Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1843)
- Article
- Marienbad: Armenwesen
- Date
- 1843-12-26
- Page
- Seite 413 (sequence 2)
- Language
- German
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413 noch mit seiner schwachen Stimme bis jetzt nicht zu dem harten Trommelfell und noch hartem Herzen Vieler gedrungen zu sein; oder war wenigstens noch nicht so stark, um die kräftigere der Leidenschaft und des blinden Wahns und Hasses zu übertönen. Dieses möge folgendes wahrhafte Geschichtchen, pafftet in diesem Jahr, bekunden. Nach unserem bekannten Bade in Böhmen, das alljährlich mehre Besucher zahlt, kommen auch sehr viele Juden, und darunter auch sehr viel arme, zumeist polnische Juden. Man wird vielleicht fragen, wie können auch Juden, zumal arme, polnische Juden sich unterstehen, in das Bad zu fahren, oder zu gehen? — doch muß ich die würdige Beantwortung einer in solchem Geiste gethanen Frage einem Korrespondenten oder gar der Redaktion der allgem. Augsburger Z. überlassen, die von Juden, namentlich von polnischen, immer soviel Plaisirliches und Gründliches mitzutheilen weiß; ich kann darauf nur erwidern: die Leute kommen im Vertrauen auf Gott und Menschen, und dieses muß sie wohl noch nie ganz getauscht haben. Dafür spricht ihre öftere Wiederkehr; besonders aber, daß man noch in keinem deutschen Blatte gelesen, wie ein armer Jude im Bade vor Hunger gestorben, woran sich gar erbauliche, mildliebliche Betrachtungen knüpfen ließen. Will ich damit auch nicht anerkannt haben, daß alles Böse, das deutsche Blatter (mit nur geringen Ausnahmen) so bereitwillig von Juden mitzutheilen wissen, wahr sei; so dürste doch gegen den Schluß, daß, wo sie nicht anklagen, gewiß keine Veranlassung dazu heraus zu finden, Nichts einzuwenden sein. Doch zurück von dieser Abschweifung! Mit Dank muß es anerkannt werden, wie von Seiten der Bade-Inspektion verhältnismäßig die jüdischen Armen berücksichtigt werden- Von denselben bekommen nämlich Einige, so wie die sichtlichen Armen, freie Wohnung und wöchentlich eine kleine Geldspende, wie auch sammtliche mit einem Armen-Attest versehene, freie Benutzung des Brunnens und der Bäder haben. Doch kann dieses nur verhältnismäßig geschehen, die Anzahl der jüdischen Armen ist aber so unverhältnißmäßig, daß der größere Theil nur auf die Gaben der Mildthatigen angewiesen ist. So waren denn die zahlreichen Armen mit ihrer Noch, eine wahre Noch für die armen Reichen, die sich besonders von dem öffentlichen Betteln belästigt fühlten. Um nun diesen gegenseitigen Uebeln abzuhelfen, veranstaltete ein junger Arzt, jüdischen Glaubens mit Zuziehung einiger achtbarer Männer, eine Sammlung bei seinen vermögenden Glaubensgenossen, und das zusammengebrachte Geld wurde allwöchentlich an einem bestimmten Tage, an die Armen vertheilt. Dabei konnten diese auch besser überwacht, das wahrhafte Bedürfnis berichtet, zudringliche Bettelei aber abgewiesen werden. Obendrein wurde über Einnahme und Ausgabe genaue Rechnung geführt, um nicht allein jede Verdächtigung, gegen die schon der Charakter der Vertheiler genugsam sprach, sondern auch jede Anklage wegen Vernachlässigung abzuweisen. Diesem Allen unterzog sich Herr Dr. L. mit wahrhaft aufopfendem Edelsinn, und wurde auch seine uneigennützige Bemühung allgemein anerkannt und nach Kräften unterstützt. Im Interesse seiner Pfleglinge war es dem menschenfreundlichen Arzt jedesmal sehr erfreulich, wenn die Badeliste wieder einen reichen Glaubensgenossen meldete; und so schickte er auch, einige Tage nach der Ankunft des Hrn. von Haber, den Sammler zu demselben. Hr. v. H. wies ihn jedoch sehr unfreundlich ab, ohne irgend einen Beitrag zu geben. Später äußerte er sich gegen Dr. L., wie er es sehr befremdlich finden müsse, für jüdische Armen angegangen worden zu sein. Da ich zu dieser Glaubensgenossenschaft nicht gehöre, dürfen auch ihre Armen mich nicht mehr als andere interessiren; meinen Beitrag zur Armenkasse überhaupt aber hat die Inspektion schon empfangen. Herr v. H. wurde nicht ferner inkommodirt! — Hr. v. H. wurde aber, wie es scheint, in diesem Bade nicht besser. Er reiste zur Nachkur in ein andres und die dort vorgekommenen Ereignisse dürsten wohl so ziemlich allgemein bekannt sein. Wenigstens haben deutsche Blätter das Ihrige redlich (?) dazu beigetragen, sie zu verbreiten und besonders den jüdischen Glauben des Hrn. von H. dabei hervorzuheben. Diese christlich-germanische Ansicht wurde aber auch von vielen ehrenwerthen Bewohnern der Vaterstadt des Hrn. v. H. getheilt, die von dem mittelalter-ritterlichen Gottesgericht der beiden gefallenen edlen Kämpen angeregt, sogleich zu einem Kreuzzuge gegen die Juden Hep! Hepl zusammenzutreten, nicht übel Lust hatten. E. Licht- und Schattenbilder? aus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Stimme eines Juden über die Beschneidung. Da bereits die Gründe, die man gegen die Verpflichtung zur Beschneidung Vorbringen konnte, erschöpft sind, so erlauben wir uns, vom rein biblischen Gesichtspunkte aus, in der kürzesten Zusammenstellung unsere Entgegnung den Lesern dieser Blätter vorzulegen. Die vorgebrachten Gründe gegen die obligatorische' Gültigkeit des Beschneidungsgesetzes resunnren sich auf folgende Angaben: a) Die Beschneidung ist ein abrahamitisches, aber kein mosaisches Gesetz. d) Die Beschneidung ist ein nationales, aber kein religiöses Bundes zeichen. c) Die Beschneidung ist kein obligatorischer Bestandtheil