Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 t •3 .Neue National-Zeitung'' Nr. 14 „Klettern? das brauchts nicht." „Natürlich. Wenn man nur die Leute aus dem Schlaf reißen kann!" Und ärgerlich wandte sie sich zur Tür und schraubte die Lampe tiefer. „Immer langsam! Wen haben wir aus dem Schlafe gerissen?" „Nu, wen?!" Die Alte dreht sich um und hält Jossein die Lampe vors Gesicht. „Euch etwa?! Wenn man das Geschrei bis auf die Straße hört! Euch hab ich geweckt! Lächerlich. Das könnt Ihr Eurer Großmutter erzählen." „Du Ekel . . . mein lieber Jossei!!" Und in tiefer Wehmut sagt sie seufzend: „Ich werde noch vor meiner Zeit die Erde kühlen." „Was ist denn los?" „Gar nichts. Immer das gleiche. Die Tochter bleibt bei ihrer Widerspenstigkeit. Ich habe furchtbare Nächte durch sie," jammert die Alte, und sie preßt ihr faltiges, dürres Gesicht in beide Hände. „Ihr sollt doch aber schuld daran sein!" „Du bist ein Kind. Was kann eine arme sündige Mutter für den bösen Geist. Frag die Nachbarn im Dorf." „Also der ,Böse* schreit aus ihr heraus?" „Gewiß! Das Mädel — das heißt der böse Geist in ihr — schreit, sie wird ihre Mutter morden. Sie flucht dem Rabbi, wo doch alle Menschen vor dem Rabbi zittern." „Und was macht sie mit dem Mann?" „Nun — fluchen tut sie zwar, nicht — aber sie läßt sich von ihm nicht — berühren! . . . ." „Ich denke, sie will ihn nicht? Sie hat mirs selbst gesagt." „Gut gesagt! Die Mutter morden und dem Rabbi fluchen. Weiß sie denn, was sie spricht. Und das — andere, wen gehts was an?" „Gewiß nicht. Aber man redet eben darüber." „Genug schon!" Und wütend wendet sich die Alte mit der Lampe zur Tür. Doch ich halte sie wieder zurück und frage: „Habt Ihr vielleicht ein Glas Tee?" „Ein paar Minuten, dann könnt Ihrs haben." „Gut so," sag ich, ihr zunickend. Sie nimmt die Lampe und verschwindet ins zweite Zimmer. „Sollen wir hier im Finstern sitzen?" frage ich den Fuhrmann. „Wenn Sie wollen, gehen Sie nur da hinein," und er weist mich auf das erleuchtete Fensterchen in der Tür. „Und Sie?" „Ich nicht! Ich will hier bleiben. Steckt doch eine Kerze an" ruft der Fuhrmann, „ich werde sie bezahlen " Die Alte kommt herein: „Was ist denn? Bald wirds wieder losgehen." „Nichts. Zündet ein Vierkreüzerlicht an!" Sie gibt ihm das Licht, „Ich soll schuld haben! So ein junges Blut zu begraben, so ein Weib wie ein Juwel — du hast sie ja gekannt. — Ach Gott! Ich bin ihrer sicher nicht würdig. Und man wirft mir noch Steine aufs Herz... Zwei liebe Schwälbchen zurückgeblieben ohne Mutter. Und der junge Mann liegt mir auf dem Hals. Ein lieber Junge. Er hält mich wie eine Mutter. Was soll da eine Mutter, eine unglückliche Mutter anderes machen, wenn sie noch eine erwachsene Tochter hat? Den jungen Mann fortjagen, die Schwälbchen fortjagen zu einer Stiefmutter und die Tochter mit einem fremden Mann verheiraten?" „Nu, ja. So habt Ihr doch nicht gehandelt! sagt man." „Ja, ich habe wirklich geglaubt, daß die Wunde in meinem Herzen ein bißchen zusammenschrumpfen würde. Der erste Schlag war schon eine Strafe von Gott. Sag, Jossei, hab ich das alles leichtsinnig, aus Uebermut getan? Hab ich nicht erst den Rabbi gefragt? Was bin ich? Aber das Wort eines Frommen muß man verstehen. Und als ich ihm alles erzählte und ihm dann sagte, was ich tun will, hat er mir geantwortet: Gewiß, es wäre ein Jammer, wenn die Kinder verwaist blieben. Was kami er anderes damit gemeint haben? .... Gestern noch war ich wieder in der Stadt, ging wieder zum Rabbi (seiner Ahnen Gedächtnis soll mir beistehen). Er hat mir Abschabsei vom Teufelfinger und besprochenes Baumöl gegeben. Kostet zwar etliche Gulden. Aber was tuts? Vielleicht erbarmt sich Gott doch! Und welche Mutter gibt nicht ihr letztes Hemd für ihr Kind hin?" Sie weint, die Alte. Und die Tränen perlen ihr auf den bebenden, faltigen Lidern. Dem Fuhrmann greifts in die tiefste Seele. Eine schmerzliche Geste, als wollte er sie beruhigen! Und als sie wieder in das zweite Zimmer geht, drückt er sich scheu beiseite. Er setzt sich dicht an die Kerze auf den Ladentisch; die Beine hängen willenlos herab. Jetzt kommt die Alte mit den beiden Gläsern Tee zurück. Sie stellt sie auf den Tisch und geht, ohne ein Wort zu sagen, wieder in das andere Zimmer, dessen Tür sie hinter sich verschließt. Ich trinke meinen Tee, zünde mir dann eine Zigarette an und gebe dem Fuhrmann auch eine. Wir blicken schweigend in die Rauchringel. Das Lichtflämmchen hebt sich sehnend zu den Balken empor und sein blaßblauer Schimmer wiegt sich hin und her wie eine fromme Frau beim Segnen der Sabbatlichte. (Fortsetzung folgt.) Hochfeines natürliches Tafelwasser \ft L 1 -Natürlicher KlnwnP^a J ilVJlwllV Lirhion-Ouelle. von Klösterle bei Karlsbad. — Ueberall zu haben. Niederlage: Wien, I., Sonnenfelsgasse 4. nMERIKRNISGHEl BUCHHRLTUNE5 uhdBUREHUflHLHGEN UJIEN-I WIESINGEIfeBIBERflR' visävis P05TSPRRKHS5R.