Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 4 (1907)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1907)
- Article
- Rivalität der Konfessionen im Heiligen Lande [Nachricht]
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 101 (sequence 2)
- Language
- German
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— 101 — nicht verstanden. Unwissenheit und Aberglaube ist bei den Geistlichen wie beim Volke sehr groß. Die russische Kirche macht der griechisch-orthodoxen zur Zeit scharfe Konkurrenz und wendet große Mittel dafür auf. Sie verfolgt damit politische Absichten und will den Einfluß Rußlands auf Palästina stärken. Die lateinische Kirche, wie die römisch-katholische im Orient genannt wird, steht bei diesem Bruderzwist als tertitis gaudens zur Seite. Sie ist schon ein fremdes Element im Morgen- 'and, in der Hauptsache durch die Kreuzzüge dahin verpflanzt. Räch den Kreuzzügen verschwand sie fast ganz aus Palästina, und erst seit dem vorigen Jahrhundert beginnt sie mächtig emporzublühen. Eine große Anzahl, von Klöstern, Schulen und Erziehungsanstalten werden von ihr unterhalten. In den Kämpfen Palästinas bildet die protestantische Kirche einen jüngeren Faktor. Sie ist nur unbedeutend, weil das Werk noch nicht lange betrieben wird. Amerikaner, Engländer und Schweden begannen es, die Deutschen setzten es fort. Neben dem Jerusalemverein sind einzelne selbständige Anstalten zu nennen, das syrische Waisenhaus, das Krankenhaus der Kaiserswerter Diakonissen, das Aussätzigenasyl ,,Jesushilfe", das Erziehungsinstitut für Mädchen ,,Talitha kumi" und andere. Endlich sind noch die Juden zu nennen, die an Zahl durch starke Zuwanderung immer mehr zunehmen. Zahlreiche Kolonien zeugen von ernstem Willen, im Lande festen Fuß zu fassen. Ob dieser Versuch gelingen wird, läßt sich jetzt noch nicht entscheiden. Welche von den kämpfenden Mächten Siegerin bleibt, läßt sich ebenso wenig voraussagen. Interessen der europäischen Staaten im Orient. in den letzten Wochen beschäftigte sich die englische Presse viel mit den Fortschritten Deutschlands im türkischen Orient und der Bevorzugung deutscher Unternehmer zu Ungunsten der englischen seitens der türkischen Regierung. Wir übergehen die Einzelheiten dieser heftigen Polemik zwischen der deutschen und englischen Presse und wollen hier nur auszugsweise interessante Ausführungen des ,,Ratgebers auf dem Kapitalmarkt" vom 24. Januar wiedergeben, die in lebhafter Weise die großzügige und gediegene Beteiligung von Deutschen an der Erschließung des Orients schildert. Von der Ansicht ausgehend, daß die Mißgunst des Auslandes der beste Beweis für den Erfolg deutscher Bestrebungen ist, führt das erwähnte Blatt aus: In der Tat: Das Vordringen des deutschen Geschäftsgeistes in Kleinasien wird in der ganzen zivilisierten Welt mit so unverhohlenem Mißvergnügen verfolgt, daß wir berechtigt sind zu sagen: Das ist die Perle unserer Kulturtaten. Südwest- Afrika mißgönnt uns niemand; aber um die Bagdadbahn beneidet uns England mehr, als wir unsererseits England um die Goldkammer des Transvaal beneiden. Wir brauchten darauf nicht weiter stolz zu sein, wenn es unser politischer Machtzuwachs in der Türkei wäre, was England reizt und kränkt. Aber politische Eroberungen sind in Mesopotamien wirklich nicht zu machen. Der Endpunkt der Bagdadbahn am persischen Golf, Kueit, kann für uns nicht einmal als Flottenstützpunkt in Frage kommen, und das Heranrücken eines deutschen Schienenweges an Indien wird die Verstärkung * der englischen Kolonialtruppen auch noch nicht um. ein einziges Bataillon erforderlich machen. Nein, es ist ausschließlich wirtschaftliche Rivalität, die da entbrennt, und es ist nicht der englische Politiker, sondern der englische Kaufmann, der das Werden und Wachsen der Bagdadbahn zornigen Auges verfolgt. Ist das verwunderlich? Durchaus nicht. Denn das Werk des Mannes, der eines Tages den klugen Plan entwarf, den Bosporus mit den persisch' indischen Gewässern zu verbinden, steht an Bedeutung nicht hinter demjenigen