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Neue Nationalzeitung · 1908-12-04 · Heft 48 (4.12.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N£U£ JUDlätf POUCISCRB WOCRSNSCRR1FI RSRAUSfißBER! ÖrS.R.LflNDAU!" X. JAHHGANG. WIEN* 4. DEZEMBER 1908. H*. *8. Der „Ordensregeii". Die Verleihung von Ordens-Auszeichnungen ist ein Akt der kaiserlichen Souveränität. Allein sie geschieht über Vorschlag" der Regierung. Sie ist daher auch ein Gegenstand der zulässigen Kritik und die Regierung kann hiefür zur Verantwortung gezogen werden. Anlässlich der Ernennung des Herrn David von A braham o w i c z zum polnischen Landsmann- Minister hat das Parlament den Antrag des Abgeordneten Dr. Diamant \uf Eröffnung einer Debatte über diese Ernennung angenommen und damit zu -erkennen gegeben, dass es sich für berechtigt halte, selbst die Berufung eines Ministers, die&en eminenten Regierungs-Akt des Kaisers vor sein Forum zu bringen. Allein es fällt uns nicht ein. die anlässlich des Kaiser-Jubiläums verliehenen Auszeichnungen zum Gegenstand©kritischer Bemerkungen zu machen. Wir wollen den Leuten, denen es eine Freude bereitet, am i. Dezember in der ,,Wiener Zeitung" zu figurieren, diese Freude nicht verderben. Jeder von ihnen hat in seinem Kreise gewisse Verdienste, ist dynastisch und staatstreu gesinnt, und besitzt einen brennenden Ehrgeiz, der nun auch befriedigt wurde. Unsere Aufgabe ist es lediglich', aus den vorhandenen Tatsachen Schlüsse zu ziehen und die an uns vorbeiziehenden Ereignisse vom Standpunkte der jüdischen Allgemeinheit zu würdigen. Wir fragen daher nicht, warum der Eine dekoriert und der Andere übergangen wurde, denn die individuellen Personen sind uns ganz gleichgültig: wir fragen nicht, warum im Ganzen ungefähr 100 jüdische Persönlichkeiten zur Allerhöchsten Auszeichnung vorgesqh^gen wurden, während die Juden nach ihrem perzentuellen Verhältnisse zur Gesamtbevölkerung mindestens auf das Doppelte Anspruch hätten: wir gehen darüber hinweg, dass gerade die Bevorzugung der führenden Persönlichkeiten in der antisemitischen Presse und Agitation die Regierung veranlassen sollte, auch den Juden gleiche Beweise der Wert- Wien Schätzung und .Anerkennung zu geben. Wir nicht kritisieren, sondern bloss konstatieren. Und da ist es vorerst erfreulich, dass die verschiedenen Baronien, mit denen wir beglückt werden sollten, ausgeblieben sind. Die in Betracht kommenden Personen haben um das Judentum keine Verdienste, und es wäre bedauerlich, wenn die Regierung ihre Schuld, die sie an unser Volk in politischer und wirtschaftlicher Beziehung abzutragen hat, durch persönliche Dienste wettmachen wollte. Dagegen wäre es gewiss am Platze, Wenn durch die Ernennung eines jüdischen Gehe im rat es der jüdischen Bevölkerung bewiesen würde, dass ihr alle Aemter in Wirklichkeit zugänglich sind. Hier wäre die Person Nebensache. Unter den Ausgezeichneten fällt es auf. dass dieselben zum grössten Teil der F i n a n z und der Presse angehören, jenen Berufen, an deren Wohlwollen und Unterstützung der Regierung sehr viel liegt. Aeusserst bescheiden wurden die eigentlichen offiziellen Vertreter der jüdischen Interessen und jüdischen Korporationen bedacht. Die Repräsentanten und Rabbiner der grössten Gemeinden wurden g a n z ü b e rg a n g e n. Der antisemitische Bürgermeister von Wien wurde zum Geheimrat ernannt, eine Auszeichnung, die noch nie einem fortschrittlichen Bürgermeister in Oesterreich zuteil wurde: der Präsident der Wiener Kultusgemeiudc, der auch Präsident des Gemeindebundes ist, wurde übersehen.' Ein Zcichen der Zeit! Wir nationalen Juden reflektieren auf keine Auszeichnungen. Wir sehen und finden unsere innigste Befriedigung in der Arbeit für unser Volk. Aber jene Kreise, deren ganzes Streben auf Dekoration und Titel hinzielt, stehen enttäuscht da. Wir sprechen ihnen unser Beileid aus. Vielleicht kommen sie nun endlich jetzt zur Besinn.ing. L.

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