Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 I. Die jüdische Gemeinde Berlin. mathsland ersehnend, blos einen zeitweiligen Aufenthalt auf fremdem Boden nahmen, die daher auf diesem blos die Freiheit, hier ihren Lebensunterhalt zu finden, anzusprechen hatten und wirklich blos verlangten. Sie wollten sich vielmehr durch gesetzliche und bürgerliche Stellung in die neue Heimath als Vaterland dauernd einleben, weil sie sich geistig mit demselben verbunden wußten und den Gedanken einer politischen Zusammengehörigkeit der Juden aller Welttheile, die in der Restauration des alten jüdischen Staates ihren thatsächlichen Ausdruck dereinst finden sollte, vollkommen überwunden und aufgegeben hatten. Nur dadurch, daß sie sich zur vollen Höhe des Zeitbewußtseins erhoben hatten, vermochten sie dahin zu drängen, daß man sich rücksichtlich ihrer auf denselben Standpunkt stellen mußte, und erlangten sie die Erfolge ungeschmälert, wie sie aus demselben sich ergaben. Das eben ist das Bedeutsame an dem ganzen Entwickelungsgange der Juden Deutschlands insgesammt in dem abgelaufenen Jahrhundert und der Berliner Gemeinde insbesondere, daß die innere Umgestaltung der äußeren, die geistige Erhebung der bürgerlichen Besserstellung immer vorangegangen ist, so daß auf der soliden Unterlage der äußere Aufbau gesichert war, wenn er auch verzögert werden konnte. Von Moses Mendelssohn an und seinen Genossen bis in das dritte Jahrzehnt unseres neunzehnten Jahr- Hunderts steht Berlin voran in der edelsten und nachhaltigsten Bestrebung zur geistigen Erhebung innerhalb der Juden. Eine Schaar erleuchteter Männer nimmt den regsten Antheil an der allgemeinen Culturbewegung, und Mendelssohn tritt als Vorbild ebenbürtig neben die Besten seiner Zeit; sie wirken unverdrossen dahin, Bildung und geläuterte Gesinnung in alle Schichten ihrer Glaubensbrüder zu tragen. Sie befreien sich von den Vorurtheilen, welche die Jahr- Hunderte den Juden eingepfropft haben, pflegen das ächte geistige Erbe, das ihnen überliefert worden, sind bemüht, das wuchernde Unkraut daraus zu verdrängen, und bereiten mit eindringendem Geiste und muthigem Willen, der die Dürftigkeit der Mittel ersetzen soll, eine gediegene wissenschaftliche Behandlung des Judenthums vor. Das ist Berlin's Ruhm und Glanzperiode. Es ist nicht nöthig, Mendelssohns Wirksamkeit für die Juden nach Außen und nach Innen weitläufig auseinanderzusetzen. Die Bedeutung, welche er als Schriftsteller errang, bestrahlte die ganze Glaubensgenossenschaft,