Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 16 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 n Neue National-Zeitung'' Nr. 16 sie ohne Juden und ohne Thora wie im Golus stehen müssen. Sie scheinen sich zu dem Häuschen des Rabbi hinzuneigen, vielleicht um sich von dort Rat zu holen, was sie in dieser schweren Zeit tun sollen. Aus des Rabbi Fenster lugt eine dunkle Trauer. Ein kleines Lichtchen funkelt in der Finsternis. Vielleicht, daß innen ein Toter am Boden liegt, zugedeckt mit einem schwarzen Leintuche, und ein Totenlicht am Kopfende! Aber der Rabbi läßt seinen Toten allein. In einem alten, zerrissenen Streimel, einem alten zerrissenen Rock und mit betrübtem Gesicht geht er allein in Strümpfen über die spitzen Steine ins Beth-Hamidrasch hinüber. Ganz in sich versunken. Vielleicht wird er bei den dort versammelten Juden Trost finden. Matschik zieht durchs Gäßchen. Er kommt schon von der Weide heim. Die Kühe vorauf mit tiefgesenkten Hörnern und Matschik mit seinem Hunde, seinem Gehilfen, hinterher, und er spielt sich auf seiner Flöte ein Liedchen, just, wie er es gestern und vorgestern abends getan. * * * Es ist Nacht! In der Schulgasse Totenstille. Die Läden geschlossen, die Türen zugemacht Der Mond wandelt einsam hoch oben am Himmel und blickt schweigend herab ins Schulgäßchen. Hinten, von irgendwo her, dringt durch den Spalt eines Fensterladens ein trauriger Singsang, der sich schnell ins Gaßchen hineinzieht, ganz, ganz für sich, und er schwebt durch die Gasse, schwimmt fort und verhallt irgendwo in der Ferne, irgendwo im Gässel, dort nach dem Rathaus zu, auf dem Wege zum Friedhof. Aus einem Fensterspalt des Rabbinerhauses schaut noch das einsame Jahrzeitlicht heraus. Für eine fromme Seele brennt's! Drinnen beim Rebben bleibt alles still. Der Mond wirft seine kalten Strahlen auf die großen Scheiben des Lehrhauses. Drinnen ist alles finster. Huscht nicht etwas durch die Stille? Auf den Treppen des Lehrhauses liegt etwas — sind's Menschen oder Tote? — Die Haare zerzaust, die Hände übereinander geschlagen. So lagen sie still da. Aber der Mond wandert vorbei und wirft seine kalten Strahlen auf die dort Liegenden. Die Schule ist so fest verschlossen, als hätte man innen etwas gefangen und wollte es nicht herauslassen. Nur von einem kleinen Fenster in einem Winkelchen an der Tür, dort vom Platze der „Gemeinschaft der Psalmenfreunde" schleicht sich ein schwacher Lichtschein heraus und bricht sich im blassen Scheine an der gemauerten Säule, die vor der Schul steht und die Galerie der Weiberschul stützt. Innen sitzt auf dem Platze der „Chewre Thillim" irgend ein Mensch auf der Erde, und bei dem Scheine des schwachen Lichtchens starrt er in ein offenes Buch und. sinnt ... Bei der „Rebbezin" im Eßzimmer haben sich die frommen Frauen — die „Klei-Kaudisch-Weiber" — versammelt, Iin Halbdunkel ist die Stube; nur Schatten huschen auf; und iüeder. Und auf der Erde hocken auf Jössen. die Frauen, umher, auf den Armen die.schlafenden Kontier, und, lauschen,dex weihey.Qllejix Stimme der Rebbezin, die in der Mitte des Kreises sitzt. Auf einem Stuhl liegt die „Zeenoh Ureennoh", das Buch der Frau, aufgeschlagen, beleuchtet von dem matten Schein einer Küchenlampe.: Mit ihrer heiseren Stimme erzählt die Rebbezin die Geschichte der Hannah und ihrer sieben Söhne. Ueber der Gerichtsstube beim Rabbi liegt das gleiche Halbdunkel. Auf dem Tisch brennt noch das Jahrzeitlicht, das in einem Topf mit Sand steckt. Von dem Licht tropft der Talg herab in den Sand hinein. Auf der Erde, in einem Winkel, das Gesicht vergraben zwischen großen Bücherstößen, sitzt der Raw. Zuweilen bläßt ein Windhauch. Es ist, als ob durch die Stube ein schwerer Schatten hindurchschreite. Und der Raw stützt sein Haupt in die müden Hände und sinnt. In der Gasse ist's noch so still wie zuvor. Der Mond zieht am Himmel dahin und blickt mit kalten Augen auf das finstere Gäßchen. Alles umher ist in sich versunken, als ob zwei große Tränen aus Gottes Augen herniedergefallen wären und alles ertränkt hätten, alles alles. Und mir ist, als ob einsam der Prophet Jirmijahu zum Friedhofe schritte, um die Ahnen aus den Gräbern zu wecken, damit sie endlich Fürsprache bei dem Ewigen einlegten für die vertriebene Gemeinde Israel. Und bald wird es im Gäßchen laut werden . . . ^■■■■■■■■PPHHHHHHBIk Huf ruf! Glaubensgenossen! Ein schweres Unglück hat unsere Graubensbrüder in Konstantinopel betroffen. Eine ungeheure Feuersbrunst hat ganze Quartiere der Stadt, die hauptsächlich der jüdischen Bevölkerung zum Wohnsitz dienten, zerstört. Tausende armer Juden sind ohne Obdach. Unsere Schulen haben auf das Schwerste gelitten, mehrere von ihnen sind ein Raub des; Feuers geworden. Das Zentralkomitee in Paris hat sogleich eine beträchtliche Summe zur Linderung der Not nach Konstantinopel geschickt. Aber die Größe des Unglücks fordert, daß jeder von uns nach seinen Kräften zur Unterstützung unserer unglücklichen Glaubensgenossen beitrage. Bisher hat noch jeder Appell an das warme Herz und die Opferwilligkeit der österreichischen Juden einen lauten "Widerhall gefunden. Wir erwarten mit vollem Vertrauen, daß alle Juden nicht säumen werden, ihre Spenden zu einer erheblichen Summe zu vereinen, die den Unglücklichen in Konstantinopel Trost und Hilfe in ihrer Not bringen soll. Beiträge nimmt entgegen das Deutsehe Bureau der Alliance Israelite Universelle, Berlin N. 24, Oranienburgerstraße 42/43. Berlin, im August 1911. Das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle: Prof. I)r. Landau, Geb. Medizinalrat, Berlin. Max Fughg,. Dvt Weener, Ju^lizra^, Berlin. Ra^b^er,; Münfieii.