Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Die neue arabische Partei : Pressestimmen [Nachricht]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 2)
- Language
- German
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83 Da aber die englische Position fest ist, der Vergleich mit dem französischen Regime in Syrien zugunsten der Engländer ausfällt, so hat sich die Haltung der arabischen Bevölkerung vollkommen geändert Der Verfasser fährt dann fort: Ihre innere Zerrissenheit hat ihre Schwäche noch gesteigert. Nicht nur besteht eine Eifersucht zwischen Mohammedanern und Christen, da die Christen durch ihre Erziehung in den Missionsschulen europäischer Sprächen kundig und im allgemeinen gebildeter als die Mohammedaner, die Regierungsposten in einem weit höheren Ausmaße einnehmen als ihnen zahlenmäßig zukäme, sondern es kommt dazu der Gegensatz zwischen den führenden Familien, insbesondere der Kampf, der von einer stetig wachsenden Opposition unter den Mohammedanern gegen die Familie Husseini geführt wird/ Die Husseinis haben sowohl das Präsidium in dem Arabischen Nationalen Kongreß, der die Vereinigung aller, unmittelbar nach dem Kriege gebildeten mohammedanisch-christlichen Vereinigungen darstellt, wie auch die Leitung in dem Obersten Mohammedanischen Rat in der Hand, was auch von großer materieller Bedeutung ist. Der Oberste Mohammedanische Rat verwaltet die Einkünfte der religiösen mohammedanischen Stiftungen in Palästina, die sich im Jahre 1925 auf Pf. St. 53.833.— belaufen haben. Der Oberste Mohammedanische Rat verfügt über die Besetzung von 552 Beamtenstellen und bei dem im Orient — aber nicht nur in orientalischen Ländern — üblichen Verlangen der wohlhabenden Familien, ihre Söhne in Beamtenstellungen unterzubringen, ist es verständlich, daß über die Beherrschung des Obersten Mohammedanischen Rates ein heftiger Kampf ausgebrochen ist. Dieser Kampf hat trotz aller' Versuche der jüngeren arabischen Politiker, eine Einigung herbeizuführen, es verhindert, daß der Arabische Nationale Kongreß wieder zusammentreten konnte oder daß regelrechte Wahlen für die Neubesetzung des Obersten Mohammedanischen Rates hätten stattfinden können. Nun haben sich -unter dem Einfluß jüngerer arabischer Politiker einige Kreise der Opposition unter Führung des Redakteurs der bedeutendsten arabischen Zeitung Palästinas, des Jaffaer »F a 1 e s t i n«, zusammengetan und eine neue Partei gegründet, die die »Liberale Partei« genannt wird. »Falestin« war durch viele Jahre hindurch das Sprachrohr der., Husseini-Gruppe und der Abfall des Redakteurs des »Falestin«, Issa-el-Issa, von den Husseinis war vielleicht das hervorstechendste Zeichen für einen "Wandel in der politischen Haltung der Araber Palästinas. Die neue Partei setzte es sich zum Ziel, die Parteigegensätze aufzuheben und eine Vereinigung aller arabischen Politiker Palästinas herbeizuführen. Der realistische Zug ihres Programmes wird dadurch gekennzeichnet, daß die großen politischen Losungen der letzten Jahre, wie Kampf gegen das Mandat, Kampf gegen die Balfour-Deklaration usw. fehlen, und daß dafür die Sorge um die bürgerlichen Rechte und die Freiheit der Bevölkerung und um die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der arabischen Bewohner in Palästina an ihre Stelle treten. Die neue Partei tritt für eine Zusammenarbeit mit der Regierung ein und ist sicherlich bereit, alle Vorschläge, die die Regierung künftig zwecks Einführung und Erweiterung autonomer Institutionen im Lande machen wird, zu unterstützen. Die neue Partei ist zu der Erkenntnis gekommen, daß es vor allem notwendig ist, auf die wirtschaftliche Erschließung und Hebung des Landes, auf den Schutz seiner natürlichen Schätze und auf die Förderung der lokalen Produktion ihr Hauptaugenmerk zu. richten, In ihren sozialen Bestrebungen ist sie viel moderner als alle bisherigen arabischen Parteien im Lande. Sie bemüht sich um Organisation und Schutz der arabischen Arbeiterschaft, unterstützt die Fellachen in ihrer Forderung um die Abschaffung des Oscher und des Werko und tritt für die Gründung einer Agrar- und einer Hypothekenbank ein. So deutet sich in dem Programm dieser Partei nicht nur ein politischer Wandel, sondern auch eine Aenderung in den Anschauungen über Wirtschaft und soziale Ordnung der palästinensischen Araber an. Sie folgen in dieser Beziehung den entwickelteren arabischen Parteien Aegyptens. Auf dem Gebiete der Erziehung strebt die Partei allgemeine Volksschulbildung für alle Schichten der Bevölkerung und die Hebung des höheren Unterrichts und Gründung einer Hochschule an. Es ist nicht anzunehmen, daß das Programm der neuen arabischen Partei eine baldige Aenderung in dem sozialen und kulturellen Verhalten der arabischen Führer zur Folge haben wird und daß diese von nun an mit stärkerem Eifer an die Hebung des wirtschaftlichen und kulturellen Niveaus der Fellachen schreiten werden. Aber jedenfalls sind in dem Programm der Partei symptomatische Wandlungen angedeutet, die zu beachten gut sein wird. Die zwei wichtigsten arabischen Zeitungen »Falestin« und »Karmel« — die in Haifa erscheint und als die progressivste arabische Zeitung gelten kann — unterstützen die neue Partei, die als der erste Beginn des Versuches eines politischen Mündigwerdens der jungen arabischen Intelligenz und des erwachenden arabischen Bürgertums in Palästina gedeutet werden kann. 6*