Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 51 (19.12.1843)
- Article
- Stimmen und Urtheile über den Frankfurter Reform-Verein
- Date
- 1843-12-19
- Page
- Spalte 813-814 (sequence 2)
- Language
- German
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813 Gutachtliches Wort von Sam. Dav. Luzzatto, 814 voll.von Erkenntniß des wahren Gottes, wie Wasser das Meer bedeckt" selbst dann müßten die Israeliten auf den ersten und frühesten Besitz der heilsamen Lehren stolz sein, welche die ganze Welt von. ihnen empfangen hätte. Und wenn Moses zu den Israeliten seines Zeitalters sagte, sie seien berufen ein Priestervolk zu werden, so sagt Jesaja (61, 6) daß noch in den spätesten Zeiten der Zukunft, Jakobs Nachkommen die Priester des Ewigen werden genannt werden. Das Judenthum ist also seinem Wesen nach ein Priesterthum, und als solches eine ausschließende, mit exclusiven Gebräuchen ausgestattete Religion. Wohl ist der Geist des Iudenthums eine allgemeine Religion, seine Moral ist fürs ganze Menschengeschlechts denn der Weg des Ewigen, welchen Abraham lehrte (Genesis 18. 19) best ehr in nichts Anderem, als in „Hebung der Humanität und Gerechtigkeit" und wahre Gotteserkenntniß besteht nach Jeremia (9. 23) in der Ucberzeugung, daß Gott auf Erden Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Milde übe; dann fügt er im Namen des Ewigen hinzu, das ist's woran ich Wohlgefallen finde (wenn der Mensch es r'ibn. Allein das Iudenthum ist als Priesterthum, als Bewahrer und Verbreiter dieser Lehre, von vielen ausschtießenden Religionsübungen unzertrennlich^ und wer diese aufhebt, reformirt nicht,- er zerstört das Iudenthum. Es steht einem jeden frei, diesem Priesterthum, dieser exclusiven Religion zu entsagen, jeder, der da will, kann sich von dem jüdischen Religionsverbande absondern, allein Israelite heißen, und sich von allen den Israeliten unterscheidenden Uebungen befreien wollen, ist ein Widerspruch. Vergebens würde man da auch vorgeben, die abzuschaffenden exclusiven Gebräuche, auf die ,,verwerflichen" zu beschränken, wenn nicht die Merkmale angegeben werden, nach denen eine Handlung als verwerflich anzufehen sei. Und andrerseits beweisen die bereits gethanen Schritte, daß die Glieder dieses Vereins nichts Heiliges anerkennen, und selbst die Beschneidung verwerfen, die doch seit 36 Jahrhunderte ein vorzügliches Unterscheidungsmittel der Abrahamiten ist. Allein die Israeliten, denen ihre Religion und moralische Existenz, deren wundervolle Erhaltung ihnen so vieles Blut, so viele Leiden und Entbehrungen durch den langen Zeitraum vieler Jahrhunderte gekostet hatte, LH eurer ist als .das Leben, haben das Recht, ihre Religion, ihr Priesterthum, ihren Ruhm, ihr väterliches Erbgut noch länger zu erhalten; sic müssen und dürfen jene unter ihren Brüdern, welche durch eine Erklärung der Abstellbarkeit, oder der Nothwendigkeit der Abstellung der exclusiven Gebräuche, ihre Religion und moralische Existenz gefährden, für Abtrünnige ansehen. Auch werden diese Schismatiker kein Recht zu Klagen und Beschwerden haben, wenn die Orthoxen sie als Abtrünnige anschend, ihnen die allgemeine Menschenliebe nicht entziehend, sich in religiöser Beziehung allen Verkehrs mit ihnen enthalten, und ihnen allen Einfluß auf die Angelegenheiten der Religionsgemeinde und der öffentlichen Erziehung ihrer Kinder entziehen werden. Uebergehen wir nun zur Würdigung der Gründe und Motive, welche die sogenannten Reformirten zur Rechtfertigung ihrer eignen Handlungsweise anführen. „Sie sind zur Ueberzeugung gekommen, daß unter den an das heutige Judenthum geknüpften praktischen Vorschriften, die meisten auf menschlichen, zeitlich beschränkten Voraussetzungen beruhen. Während sie das Aeußerliche zum größten Theil als geistig unberechtigt, ja zuweilen als einer höheren Gesittung unwürdig anerkennen, haben sie sich allgemach von der Lheilnahme am heurigen Iudenthum moralisch losgesagt, und sind nur noch durch Gewöhnung, durch die Kontrole des Staates, durch eine aus Familienverbindungen hervorgehende Anhänglichkeit äußerlich an die mosaische Religionsgemeinschaft gefesselt. Verderblich und unmoralisch ist dieser Zustand, denn so lange der Mensch in der Gesammtheit lebt, soll er auch äußerlich praktisch, dasjenige, was er innerlich ist, darzustellen suchen." Während auch wir anerkennen, daß das gegenwärtige Iudenthum manche durch den frommen Geist und die tiefe Weisheit der alten Sanhedrin nach dem Bedürfnisse der geänderten Zeiten, und den von Moses selbst traditionell überkommenen Normen in den Mosaismus einverleibte Modifikationen und Zusätze, ferner auch manche, in späteren Zeiten unter dem Einflüsse einer fremden Kultur, eingeschlichene Lehrsätze enthalten, glauben wir jedoch, daß.die Ueberzeugung jener sogenannten Reformirten von der unsrigen sehr verschieden sei; da sie erklären, dem heutigen Iudenthum ganz entsagt zu haben, und wir sie sogar von der Beschneidung sich lossagen sehen, von welcher wohl Niemand behaupten wird, sie sei dem Iudenthum erst später angehängt worden, da es geschichtlich notorisch ist, daß das Iudenthum me ohne die Beschneidung bestanden habe. Wir wollen hier nicht versuchen, die Ueberzeugung dieser Männer in theologischen Diskussionen zu prüfen und zu widerlegen, da wir nicht wissen, welche Principien von ihnen anerkannt seien, und welche nicht. Wüßten wir, daß sie annehmen, Gott habe sich wirklich Mosen offenbart, so würden wir ihnen mit Mendelssohn antworten: „Persönliche Gebote, Pflichten, die dem Sohne Israels ohne Rücksicht auf Tempeldienst im Landeigenthum in Palästina auferlegt worden sind, müssen so viel wir einschen können, strenge nach den Worten des Gesetzes beobachtet werden, bis es dem Allerhöchsten gefallen wird, unser Gewissen zu beruhigen, und die Abstellung derselben laut und öffentlich bekannt zu machen." Allein überzeugt,- daß ihnen der Ausspruch nicht unbekannt sein könne, müssen wir glauben, daß ihre Principien von denen Mendelssohn's und den unsrigen verschieden seien; da wir übrigens nicht wohl zu bestimmen vermögen, welches denn ihre Principien feien, so halten wir es für unsre Pflicht, ihrer Ueberzeugung zu schonen, und uns jeder unfruchtbaren Diskussion zu enthalten.