Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 20 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 12 Gesicht, zog die Stirn in krause Falten, spitzte die Lippen und begann in die dampfende Speise hineinzublasen. Der Schüler war jeder Bewegung seines Meisters gefolgt. Aber als des Rabbi dünne Lippen dem erstem Löffel Grütze entgegenbebten, packte ein eigen Gefühl des Jüngers Herz, und er vergrub sein Gesicht in beide Hände. Wenige Minuten später kam wieder ein Junge ins Zimmer und brachte wieder eine Schüssel Grütze mit Brot; Reb Josef schickt dem Schüler das Essen. Der Jünger blickt nicht einmal auf. Aber der Rabbi erhob sich und ging auf den Schüler zu und sah ihm in die Augen — stolz und voller Liebe und er berührte seine Schulter. — Man hat dir zu essen gebracht! Da hob der Schüler langsam seinen Kopf. Sein Anflitz aber war noch blasser geworden und Tränen glitzerten in den flammenden Augen. — — Ich weiß es, Rabbi! sagte er, doch ich mag heut nicht essen! — Nun schon der vierte Fasttag, fragte der Rabbi, und nur für dich? Es klang wie ein Vorwurf. — — Es ist ein neuer Fasttag, erwiderte der Jüngling. Es ist ein Fasten der Buße. — Was sprichst du? Du — und ein Fasten der Buße? --Ja, Rabbi . . .. Ein Fasten der Buße. Da du vorhin dein Mahl begannest, hab ich gesündigt in Gedanken und das Gebot verletzt: „Du sollst dich nicht gelüsten lassen!" In selbiger Nacht, ganz spät, weckte der Jünger seinen Lehrer. Sie schliefen beide in der Klaus auf harten Bänken, einander gegenüber. Rabbi, Rabbi, rief der Schüler mit tonloser Stimme. Der Rabbi sprang erschreckt empor und fragte: — Was ist? — — Ich war jetzt hoch oben in den Sphären der Himmel. — Wieso? fragte der Rabbi, noch schlaftrunken. — — In mir hörte ich ein Singen! Da setzte sich der Rabbi auf und sah ihn fragend an. Aber der Schüler sprach und seine Stimme klang schwach und leise: Ich weiß es selbst nicht, Rabbi. Ich konnte nicht schlafen, und da zog es mich hinein in das Geheimnis eurer Rede ... Ich hätte so gern die Melodie gehört. Und in meinem Schmerze, daß ich den Sang noch nicht kannte, begann ich zu weinen. Laut weinte es in mir. Jedes Glied weinte in mir vor Gott dein Schöpfer. Dann betete ich den Spruch der Läuterung, den Ihr mir anvertraut hattet und seltsam! Nicht meine Lippen sprachen die Worte. Sie sprachen sich allein; und dann wurde es licht um mich. Ich schloß die Augen. Und doch blieb es licht in mir, so licht, so helle leuchtendes Licht. Der Rabbi beugte sich vor, als müsse er besser horchen. Aber der Schüler fuhr fort: Und dann wurde mir von all dem Lichte so wohl, so leicht . . . Und mir war, als wäre ich'kein Körper mehr voll irdischer Schwere. Mir war, als ob ich emporschwebte in ein glühendes Land! Und eine süße Wärme durchrieselte mich . . . die wundersame Luft des Lebens und jubelnder Freude. Keine Fiber in meinem Antlitz hat sich bewegt. Starr waren meine Lippen. Und doch habe ich gelacht, so innig, so herzig und voller Lust wie ein Kind. — Oh! rief der Rabbi erregt. — Das waren die himmlischen Freuden! --Und dann klang es in mir, und mir war, als ob ein Lied in mir erwüchse. Der Rabbi sprang von seiner Bank empor und stellte sich vor den Schüler! — Und dann??! Und dann??' --Und dann hörte ich, wie in mir ein Singen begann ... Ich fühlte, daß alle meine Sinne sich schlössen . . . Aber innen, innen sang es. So muß es wohl sein . . . ganz ohne Worte . . so . . ja . . so. — Wie den so? --Ich kann's nicht sagen . . Vorhin wußte ich's noch . . Und dann wuchs das Singen zu einer Zauberweise, als spielte in meiner Seele eine Fiedel oder als säße Jona, der Kleßmer, in mir und spielte wie beim seligen Rabbi am Tische gottgeweihte Lieder . . Und doch . . viel zarter hat es in mir gespielt, viel wundersamer, wie erdentrückte Seligkeit. Und immer ohne Worte, ohne Stimme . . . Nur Seele, . . . nur Seele. — Wohl dir! Wohl dir! mein Schüler. Voll Trauer aber schloß der Schüler: Nun ist alles dahin. Die Sinne sind mir wieder geöffnet. Und ich bin so müde, daß ich ... Da aber schrie er plötzlich laut auf und griff sich gegen das wild pochende Herz. --Rabbi, sprich mit mir das Sterbegebet!... Sage mit mir das Sündenbekenntnis! . . . Ich höre ein Rufen von der Höhe nach mir. Sie rufen den Sänger. Ein Engel bin ich mit weißen Flügeln! Rabbi! Rabbi! . . . Schma Jis . . . Er starb. Und alle im Städtchen wünschen sich einen solchen Tod. Nur der Rabbi war nicht ganz zufrieden, Noch ein paar Fasttage, klagte er, und im Kusse Gottes wär er geschieden ... Interieurs und Büros möbliert zeitgemäß vornehm preiswert 77 Merkur" Möbelfabrik und Architektur: VII.» Mariahilferstrafle Nr. 120 :: (Zentralpalast). ::