Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 15 (15.4.1940)
- Date
- 1940-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE JAHRGANG II / Nr. 15 Redaktion, Vorlag und ADMit«a-V«r««ltnnf: fsrasslesi P. 0. B 6»9; r», Ben Johatl» HJr. Tolfphon 30TV* Fdr nnvrrUnKt« Manuskripte wird kffim« Oartnti«1 Ubernonun-n. ,!. .i»-r Kin^cniliiri* oder An fr »f.- i*t . in lnt< r nationaler Antworti' h*ln bHjwfiiicn Zmriivift-'n DSCHAU JERIStLKM K«<Uktlon w*Mmi nicht an F.ln»Hprr»on«>n. »oarfprn . ~ At>t>rr it\u\ »n di.< Redaktion, .!i>n)»»lem. I'. O. H f!Sft orbrt«>fc. 10 Al KI1^ »«''»O V " 70*3 T F..noh<»i»t «in«*i w«cs#nUieS; ....... Ant«lf«tiSflnsaaie flr xtle l«n4cr: «;.»eh!|*Mlkh J«ruMl«M P.O.*. — AruHf^ntext« p»t Luftpont *rb*l*n — Ol» AftC'li'n-FUIt« »rfAlll In « HpaUrn. J« 3,0 cm brflt. (traa4sT*U 1 lach ■ <'.« »h s/. j« 8r»itr ■ Mioia«ift«M» i« t»rk (,1.7r. cm). B<Mtif.fpr«iM torgl I.Utf »m SchluM d Fllttl««. Die neue Phase des Krieges Der Ueberfall auf Skandinavien - Probleme der kleinen Völker - Jüdische Sorgen - Pie im Nazi-Reich Verbliebenen Die (auch von uns vor einigen Wochen ausgesprochene) Erwartung, Claus Hitler für die „Iden des März" wieder eine Überraschung in Vorbereitung hat, hat nicht getrogen. Nur das Datum war nicht exakt, die Aktion erfolgte erst Anfang April. Dass sie mit allen Einzelheiten seit langer Zeit vorbereitet war, geht aus vielen Tatsachen hervor, und man fragt nur wieder, wie es möglich war, dass trotzdem gerade die unmittelbar Beteiligten anscheinend völlig überrascht wurden. Während diese Zeilen geschrieben worden, hat sich die relative Ruhe in Europa mit einem Schlage in dramatische Bewegung verwandelt. Wir stehen mitten in Ereignissen, deren Folgen nicht abzusehen sind. In einem solchen Moment, wo alle Nerven in gespanntester Erregung den Dingen zugewandt sind, die das Schicksal unserer Welt für die nächste Weltepoche entscheiden, ist es schwer, sich mit den kleinen Sorgen des Alltages innerhalb unseres sehr engen Bezirkes zu beschäftigen. Wir alle fühlen, dass es j e t z t darum geht, die Bedrohung aller Völker abzuwenden, und wir können nicht glauben, dass nicht alle „Neutralen" selbst fühlen, von welcher Seite ihnen Gefahr droht. Es ist «ine Zeit des schneiten Handeins, wo der Vorteil, der aus Missachtung aller Gesetze und Konventionen zu gewinnen ist, nicht einseitig dem Skrupelloseren Uberlassen werden darf. Der Krieg ist in eine entscheidende Phase eingetreten. In stärkstem Mitgefühl für alle Völker, die jetzt wieder unter Nazi-Regime geraten und in innigem Gedenken an alle in diesen Ländern weilenden, mit einem Schlag von der nnicuult des Barbarentums Überraschten Juden, können wir nur hoffen, dass die Menschheit nicht noch Unermeßliches leiden muas, ehe dienern furchtbaren Geschehen, das durch das Verbrechen eines einzigen Mannes und durch die Blindheit der jahrelang tatenlos Zusehenden Uber die Welt gebracht wurde, Einhalt geboten wird. Die Vergewaltigung von Völkern, die friedliebend und freiheitsliebend sind und zu den höchststehenden Kulturvölkern der Welt gehören, ist ein besonders roher und provozierender Angriff auf alles was der Menschheit wertvoll und wichtig scheint. Die Vorgänge dieser Tage werfen ein neues Licht auf die Illusionen, die man sich in den letzten Jahrzehnten von der Existenz der kleinen souveränen Nationen machte. Wenn sie nicht bloss dank der Rivalität der Grossen bestehen, dann können sie nur in einem System der echten und ernstgemeinten „kollektiven Sicherheit" ihren Platz finden, das bedeutet aber, wenn es keine Farce sein soll, eine Einschränkung der „Souveränität" zugunsten eines grösseren Ganzen. Gerade das aber ist bisher stets abgelehnt worden, und daran ist der Völkerbund zusammengebrochen. Die teuflische ildee Hitlers, anstelle der „Kollektiven Sicher- 1 heit" ein System „zweiseitiger Verträge" vorzuschlagen, d.h. jeden Kleinstaat allein dem I Drucke de» Giganten auszusetzen, hat dem i Ehrgeiz der „Souveränen" geschmeichelt; und sich bewährt, weil jeder, der gerade im .Moment nicht selbst bedroht war, der Sugjgestion erlag, dass er sich retten kann durch i Nicht-Einmischung in Dinge, die ihn schein-! bar nichts angingen, in Wahrheit aber sein 1 eigenes Schicksal waren, denn das Schicksal der Welt ist heute (das ist der Unterschied gegen frühere Jahrhunderte^ ein einheitliches und unteilbares; das hat Hitler erkannt, alier dieser grossartige Psychologe