Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 4 (1866)
- Issue
- 3 (1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 1. Alte Erinnerungen. gar unachtsam wäre der Arzt, der ein Leiden ununtersucht ließe, wenn er ihm auch keine Heilung hätte bringen können; umsomehr wird er sich bemühen, den liefern Grund des Uebels, das einen so beklagenswerthen Ausgang hatte, zu erkunden, damit er Wurzel und Entwicklung der Krankheit erkenne und in spätern ähnlichen Fällen vorbeugend, heilend zu wirken vermöge. Ja, die alten Ereignisse sind an uns dahingegangen, fast in ihren letzten Spuren getilgt, aber was war die tiefere Veranlassung zu jenen schweren Leiden, die über Israel hereingebrochen, wo war der Sitz des Uebels, welches sein starkes Volksthum auflöste? Das ist keine müßige Frage der Neugier, auch nicht blos eine gelehrte Untersuchung der Alterthumsforschung, das ist eilte Betrachtung über den innern Gang des Staatslebens, über die drohenden Gefahren, in welche eine verkehrte Behandlung dasselbe stürzt. Aus der Erkenntniß der Vergangenheit begreifen wir die Gegenwart, sollen wir lernen, den Krankheitsstoff in unserer eigenen Mitte zu bewältigen. Woran ist Israelis Reich zum ersten Male untergegangen, wieso ist sein Heiligthum zerstört, das Volk in die Verbannung geführt worden? Zunächst freilich war es die Uebermacht und wilde Eroberungssucht des babylonischen Weltreiches, welcher Juda unterlag, wie bereits früher Israel der des assyrischen. Der Sturm brauste einher und knickte — die bereits morschen Stämme; die Wurzel war bereits unterwühlt, und es bedurfte nur eines kräf- Ligen Anstoßes, um den Stamm mit Laub und Früchten zu vernichten. Zwietracht nagte am innern Marke des Volksthums, verzehrte seine besten Kräfte; Eifersucht zwischen Juda und Ephraim ließ es zu keiner innern Einheit gelangen. In zwei Reiche zerspaltete sich das eine Volk, und das Verlangen eines jeden die Oberherrlichkeit über alle Stämme zu führen, nährte und verschärfte die Erbitterung unter ihnen. Da freute sich Ephraim, Juda Wunden schlagen zu können, und Juda jubelte über einen Sieg, den es über Ephraim errungen; in diesem Kampfe ging das einige Volksbewußtsein unter, der Gedanke des gemeinsamen Vaterlandes ermattete, in beiden Neichen erlahmte die Kraft, zersplitterte sich in den Versuchen sich gegenseitig niederzuwerfen, sie lockten, ja sie riefen den Feind herbei, der mit lüsternen Blicken schon lange lauerte, und die Schützlinge wurden — Knechte. Die Stimme der Propheten, welche den Mahnruf zur höheren Einigung in dem großen Gedanken Israels laut erhoben, verhallte vergeblich. Sie