Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XV (1913)
- Issue
- Heft 8 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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j>ejtg_64__________________ __________________„Neue NAtiottäJ^Zejtuiig" Nr^ FEUILLETON. J. L. Perez: Satje, der Fischer.*) In Holland, in einem halb verfallenen Häuschen am Strande des Meeres, wohnte eine stumme Seele, ein jüdischer Fischer. Er hieß Satje; vielleicht nach irgend einem Urahnen Saadja. Doch hatte er keine Kenntnis davon, wie er überhaupt nur sehr wenig von „Jüdischkeit" wußte. Schon seine Vorfahren waren Fischer gewesen, die Familie war die einzige jüdische unter Nichtjuden. Und alle Tage und Jahre auf dem Meere: wie hatte er etwas wissen sollen? Er fing seine Fische, sein Weib strickte Netze und besorgte das Haus, die Kinder spielten im Sand und suchten nach Bernstein. Und brach ein Sturm los, wenn er auf dem Meere war, so daß er in Gefahr geriet, so konnte er nicht einmal das „Höre, Israel!" beten. Und seine Leute zu Hause konnten es auch nicht. Dann sah er nur stumm zum Himmel hinauf, das Weib daheim raufte sich die Haare oder schleuderte gar nach dem bösen, finsteren Himmel einen bösen Blick zu und die Kinder warfen sich auf den Sand und schrien mit den anderen Kindern zusammen: „Heilige Maria! Heilige Maria!" Wie hätten sie mehr wissen sollen? Zu Fuß war's nach der nächsten Gemeinde zu weit. Und zum Fahren waren sie zu arm. Sie hatten ja kaum, was sie brauchten. Und dann ließ sie ja auch das Meer nicht los. Satjes Vater. Großvater und Urgroßvater waren alle im Meere umgekommen. Das ist schon so die Kraft des Meeres: es ist des Menschen gefährlichster Feind, oft ein tückischer Feind, und doch liebt man es und läßt sich von ihm anlocken. Man kann nicht los von ihm, will auf ihm leben und in ihm untergehen. Nur eine jüdische U eberlief erung war der Familie verblieben: Jörn Kippur, der Tag der Versöhnung. Schon am Morgen des Tages vor dem Fest wählten sie den größten Fisch aus. Dann gingen sie in die Stadt und überbrachten ihn dem Schächter, bei dem sie vor und nach dem Fasten zu essen pflegten. Den Tag selbst verbrachten sie in der Synagoge, lauschten dem Gesang des Chors, dem Spiel der Orgel, dem Gebet des Kantors. Natürlich verstanden sie kein Wort, sondern blickten nur zur Heiligen Lade hin, auf den Prediger mit dem goldenen Käppchen. Erhob sich das goldene Käppchen, dann standen auch sie auf. Ließ er sich nieder, dann setzten auch sie sich. Manchmal nickte Satje vor Müdigkeit ein; dann stieß ihn wohl ein Nachbar mit dem Ellenbogen an, wenn es wieder Zeit war, sich vom Sitz zu erheben. Satje ahnte nicht, daß der Versöhnungstag ein Tag des Gerichts ist, vor dem alle Kreatur erzittert, ein Tag großen Geschehens im Himmel. Ihm war er nur der Tag, den man fastend in der Synagoge verbringt und mit einem Abendbrot beim Schächter beschließt. Viel mehr wird übrigens der Schächter selbst nicht gewußt haben..... Und niemals blieben Satje und die Seinen länger, als unbedingt nötig war. Kaum war der schwarze *) Aus dem Band „Volkstümliche Erzählungen", der eben im Jüdischen Verlag in Berlin erscheint. Anm. d. Red. Kaffee getrunken, standen sie schon auf, verabschiedeten sich von den Schächterleuten, tauschten Glückwünsche mit ihnen aus und machten sich auf den Weg nach dem Meer. „Nach dem Meer", sagten sie, nicht „nach Haus". Von Uebernachten war keine Rede. Sie ließen sich nicht zurückhalten. Vergebens bemühen sich der Schächter und die Schächterin, Satje zu überzeugen. „Ihr habt ja nicht einmal die Stadt besehen". „Die Stadt!" wiederholte Satje mit geringschätzigem Lächeln. Satje ist kein Mann der vielen Worte. Das Meer lehrt schweigen. Doch die Stadt haßt er. Eng sei sie, ohne Luft und ohne Himmel. Ein Streifen nur zwischen Dach und Dach. Das Meer aber sei weit, so weit____Man könne atmen. „Es ist ja euer Feind, euer Tod!" „Ja, aber ein guter Tod!" Er wünscht sich das Ende seines Vaters und Großvaters: als gesunder vom Meere verschlungen zu werden. Nicht lange kränkeln, nicht lange im Bett mit dem Tode ringen, nicht hören müssen, wie die andern weinen, nicht begraben, nicht in harte Erde hineingelegt werden. Brr! Es fröstelt ihn, wenn er an ein Begräbnis denkt!... Es war nun einmal am Tage vor dem Versöhnungsfest, früh am Morgen. Im Osten begann sich der Himmel zu röten, leise erwacht das Meer, atmet noch kaum, noch hört man kaum sein Brausen, noch liegt es schlaff und im Traum versunken da. Hier und da flattert ein weißes Flügelpaar in der Luft, kreischt ein Vogel auf; stille Schimmer fliegen über das Meer, goldene Flocken gleiten über den gelben Sand. Noch sind die Schifferhäuschen am Strande geschlossen. Da knarrt eine Tür. Satje verläßt sein Haus. Sein Gesicht ist fromm und ernst. Still leuchten seine Augen. Er geht, ein frommes Werk zu tun: den Fisch für den Versöhnungstag will er fangen. Und eilt ans Boot, faßt die Kette, mit der es ans Ufer gebunden ist. Die Kette klingt und rechts und links ertönen Stimmen: „Nicht doch!" So rufen ihm die Nachbarn zu, die die Köpfe aus den kleinen Fenstern ihrer Häuschen herausgesteckt haben. Weithin still liegt das Meer, fließt mit dem Saum des lachenden Morgenhimmels zusammen. Es atmet kaum, runzelt sich kaum am Strand, und wie bei einem guten Großmütterchen, so tanzt ein leuchtendes Lächeln zwischen den Runzeln. Und murmelt etwas, erzählt den Felsenklippen ein Märchen, streicht ihnen, lächelnd und spielend über ihr langes Algenhaar. Aber die Fischer kannten das Meer besser und trauten ihm nicht. „Nicht doch!" Bald wird der leuchtende Spiegel brechen. Aus stillem Spiel und Ernst, aus leisem Brummen ein mächtiges Brausen werden. Und aus den Großmutterrunzeln werden gewaltige Wogen erstehen, die werden Schiffe und Boote verschlingen, wie der Leviathan der Judensage die kleinen Fische .... „Nicht doch!" (Schluß folzt.)