wusste auch, dass der Egoismus einer scheinbaren momentanen Sicherheit stärker Ist als die — doch jedem Denkenden offenkun- | dige - Einsicht über den Zusammenhang der i Dinge und ihre Folgen. So hat er, statt der j Front der ganzen Welt, gegen die er in Wahrheit steht, geschlossen» zu begegnen, einen nach dem anderen vorgenommen, und Kleine wie Grosse habe dieses Drama willig mitgespielt, und auch heute sehen wir noch in grossen Teilen der Welt Männer und Völker, die sich weiter der holden Täuschung hingeben. Diese Sache aber geht uns Juden besonders an, denn unter dem Deckmantel einer moralisch unhaltbaren „Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" sind wir preisgegebene Opfer jeder Willkür gewesen. Ist nun, dank dem Martyrium der Dänen und Norweger ein Wendepunkt gekommen? Wir Juden, solidarisch uns fühlend mit allen für die Sache der Freiheit Kämpfenden und Leidenden, denken in dieser Stunde jener Missetaten, in welchen sich der verbreche rische Geist zum ersten Mal deutlich vor der nicht-verstehen-wolleiiden Menschheit gezeigt hat, und der ersten Opfer, die aus unseren Reihen kamen. Und wir Juden aus Deutschland gedenken der Freunde und Angehörigen, die jetzt noch unter Nazi-Herrschaft leben. Die Nachrichten, die Uber das neutrale Ausland hierher gelangen, zeigen, wie schwierig die Lage ist. Es wird berichtet, dass Juden in den neutralen Landern mit Briefen überschwemmt werden, in denen folgender Satz immer wiederkehrt: „Wer von Euch etwas für uns tun kann, den flehen wir an. rasch zu handeln. Sonst wissen wir uns keinen Rat mehr. Die Wogen schlagen Uber uns zusammen. Wir senden diesen SOS-Ruf an Euch, sei es wer es wolle, der Ihn liest. Es m u s s etwas geschehen. Versucht alles für uns, was in Eurer Macht steht!" Es ist anzunehmen, dass es sich um eine organisierte Aktion handelt, um die Austreibung der Juden aus Deutschland zum Abschluss zu bringen. Auch das in Berlin erscheinende „Jüdische Nachitchtenblatt" veröiTentlicht dauernd Aufforderungen zur Auswanderung. Es heisst darin: „Wer Angehörige in KinwwR<««jt^«ig»lantlern hat, mahn« sie dringend, ihr« Vr:>e>i hier wei-- iemlen Familien-Angehörigen Nohnellstens nachkommen zu lassen." In einer der letzten Nummern dieses „Nachrichtenblattes" wird ein Aufruf an die grossen jüdischen Organisationen in Übersee gerichtet, worin gefordert wird, dass die bereits aus Deutschland ausgewanderten Juden gemeinsam mit den Organisationen die Mittel aufbringen, um die Auswanderung der noch in Deutschland befindlichen Juden beschleunigt durchzuführen. Die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland" erbietet sich, geeignete Auswanderer namhaft zu machen. Es handelt sich zweifellos um eine Pression grossen Stils. Abgesehen aber von der technischen Schwierigkeit der Durchführung einer solchen Aktion steht auch der Umstand im Wege, dass kein Land bereit ist, Einwanderer aufzunehmen — unter den jetzigen Verhältnissen weniger als je. Es ist also nicht nur eine Finanzfrage, um die es sich handelt. Wir Juden in Palästina empfinden dies am schmerzlichsten, denn es gibt hier Hunderte von Juden, die bereit wären, ihre Angehörigen aus den Ländern des Nazi- Regimes herauszuholen und auch alle materiellen Opfer dafür zu bringen. Aber bekanntlich ist die Einwanderung von Personen, die bei Kriegsbeginn noch im feindlichen Ausland lebten, verboten, und es ist nicht gelungen, eine Ausnahme durchzusetzen. Es braucht nicht vieler Worte, um zum Ausdruck zu bringen, wie niederdrückend dieses Gefühl der Ohnmacht für uns Juden ist angesicht« der sicherlich ausserordentlichen Verhältnisse, vor denen wir alle stehen. Das menschliche Empfinden sagt, dass das starre Festhalten an Regeln, die in anderen Zeiten und unter anderen Umstünden festgesetzt worden sind, den Problemen der jetzigen, aller Präzedenzfälle spottenden Situation nicht angemessen ist. m Grosse Sorge erfüllt uns auch Uber das Schickssl der in Skandinavien auf Hachs ch a r a h (landwirtschaftliche Vorbereitung) befindlichen jungen Menschen und Angehörige der JugendaJijah. In wenigen Ländern hat die christliche Bevölkerung so echten Anteil genommen an dem Unglück der Juden wie in Skandinavien, und zwar besonders die einfachen Menschen, die dsuern, aber auch die Intelligenz und die kirchlichen Kreise. Die Bewegung zur Einordnung der Jugendaüjah in Familien war hier keine „jüdische" Angelegenheit, sondern eine Sache der Humanität