Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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für Wissenschaft des Judenthums. 2. 37 sie nicht zu unermüdetem Aufschwünge führen können, so sind sie doch unverlorene Anfänge geblieben. In Deutschland zumal erlangt die Kenntniß und Pflege des jüdischen Geisteserbes eine Heimath auch in der christlichen Gelehrsamkeit, die ihr eine unbefangene Pflege in Aussicht stellt, und die Kirchenspaltung, welche die Fesseln knechtender Autorität bricht, eröffnet eine neue Zeit. Eine neue Zeit! Und wie lange doch dauert's bis sie voll eintritt, eintreten wird! Wie die freie kühne That Luther's sich bald in dogmatisches Gezänke einengt, die Mächte der Vergangenheit sich aufraffen, blutige Kriege ünfachen, durch Gewalt und List neue Siege erringen, so ist auch das Judenthum nicht unmittelbar von der Zeitbewegung erfrischt worden. Der heftige Streit über die Erhaltung seiner Schriften, der außerhalb geführt wurde, ging an ihm spurlos vorüber; man wußte im Ghetto nur davon, wenn nach den Büchern gefahndet wurde. Eine geistige Betheiligung daran fand nicht Statt, umsoweniger an dem Streite, der nun innerhalb der Kirche entbrannt war und von dessen weltbewegender tiefer Bedeutung man keine Empfindung hatte. Und doch waren seltsame Ausläufer gerade von eingreifender Wirkung. Die weiterstrebenden Richtungen konnten blos in den regelloseren slavischen Ländern eine Zeitlang eine Geltung erlangen, die ihnen anderswo verwehrt wurde. Böhmen und Polen traten damals in den Vordergrund und haben einen Einfluß sich erworben, der für eine längere Zeit maßgebend und anregend geblieben, aber dann auch die Bestrebungen weiter fortgeschrittener Länder gehemmt hat. So brach von Osten aus die ganze erstarrende Macht der Satzungen in dem Abschlüsse, welchen der Schulchan aruch des Josef Karo aus Safed und des Moses Jsserles aus Krakau bewirkte, herein, nicht minder eine Mystik, die an Abenteuerlichkeit alles Bisherige überstieg, in Isaak Luria und seinem Anhänge. Die widerstrebende Bildung konnte nur im Geheimen trauern, wenn sie nicht der verfolgungssüchtigsten Verfehmung sich preisgeben wollte. Wir beklagen Märtyrer, deren stille Seufzer in aufgegrabenen Schriften wir heute erst vernehmen. Es ist als stünden wir an einem trostlosen Abgrunde. Und dennoch wenn wir uns dorthin versetzend angstvoll blicken, so ruht heute doch das Auge auf dem sicher gewonnenen Boden des Bürgerthums und des Geistes. Wir durchwandern noch kaum drei Jahrhunderte, und eine ungeahnte, neue Kraftentfaltung giebt auch