche die Stumpfheit der Massen und die Versumpftheit meiner durchaus materialistisch gesinnten Kollegen, in deren Fahrwasser auch ich zu geraten anfing, unserem Beginnen entgegentürmen werden." (Schluß folgt.)

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