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Palästina · 1907-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1907) · p. Seite 55

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Journal
Palästina
Volume
4 (1907)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1907)
Article
Die Umwandelung der Kolonisationsmethoden in Argentinien
Date
1907-01-01
Page
Seite 55 (sequence 2)
Language
German
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- 55 — Brotfrucht als Aufgabe gestellt war, bei der Gründung von Kolonien im wesentlichen nur auf die Fruchtbarkeit des Bodens und seine Eignung zum Ackerbau Gewicht gelegt, und, wie in Brasilien, galt es als eine unerläßliche Voraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung der Kolonien, daß den Ansiedlern ein größeres oder ge* ringeres Maß von Fürsorge und Unterstützung durch Versorgung mit Lebensmitteln und lebendem und totem Inventar zu teil werde. Wie in vielen Fällen in Brasilien, war das Ergebnis, daß der Werdegang dieser Kolonien ein langsamer und mühevoller war, bis die zahlreichen, für das harte Ringen um die Existenz ungeeigneten Elemente ausgeschieden waren und die tüchtigen ihr Ausharren undt ihre Energie von Erfolg gekrönt sahen. Nach diesem System wurde noch eine Reihe anderer Kolonien ge* gründet^ aber von der Zeit ab, wo der argentinische Ackerbau so weit gediehen war, daß er den Bedarf des Inlands an Brotgetreide zu decken vermochte, trat eine Änderung ein, und wenn bisher, wie in Brasilien, das Verfahren bei der Kolonisation dem ähnlich gewesen war, wie es in den Vereinigten Staaten von Amerika bei der Erschließung der Urwaidregion des Westens angewendet worden war, so ging die Kolonisation in Argentinien jetzt die Wege, die man in den Vereinigten Staaten bei der Kolonisation der Präriegegenden so erfolgreich beschritten hatte. Die Eisen* bahnen wurden die Richtlinien der Kolonisation, und günstige Lage zu den Verkehrswegen, Anschluß an den Weltmarkt wurden jetzt die maßgebenden Gesichtspunkte für die Anlage neuer Kolonien; und ebenso erfuhr die Methode der Besiedlung eine tiefgreifende Wandlung. Das patriarchalische Moment der Fürsorge für den Ansiedler tritt immer mehr zurück, die Kolonisation nimmt mehr und mehr den Charakter eines rein geschäftlichen Unternehmens an. Die Kolonien werden nicht mehr von den Regierungen und von Kolonisationsunternehmungen gegründet, die den Kolonisten in gewisser Beziehung bevormunden und in Abhängigkeit erhalten, aber ihm auch Schutz und Hilfe gewähren; die JNeugründungen kommen vielmehr immer häufiger in der Art zustande, daß die Großgrundbesitzer einen Teil ihres Landes durch Kolonisatoren, die oft nur die Rolle des Maklers zwischen den Eigentümern und den Kolonisten spielen, aufteilen und besiedeln lassen. Auch der Werdegang des Kolonisten wird ein anderer. Die Ansiedler der neuen Kolonien sind ihrer Mehrzahl nach nicht mehr neu eingewanderte Ackerbauer, die gleich nach der Ankunft als Eigentümer zu wirtschaften beginnen, es sifid vielmehr Leute, die sich die Mittel zürn Landerwerb durch ihrer Hände Arbeit im Lande selbst erworben, die ihre Laufbahn als Landarbeiter begonnen haben, um allmählich erst Anteilpächter, dann Pächter und endlich Eigentümer zu werden. Andere Unterstützungen als Erleichterung des Landerwerbs durch Gestattung von Teilzahlungen werden von diesen Kolonisten nicht beansprucht und werden ihnen auch nicht gewährt. Die Beziehungen zwischen Kolonisator und Kolonist beschränken sich auf ein reines Vertragsverhältnis; das ethische Moment ist ausgeschaltet. Von einer moralischen Verantwortlichkeit des Kolonisators dem Kolonisten gegenüber ist nicht mehr die Rede.*) Dieses neue Kolonisationssystem, das sich ohne Zutun von außen aus den . gegebenen Verhältnissen allmählich ganz von selbst entwickelte, begann sich im vorletzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auszubilden, um dann im letzten, als die *> Bei der jüdischen Kolonisation in Argentinien machten die besonderen Verhältnisse tind Zwecke auch däs ältere System notwendig. Die grossen Schwierigkeiten, die hier überwunden werden mussten, ehe die Kolonien der „Jewish Colonization Association", zu einer einigermassen befriedigenden Entwicklung gelangten, ist nicht allein der geringen Tauglichkeit des Kolonistenmaterials, sondern auch dem Umstände zuzuschreiben, dass hier aus zwingenden Gründen die Anwendung des Kolonisationssystems nicht möglich war, das die Ertahrungen der -Praxis bereits als das für Argentinien am meisten geeignete erwiesen hatten.

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