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Neue Nationalzeitung · 1909-07-30 · Heft 16 (30.7.1909) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 16 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung" Seite 11 PEUILLETON. Scholen) Aleichem : Trebbe, Räuber über t)ir! Aus dem Jiddisch übersetzt von Moritz Hacke. (Eine außergewöhnliche, aber nichtsdestoweniger wahre Geschichte, in deren Verlauf sich die Cheder-Schüler an ihrem Lthrer rächen.) I. — Er schläft noch? Jetzt soll man noch schlafen!! — Er wird gleich wach werden. Ruft ihn nur heraus: „Leib-Dreib-Obdirek! Leib-Dreib-Obdirek! Steh' auf mein Vögelein! Oeffne deine Aeugelein!" Diese Worte dringen in mein Ohr, während ich noch im Halbschlaf daliege. Mühsam, mit einiger Kraftaufwendung reiße ich die Augen auf, hebe den Kopf hoch, schaue mich nach allen Seiten um und erblicke vor dem geöffneten Fenster alle meine Glieder- Kollegen. Ihre Augen strahlen vor Freude und wie sie da bei meinem Anblicke lachen, dringen die ersten Strahlen der leuchtenden, warmen Morgensonne ins Zimmer, so daß ich die Augenlider zusammenkneifen muß. — Seht nur, wie er in die Welt guckt! Wie ein richtiger Sündenbock! — Hast du uns nicht erkannt? Hast du daran vergessen, daß wir heute Lag- Beomer haben — — Ach ja! Heute ist ja Lag-Beomer . . . Als wenn der Blilz in unser Haus gefahren wäre, spiinge ich aus dem Bett. Eins, zwei habe ich mich angezogen, in einer Minute gewaschen, mache mich ganz fertig und gehe zur Mutter. Sie sitzt schon mit den kleinen Geschwistern beim Frühstück. — Mutter, heute ist Lag-Beomer. Also vergnügten Feiertag! Was willst du denn wieder? — Ich muß heute etwas zu unserem „Lag-Beomer- Fest essen" im Cheder beisteuern. Was soll ich dir geben? Meine Sorgen? Meine Schmerzen? So spricht meine Mutter mit mir. Gleichwohl schickt sie sich an, mir etwas mitzugeben. So glatt geht das allerdings nicht von statten. Die Mutter will mir immer zu wenig geben. Das laß ich mir natürlich nicht gefallen. Ich will mehr haben. — Zwei Eier will ich auch haben. Gar nichts bekommst du. — Kleingeld will ich auch haben. Eine gute Tracht Prügel kannst du von mir bekommen. Darauf versuche ich es mit einer anderen Methode: Ich werde böse. Gibt mir die Mutter zwei saftige Ohrfeigen. Jetzt fange ich an zu weinen. Sie tröstet mich wieder und gibt mir einen Apfel. Da stelle ich wieder Forderungen: Eine Orange muß ich noch haben. „Ekelhafter Bengel! Was willst du denn noch?" ruft sie aus. Meine Freunde sind einstweilen ungeduldig geworden. Ich höre sie schon rufen : „Wirst du endlich kommen oder nicht? Wie lange sollen wir noch auf dich warten? Tummel dich, tummel dich, Leib-Dreib-Obdirek!" Nach langem Feilschen wurde ich endlich mit der Mutter fertig, nehme die so schwer errungenen Leckerbissen zu mir und eile schnurstracks zu meinen ungeduldigen Freunden in den leuchtenden wonnigen Tag. Jetzt geht's im Eilschritt zum Glieder. II. Im Cheder ist ein großer Rummel. Den Lärm und das Stimmengewirr hört man bis auf die Gasse. Kein Wunder. Zwanzig Mäuler reden da durcheinander und bleiben keinen Moment ruhig. Der Tisch des Rebbe ist mit Leckerbissen bedeckt. Ein solches „Lag-Beomer- Festessen" wie heute, war überhaupt noch nie da. Da steht Schnaps und Wein, die unser Freund Berel Jossei, der Weinhändlersohn, mitgebracht hat. Und was für Schnaps das ist! Einfach großarlig! Sechzigprozentiger Sprit! Und die zwei Flaschen Wein. Echter Wein, des alten Jossei eigene Arbeit. Die Flasche Schnaps hat ihm sein Vater mitgegeben. Aber die zwei Flaschen Wein — hat er sich selbst genommen. Das will aber Berel nicht von sich sagen lassen. — Was heißt das —- selbst genommen? Das verstehst du nicht, Berel, du Galgenstrick? Du verstehst das schon: so in aller Stille, als es keiner sah. — Was soll das heißen? Du meinst also, ich hätte den Wein gestohlen? Aber nein, Gott behüte! Wo denkst du hin? Du Dummkopf! Ich meinte nur wegen des „Lag-Boemer- Festessens.tt — So wird Berel Jossei noch eine Zeit lang gestichelt. Da ertönt plötzlich der Ruf: „Stille, Masefe kommt!" Vollständige Ruhe tritt ein, beinahe so, wie bei der „Schemanne-Esre." Alles setzt sich um den Festtisch des Rebbe herum. Da sitzen sie nun die Duckmäuser in musterhafter Ruhe, mit unschuldigen Mienen, als ob sie nicht bis drei zählen könnten. III. Also Masefe heißt unser Rebbe. Das heißt, er nennt sich nicht Masefe. Sein ehrlicher Name ist vielmehr Baruch Moses. Als er aber in unser Städtchen kam und unser Rebbe wurde, da bürgerte sich bald bei uns als sein Spitznamen „Masefe" ein, weil er aus Maseferke war. Im Städtchen hieß er zwar etwas weitläufiger „der Maseferker". Uns war das aber zu lang und so strichen wir das „rker". Dies schon deshalb, weil der lange Name nicht zu der Person passen würde. Masefe war nämlich ein kleines, vertrocknetes, dürres Männchen, mit einem leisen Anflug von Bart und spärlichen Augenbrauen. Es hätte keiner daran gedacht, daß er sich seinen Bart schert. O nein! Es will halt nichts wachsen und da hilft kein Mittel der Welt! Dafür hatte er aber ein paar Lippen und eine Nase . . . Ein Löschhorn, ein Schofar. Dabei verfügte dieses Männlein über eine Stimme — wie G.'ockenton. Wir hatten wirklich Angst vor ihm. Wenn er einen mit den kalten Fingern bei der Hand nahm, sah er die bessere Welt vor sich. Und wenn einer von ihm eine

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