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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 127

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 127 (sequence 47)
Language
German
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Biblische Stoffe in der neuern deutschen Dichtung. 127 II. Daß ich sah das Land der Väter, Daß die Gedern mich umrauscht, Daß ich hörte die Propheten Und des Priesters Wort gelauscht: Ach, das alles waren Träume, Heitre Phantasien der Nacht — Sie zerstoben vor der Klarheit, Die der Morgen mir gebracht. Ja, der Morgen brachte Klarheit! — Oede ist das heil'ge Land, Und die Stelle voll Ruinen, Drauf Jehova'hs Tempel stand. Und nur wen'ge Gedern ragen, Zeugen einer bessern Zeit, Und die Priester sind erschlagen, Die Propheten sind zerstreut. Doch das Volk, das allerorten Andern Völkern unterthan, Glücklich ist's und sehnt sich nimmer, Nimmer sich nach Kanaan. Denn nach tausendjähr'gen Leiden Ward ihm jetzt des Heiles Zeit — Seit es fand bei allen Völkern Freiheit, Schutz und Gastlichkeit! Literatur. Wüsche SM in der neuern deutschen Dichtung. II. Die Zahl epischer und dramatischer Dichtungen des 18. Jahrhunderts, welche biblische Stoffe behandeln, ist eine unglaublich große, und wir müssen eine strenge Auswahl vornehmen, um nicht durch die Ueberfülle des Materials unsere Darstellung zu sehr in die Breite zu ziehen. Niemals vorher und nachher wurde die Bibel so eifrig und so vielfach als Fundgrube von zu poetischer Gestaltung geeigneten Stoffen benutzt. Der Ton, welchen Milton zuerst angeschlagen hatte, lind dein Bodmer ein so lautes Echo zu verschaffen wußte. Pflanzte seine Schwingungeil über ganz Deutschland fort und erhielt sich in voller Stärke bis in die siebziger Jahre, ja länger noch, bis zu jener Zeit, in welcher die Jugendtragödien Schiller's, diese Prophetien der kommenden Revolution, eine neue Epoche in dem Geistesleben des deutschen Volks eröffneten. Bis dahin aber ließ das Volk, ziemlich abgestumpft und theilnahmlos für alles, was nicht greifbar vor ihm lag, ruhig von seineil Pfarrern lind Pastoren sich die Bibel vorlesen und das Evangelium erkläreil, und gleichzeitig vertieften sich auch die Gebildeten, die Poeten und die Gelehrten mit immer steigender Theilnahme in das Studium der Bibel, diese letztem freilich nicht aus religiösen, sondern aus ästhetischen Gründen. Der oxforder Professor Robert Lowth war der erste, welcher der Bibel gegenüber offen den culturhistorischen und ästhetischen Standpunkt einnahm, und seine Vorlesungen über die hebräische Poesie, welche im Jahre 1753 im Druck erschienen („äo 8nem poosi Ilolu'uecuum prnoloetiones Lenckoinienö Oxonii kabitao"), fanden, von Moses Mendelssohn lebhaft empfohlen und von Joh. Dav. Michaelis noch tiefer begründet, schnell auch in Deutschland Anklang und Nachfolge, und die Anschauung, der man sich hier schon inehrere Jahre lang fast unbewußt hingegeben hatte, pflegte man nun mit klarem Bewußtsein und verdoppeltem Eifer: man suchte den Werth der Bibel nicht mehr nach der religiösen Richtung, man erkannte, daß in den heiligen Büchern der Juden ein Schatz echter, unmittelbarer Poesie enthalten sei, man las die Bibel, wie man Homer, Milton, Klopstock und später Dssian las. „Was Homer den alten Sophisten war", schrieb Hamann einmal, „find für mich die heiligen Bücher gewesen, aus deren Quelle ich bis zum Misbrauch vielleicht mich berauscht Diese Worte sind charakteristisch für die ganze Literaturperiode.

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