Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 10 (1927)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Rundschau. Wirtschaft. / Dr. Kurt Grunwald (Tel-Awiw).
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 2)
- Language
- German
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59* die Entwicklung hier weitaus rascher vor sich. Wir sehen in einer Krise, den Zeitraum, in dem sich krampfartig die krankhafte Struktur einer Wirtschaft offenbart. Der krankhafte Zustand äußert sich in einer mit Kreditüberspannung verbundenen Ueberspekulation. Die Folge sind Kreditzusammenbruch und weiters Zahlungseinstellungen und Bankerotte. Die Kreditkrise in Palästina, die durch äußere Ursachen politischer und wirtschaftlicher Natur ausgelöst war, war im eigentlichen begründet durch eine Gründungskrise, das heißt daß die Spekulation eine Reihe von Unternehmungen gegründet hatte, die auf falschen Voraussetzungen basiert oder ungenügend finanziert waren, begründet ferner in einer Warenhandelskrise, wenn wir den Bodenhandel hier besonders ins Auge fassen, und endlich in einer Kapitalskrise, wenn man an die zahlreichen Unternehmungsanlagen denkt, zu deren Ausführung das in der Wirtschaft kursierende Kapital nicht ausreichte. Als etwa im September 1925 die Anzeichen einer Krise auftauchten, glaubte man zuerst, es nur mit einer Kreditklemme zu tun haben, .aber die nächsten Monate bewiesen das Gegenteil. Es begann die Krise, auf die die Stockung folgte, in der^wir noch mitten drin stecken. Ihre Symptome: Ueberwiegen des Angebotes über die Nachfrage, Brachliegen persönlicher und sachlicher Produktivkräfte, wirtschaftlicher Druck, sind allbekannt. In dieser Zeit hat die Wirtschaft sich reorganisiert, Krankhaftes ist verschwunden oder wird: saniert, eine die Emigration übersteigende Auswanderung führt die der Wirtschaft nicht eingeordneten Kräfte zurück. Aber immer noch dauert die Einwanderung an, wieder hören wir von Neugründungen, von Plantagenanlagen. Wohl vereinzelt, aber immerhin Symptome, daß wir das Stadium des Niederganges bereits hinter uns haben. In den letzten Wochen hat man häufig schlagwortmäßig diesen Sanierungsprozeß als „Liquidierung der Vierten Alijah" bezeichnet, ein Wort, das ebenso unrichtig wie ungerecht ist. Es ist noch nicht die Zeit gekommen, um die Bedeutung der „Vierten Alijah" für die Wirtschaft Palästinas, ja sogar für die. Wirtschaft' des nahen Ostens zu ermessen. Wohl mag man hinweisen auf die schädlichen Wirkungen; was aber nicht zu bestreiten ist, ist das, was bei dieser sogenannten Liquidierung übrigbleibt. Es besteht heute eine Industrie in Palästina, wie in keinem der Nachbarländer. Nicht die" Großindustrie, von der man immer hört. Diese' ist nicht das Ausschlaggebende. Es-ist die Mittel- und Kleinindustrie, von der man wenig hört, die sich aber mit beispielloser Energie trotz HemT inungen, trotz Mißerfolg immer weiter vorwärts entwickelt. Wir hören von einer Zahnfabrik, die vierzig Arbeiter beschäftigt, von einer neuen Strumpffabrik, die dreißig Arbeiter .beschäftigt, usw. Und wie diese kaum der Oeffentlichkeit bekannt sind, so gibt es zahlreiche andere, die mehr ^)der minder alle der „Vierte Alijah" benannten Immigrationswelle zu verdanken sind. Und wer mit dem Worte Liquidation auf die Auswanderung hinweisen will, sollte diese auf. ihre Zusammensetzung prüfen, zu welchen Teilen .die verschiedenen Alijoth an ihr beteiligt sind. Und man sollte auf jene Berichte hören, die von denen erzählen, die nicht verzweifelt als Desperados geflohen waren, sondern besiegt von den Verhältnissen den Rückzug antreten mußten und nun von neuem zum'Kampfe rüsten. Die Palästinadynamik des Ostjuden läßt sich auch durch Rückschläge nicht erschüttern. Inzwischen sehen wir, wenn vorerst auch nur vereinzelt, das Einsetzen einer Immigration bemittelter Elemente aus Amerika und. Südafrika, die in aller Stille Geld für produktive Zwecke investiert. Eine solche Immigration des Kapitals zu fördern, müßte Ziel aller am Aubfau des Landes interessierten Instanzen sein. Immer weiter muß die Erkenntnis dringen, daß nationale Kapital nicht Träger, sondern nur Regulator der Volkswirtschaft sein kann und daß eine Arbeitslosigkeit auf die Dauer nicht durch Fonds, sondern nur durch wirtschaftliche Kapital absorbiert werden kann. ,; :;; ,' .