Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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206 dieser Repräsentanten eröffnet das Dezemberheft (Nr. 3), Jean-Richard Bloch. Die- Atmosphäre des geistigen Judentums aller Länder durchweht diese Blätter, sie sind eine Brücke spiritueller Kommunikation und namentlich das Moment der jüdischen Mystik, die die Zeiten überdauert, ist hier in den Mittelpunkt gestellt. Hier taucht auch der Name Martin Bubers, des Mittlers ostjüdischer Mystik für den Westen, auf. Dem Begriffe des Judentums als Nation, der — ob allgemein zugestanden oder nicht — völkerrechtlich fixiert worden ist, demi juridischen Begriffe des historischen Rechtes durch „Nichtverzichtleistung" auf das Land, sind sehr eingehende und wert_ volle Untersuchungen von I. Stoyanovsky gewidmet, der Araberfrage, überhaupt dem Problem „Palästina und Vorderasien4' der kenntnisreiche Aufsatz von A. Barisac, der Minoritätenfrage, gleichfalls vomi juristischen Standpunkte aus, mehrfach auf Benesch basierend, die Ausführungen des Professors M. Vichniac. Diesen Gedankengängen gliedert sich die Darstellung über die Maßnahmen Frankreichs im Interesse der armenischen Flüchtlinge organisch an, während Pierre Bonardi in fast ekstatischer Leidenschaft bekennt, wie er — ein Korse — angesichts des wiedererstehenden Palästina in Gedanken an seine verödete Heimatinsel „mit schamroten Wangen'4 dagestanden. Chronikberichte aus Palästina, Briefe von Charles Netter an das Zentralkomitee der Alliance Israelite im Jahre 1869 aus Palästina, die in Heft 4 fortgesetzt werden, Pädagogisches vom Leiter des (Kinderdorfes im Emek, M. Pougatschoff, ergänzen den reichen Inhalt des dritten Heftes. Ja, um wirklich Ost und West zu verbinden, erscheint eine Novelle von Perez in französischer Uebertragung, Nun aber die beiden Nummern des Jahres 1928: Sachlich und informativ wie die früheren, namentlich durch die zionistischen Experten wie Hoofien (Das neue Geld Palästinas), Steinig (Die Juden der Diaspora in der Agrikultur), L Seidener (in seinen Ausführungen über die industrielle Entwicklung und ihre Aussichten in Palästina) sowie — last but not least — durch die gründlichen Darstellungen und Tabellen von Dr. Hermdne Rabinowitsch über „Die jüdische Genossenschaftsbewegung nach dem Kriege", zeichnen sich diese beiden Hefte durch zwei tiefschürfende Essays über jüdisches Wesen aus. Der -eine (Nr. 4) heißt „Die jüdische Seele" von Elias Faure und behandelt mit feinster Analytik die Beeinflussung der westlichen Welt durch das Judentum, um derart die jüdische Grund Substanz als stabile, konsequente, bloßzulegen. „Nicht das Jüdische ist unbeständig" heißt es hier, „vielmehr bestehen die intellektuellen Konstruktionen der wechselnden Zeiten nicht vor seiner erschreckenden und erbarmungslosen Klarheit. Seine unerbittliche Logik ist die ruhende Achse des rotierenden Kreises." Diese durch den unerbittlichen Drang nach Wahrheit herbeigeführte „Umwertung der Werte" findet der Autor ebensowohl bei Moses wie bei Jesus von Nazareth, bei Montaigne, Spinoza, Bergson, Freud, Einstein. Marcel Proust und — Charlie Chaplin. Bei der Lektüre dieses geistreichen und eigenartigen Essays ebenso wie bei dem vielleicht noch tiefer reichenden von Georges Cattaui „Marcel Proust und die Juden'' Nr. 5, empfinden wir es mit aller Deutlichkeit, daß jene nicht leicht zu definierende, aber unleugbar Affinität zwischen französischem und jüdischem Geiste — verwandt in der Passion wie in der Skepsis — den französischen Menschen zu hellsichtiger Einfühlung in die jüdische Psyche befähigt, in einem Maße, wie dies Deutschen selten gelingen mag. So ist eine der glänzendsten jüdischen Gestalten — der junge Silbermann — mit vollendeter Intuition vom Franzosen Jaques de Lacretelle geschaffen worden. Die Zeitschrift ist nicht wie die vorliegende, vorwiegend den ökonomischen Fragen gewidmet, sie will vielmehr von einer westlichen Metropole aus, die sich für die völkerrechtliche Festlegung der jüdischen Heimstätte mitverantwortlich fühlt, Genf benachbart ist und in ihren besten Geistern die Prinzipien der Menschlichkeit und Gerechtigkeit verkörpert, der ganzen internationalen Menschheit die Bedeutung der „Terre Promise" im alten und im! neuen Sinne vor Augen führen und das Gewissen wach halten. Justin Godard, der Herausgeber, als Vorsitzender der Association France-Palestine, ist, wie Sokolow dies wiederholt ausgesprochen hat, nicht nur einer der Freunde des Zionismus, deren wir auch unter Nichtiuiden zu unserer Freude gar nicht wenige haben — er ist mehr als dies — er ist einer der ganz wenigen: er ist französischer Zionist. So wie Heine in der „Revue de deux mondes" den Franzosen das geistige und auch das empirische Deutschland näher zu bringen trachtete, in jener pazifistisch und völkerverbindend gedachten Revue, deren Tendenz seit dem zweiten Kaiserreich bis zum Weltkrieg aus dem Leben Frankreichs fast gänzlich eliminiert schien, so erschließen Justin Godard und seine Mitarbeiter in dieser Revue, die auch eine „Revue de deux mondes" in noch größerem Ausmaße genannt werden darf, dem französischen. Volke das geistige wie das empirische Erez Israel in wahrhaft pazifistischer, völkerverbindender Sympathie. Dr. Martha Hof mann, Wien.