Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 4 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NQUC MDONAL-ZEiaiNG R£Risusßg85R: Drs.R.LäNDisu:: XL JHHRGHNG. WIEN, 12. FEBRUAR 1909. Nr. 4. Der Gemeinde-Verband und die politische Lage der österreichischen Juden. Am 24. Februar wird in Wien die Organisations- Kommission des Bundes neue»Jich zusammentreten. Auch die Hausjuden sind geladen. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit soll beraten werden, ob der Gemeinde- Verband mit oder ohne Galizien zustande kommt. Ich bekenne es offen: Diese „Frage" vermag mich nicht aufzuregen. Ob mit oder ohne Galizien wird der neue Gemeindeverband die Zukunft der österreichischen Judenschaft nur unwesentlich beeinflussen. Daß sich die galizischen Hausjuden dagegen so gewaltig sträuben, beweist noch gar nichts. Sie haben so viel auf ihrem Gewissen, daß sie jeder Kontrolle von auswärts ängstlich aus dem Wege gehen; ihr polnischer Geschäftspatriotismus zwingt sie, unter dem Schlagworte des Zentralismus jede Verbindung mit Wien zu verhindern. Für die galizischen Juden ist es aber schließlich gleichgültig, ob jene mittun oder schmollen. Was den galizischen Juden und auch der gesamten Judenschaft in Oesterreich nottut, ist eine politische und wirtschaftliche Organisation. Beides wird der Gemeindeverband nicht sein. Er will lediglich eine Art Konsistorial-Verfassung schaffen, einen Instanzenzug für strittige Fragen des Kultus, eine israelitisch-kirchliche Hierarchie mit den verschiedenen Rangsabstufungen für ihre weltlichen und geistlichen Repräsentanten, wie sie in Deutschland die Blüte des Assimilantentums darstellen. Daß sich hiefür Zionisten begeistern können, daß sie dem Dr. Stern zu Hilfe eilen, der wiederholt den politischen Charakter des Kultusvorstandes bestritten hat, ist höchst merkwürdig und beweist lediglich, welches Chaos im Lager der zionistischen Partei herrscht. Es war ganz schön, zu sehen, wie die galizischen Moschkos den Dr. Stern im Stiche ließen, weil — wie es der Tarnopoler Kanal-Präsident Dr. Landesberg in öffentlicher Sitzung selbst zugestand — „Dr. Schaff und die Clique nur aus beleidigtem Ehrgeiz handelten", aber es ist doch gewiß paradox, daß die galizischen Zionisten mit dem Dr. Stern Händedrücke wechseln, während ihn die Wiener Zionisten bekämpfen und durch den Mund ihres Führers Lucian Brunner in öffentlicher Versammlung erklären lassen, daß sie die Hilfe des „Deutschen Volksblatt" gegen Dr. Stern gern in Anspruch nehmen. Allein wichtiger als diese heiteren Episoden ist die Thatsache, daß die Gründung des Gemeinde- Verbandes für die jüdische Konsolidirung und wirtschaftliche Selbsthilfe der österreichischen Judenschaft ganz belanglos ist. Der Gemeinde-Verband hat keine politische und nationale Initiative. Das hat sich bereits in Deutschland gezeigt und dort mußte man an die Gründung des „Verbandes der deutschen Juden" schreiten. Die jüdische Bevölkerung in Oesterreich hat aber wichtigere Sorgen, als ein Memorandum über die Schächtfrage, oder einen gelegentlichen Protest gegen das Blutmärchen, oder Streitigkeiten über das Kultuswahlrecht; sie hat einen Kampf zu führen gegen die systematische Verletzung der Staatsgrundgesetze durch die Staats- und Landesbehörden, gegen die unter stillschweigender Duldung der Regierung entfachte Boykotthetze, gegen die Scheinheiligkeit der Sonntagsruhe, die den jüdischen Kaufmannstand vernichtet; sie hat ein Massenproletariat, wie es an Zahl und Elend kein anderes Volk in Oesterreich aufzuweisen hat, vor vollständiger Verwahrlosung, vor krimineller Entartung und vor physischem Untergange zu retten. Und angesichts dieser prometheischen Aufgaben, welche alle geistigen Kräfte der österreichischen Judenschaft zur Genüge in Anspruch nehmen könnten, haben sowohl Assimilanten als auch Zionisten keine anderen Sorgen, als eine Pseudo-Organisation zu schaffen, der diese Aufgaben — fremd bleiben!