Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 9 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus der Siedlungsgenossenschaft
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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weiterten, reisten ein Jahr vor mir nach Palästina, um als Lohnarbeiter in verschiedenen Betrieben Land und Leute kennen zu lernen. Im März des vorigen Jahres gesellten sich zu ihnen noch 3 palästinensische Arbeiter und so zogen wir zu sieben in die arabischen Chuschen und begannen mit Pferd und Pflug unsere Arbeiten. Die Tiere hatten wir uns aus Damaskus, die Pflüge (von Sack) aus Leipzig geholt. Ein ganzes Stück Symbolik steckt dahinter: arabisch-orientalische Kultur gepaart mit der Technik des landwirtschaftlich höchst intensiven Sachsenlandes. Dieser Gegensatz von Orient zu Okzident stellt sich auf Schritt und Tritt unserer Arbeit hindernd in die Quere. Der nomadisierende Beduine vom Hauran drängt seine Bekanntschaft dadurch auf, daß er dem Wegtreiben seiner weidenden Herde von unseren Weiden- und Gerstenschlägen mit dem in seiner sehnigen Hand zur gefährlichen Waffe werdenden Eisenkopfstocke (Nabut) entgegentritt oder bei ertapptem Raubgang die Flinte schußbereit ansetzt. Der durch das subtropische Klima träge und durch die Bedürfnislosigkeit faule Fellache, der, beim Diebstahl ertappt, mit eigenartigem Lächeln über das ganze Gesicht von einem unschuldigen Spaß spricht und, wenn ihm das Unternehmen gelungen, das Gemauste als sein Eigentum verwertet — ist auch keine gemütliche Nachbarschaft für einen europäisch zu leitenden Wirtschaftsbetrieb. Mehr als störend sind die bakschischsüchtigen Regierungschajals — doch darüber muß des Sängers Stimme schweigen . . . Unsere Leute arbeiten von der ersten Minute an willig, freudig, diszipliniert. Zu meiner größten Freude konnte ich beobachten, daß jedes Tier, das winzigste Gerät, vorsichtig und schonend, wie dies wo anders nur der Eigentümer mit seinen persönlichen Gütern zu tun gewöhnt ist, behandelt und genützt werden. Mit Sonnenaufgang gehts zur Arbeit, ohne viel sagen und befehlen zu müssen, ohne Aufpassen gehen die Arbeiten munter vorwärts; erst am späten Abend finden sich Mann und Tier in denkbar primitivster Stube und Stall ein. (Zum Bauen war keine Erlaubnis.) Das erste Mädchen, das sich bereit erklärte, mit uns zu arbeiten, hat irgend etwas Erreichbares warm, meistens kalt aufgetischt, dann sitzen wir und verzehren die bescheidenen Speisen, besprechen dabei die geleisteten und die am nächsten Tage auszuführenden Arbeiten, überlegen gerneinsam, woher und wie noch Leute für unsere Wirtschaft heranzubekommen. Denn eigenartig, der Siedlungsgedanke hatte hier in Palästina unter den Proletariern keine Anhänger, keine Freunde. Vielleicht in anderen Kreisen? Im Gegenteil, hier in Galiläa blühte und wuchert glücklicherweise jetzt nur noch zum Teile ein osteuropäisch verstandener Kommunismus und Kollektivismus, gesät und emporgewachsen in Zeiten einer tyrannisch niedergezwungenen 122