Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425686--0084-2426340
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18___»Neue National-Zeitung«_;_Seite 11 XCUiLLSG&N J. L. PKHEZ: Der Lastträger. (Aus dein Uhetlo.) Chaim war ein Träger. Wenn er mit der schweren Last auf seinem gekrümmten Rücken die Straßen zu durchschreiten pflegte, so hätte man glauben können, es bewege sich eine ungewöhnlich große Masse auf zwei Füßen. Ihn sah man gar nicht hervor . . . nur das Keuchen seiner Brust ließ sich schon von weiten vernehmen. Wenn er dann die Last an ihren Bestimmungsort ablieferte und seinen Groschenlohn erhielt, reckte er sich gewaltig, um seinen Körper wieder in gerade Stellung zu bringen, er holte tief den Athem, löste die geschürzten Zipfel seines Kaftans und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Hierauf ging er zum Brunnen, tat einige tiefe Schlucke und begab sich in seinen Haushof. Er lehnte sich an eine Wand, hob seinen Kopf, so daß das Gesicht fast horizontal zu liegen kam und rief: „Chane!" Da öffnete sich ein kleines Dachfensterchen und ein kleiner, zarter von einem weißen Leinentuch umgebener Frauenkopf kam zum Vorschein. Gleichzeitig hörte man: „Chaim?!-1 Sie schauten einander zufrieden an (die Nachbarn pflegten zu sagen ..sie hätscheln sich"). Chaim warf seinen Verdienst in Papier gewickelt in die Höhe und Chane griff darnach mit geschickter Hand. Es war nicht das erstemal. „Ein merkwürdiges Geschöpf." sagt Chaim und zeigt gar keine Lust, sich zu entfernen. „Geh', geh', Chaim," sagt sie mit liebenswürdigem Lächeln. Ich kann das kranke Kind nicht allein lassen . . . Ich habe die Wiege zum Herd gestellt . . . Die Hand kocht und der Fuß wiegt." „Was macht es nebich?" „Es ist besser." „Gott sei gelobt. Und Henne?' „Sie ist bei der Näherin." „Jossei?" „Im Cheder." Chaim neigt seinen Kopf wieder vertikal und entfernt sich. Chane blickt ihm nach, bis er verschwindet. Donnerstag und Freitag dauert es gewöhnlich länger. „Wieviel hast du da im Papier?-; fragt ( haue. „Zweiundzwanzig Groschen." „Ich fürchte, es ist wenig." „Was brauchst du dann?" „Um zehn Groschen Salbe fürs Kind, um einige Groschen Lichter . .. Chales liab' ich schon . . . Auch Fleisch, anderthalb Pfund . . Aber Branntwein auf Kidusch!... Und Holz?" „Holz bring' ich dir vom Markt." „Dann brauch ich noch . . Und sie zählt ihm auf, was ihr noch alles für den Samstag mangelt. Das Ende ist: Zum Kidusch ist der Branntwein nicht absolut notwendig, weil ihn die Chales (Sabbatkuchen) ersetzen können. Und auch andere Dinge sind erläßlich ... Die Hauptsache bilden ja doch immer die Salbe fürs kranke Kind und die heiligen Sabbatlichter. WTenn Gott hilft, daß die Kinder gesund und die beiden Messingleuchter nicht versetzt sind — so gibt es immer einen fröhlichen Schabbes. Chane ist ein merkwürdiges Geschöpf besonders in Hinsicht auf den Kugel (Samstag-Mehlspeise). Immer fehlt ihr früher etwas, bald Mehl, bald Eier, Fett und am End? entsteht ein Kugel, wie er herrlicher nicht sein könnte, ein Kugel, der ganz einfach erquickt und belebt. „Das kocht der Maloch' (Engel), sagt dann Chane und lacht vor Vergnügen." „Gewiß ein Maloch, natürlich ein Maloch", lacht Chaim, „denn du bist in der Tat ein Engel, der von mir und den Kindern soviel zu leiden hat ... Wie oft sie dich plagen .. . Bist du aber einmal in Zorn geraten .. . Habe ich je einen Fluch, ein böses Wort von dir gehört?... Auch von mir hast du nicht viel Vergnügen, . .. nicht Kidusch, nicht Hawdole, nicht einmal Smiroth (Tischgesänge; zu singen verstehe ich . . ." „Und dennoch bist du ein guter Hausvater und ein prächtiger Mann", meinte Chane apodiktisch. „Allen jüdischen Töchtern gesagt . . . Möge uns nur Gott lange erhalten!" Dann sahen sie sich beide in die Augen, so warm und lieb und vielsagend, als wenn sie erst jetzt unter der Chupe (Trauungsbaldachin) hervorgegangen wären. Es wird immer fröhlicher beim 'fisch . . . Nach dem Mittagsschläfchen geht Chaim in die Schul, um die Samstag-Vorlesung des Kabbi zu hören. In einer dumpfen Stube liest dort der Rabbi, ein gewöhnlicher Melamed (Chederlehrer), einem noch halbverschlafenen Auditorium vor. So mancher setzt hier sein Mittagsschläfchen - fort. Der eine oder der andere läßt sogar unvorsichtigerweise ein verdächtiges Gähnen seinem Munde entschlüpfen. Wenn aber der Rabbi von jener Welt zu erzählen beginnt, vom „Gehinom" (Hölle) und seinen Leiden, vom „Ganeden" (Paradies) und seinen Freuden, wo die Frommen sorgenlos und strahlengekrönt sich dem Thorastudium ergeben können — da lebt das ganze Publikum auf. Man öffnet Augen und Mund, und die Gesichter röten sich. Chaim steht an den Ofen gelehnt. In seineu Augen glänzen Tränen. Er ist ganz im Jenseits. Er leidet mit den Bösen. Er badet mit ihnen im siedenden Pech, er begleitet sie in die schreckensreichen Wüsten, wo sie die elendesten Arbeiten zu verrichten haben ... Kalter Schweiß bedeckt ihm das Gesicht . . . Dann klärt sich sein Blick . .. der Rabbi erzählt von den Frommen, von den Engeln, vom Kampfe des Liwjathan mit dem Schor-Habor (Symbole des Guten und bösen), und er stellt sich alles so lebendig, so anschaulich vor . . . Und wenn der Rabbi das heiiige Buch, aus dem er vorgetragen, küßt und zuklappt, da ist es ihm, wie wenn er aus einem schweren Traum erwachte. „Ach Gott, du lieber Vater im Himmel," seufzt er, „wenigstens ein Stückchen, ein Bröckchen des seligen Lebens im Gan-Eden ..." Dann wird er plötzlich traurig. Er fragt sich: „Ja, wofür denn?" Eines Samstags trat er auf den Rabbi zu: „Rabbi", sagte er mit zitternder Stimme, „gebt mir einen Rat, auf daß ich des seeligen Lebens teilhaftig werde." „Lerne Thora, mein Sohn." „Ich kann nicht!" „Lerne Mischnajoth (Gesetzeslehre) . . . Agadah, oder Perek (Ethische Belehrungen) .. ." „Ich kann nicht." „Dann sage Thilim (Psalmen)." „Ich habe keine Zeit."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.