Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1843)
- Article
- Deutsche Einheit in den Zeitungsblättern
- Date
- 1843-12-19
- Page
- Seite 408 (sequence 1)
- Language
- German
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408 Deutsche Einheit in den Zeitungsblättern. Man kann nicht sagen, daß es unserer Zeitungspreffe an Einigkeit und Einheit fehlt; in gewissen Punkten wenigstens, in gewissen Vorunheilen und Schwächen sind sie wunderbar einmüthig; zum Beispiel in der Parteilichkeit gegen die Juden. Es geht so weit, daß manche Blatter den Judenhaß für eine nationale Tugend zu halten scheinen; und daß nur solche Organe, die als Ketzer am wahren und reinen Deutschthum verrufen sind, wie die selige „Rheinische", die „Mannheimer Abendzeitung", die „Königsbergs Zeitung" hierin eine großmüthige. Ausnahme machen. In der That ist der Judenhaß eine nationale Eigenschaft, das heißt, eine charakteristische nationale Schwäche, ein Zeichen des Mangels an National-Kraft und Bewußtsein. Eine große und innerlich starke Nation hält es unter ihrer Würde, eine Minorität im Volke, die weder als Stand noch als Senkte einen politischen oder socialen Einfluß übt, bei jeder Gelegenheit anzuseinden, zu verdächtigen und mit sorcirtem Witz zu bespötteln. Frankreich und England würden sich schämen, mit einer solchen Polemik hervorzutreten, sei es, weil sie die Juden bürgerlich gleich stellen, sei es, weil sie dieselben als eine gastlich aufgenommene Schaar von Fremdlingen ansehen; die französische, wie die englische Presse hat sich überhaupt um wichtigere Angelegenheiten zu kümmern. In Deutschland ist dies anders. Ein feiger Pöbel, wenn er einmal emeutirt, fängt damit an, daß er am Iudenquartier sein Müthchen kühlt und seinen kleinen Muth übt;. der große f.uror teutonicus t>on 1819 hat auch seine Marseillaise hinterlaffen, das berühmte „Hepp, hepp", welches damals durch ganz Deutschland scholl. Eben so — ohne sie etwa mit dem Pöbel vergleichen zu wollen — haben unsere großen Zeitungen, die mit so zarten, sammetpfotigm Rücksichten äußere und innere Feinde bestreicheln, nur gegen die Juden den Muth, rücksichtslos zu sein. Die verhaltene Kraft will sich doch' an Etwas auslaffen, das überschüssige elektrische Nationalfeuer muß' einen Ableiter haben. Dies ist keine leere Deklamation. Ich will aus der jüngsten Zeit ein Paar Beispiele jener Parteilichkeit .anführen. In London hatte die Regierung, das heißt das jetzige Loryministerium, die Citywahl auf einen Sonnabend verlegt, in der Hoffnung, dadurch die zahlreichen jüdischen Wähler in der City von oer Wahl auszuschließen. Indessen war die Berechnung trügerisch gewesen, die Juden hatten doch gewählt. Hallo, ein gefundenes Fressen für alle deutschen Zeitungen und Zeitungsschreiber; die Juden haben etwas gethan, ob etwas Gutes, Schlechtes oder Gleichgittiges, gleich viel, sie haben sich gerührt, her darüber! Ob es für Deutschland so wichtig war, oder nicht, um Riescnspalten voll darüber zu plaudern, gleich viel. Was für unglückliche Witze, was für nergelige Anspielungen, was : für orientalische Bilder über Jerusalem, Rothschild und das goldene Kalb tischten unsere großen und. kleinen Journale auf. Und was für.weithergeholte Gründe wurden dem Verfahren der Juden untergeschoben! Hätten sie nicht gewählt, so wäre über ihren engherzigen Kultus, ihre Unfähigkeit, politische Rechte zu genießen, raisonnirt worden; da sie wählten, so mußten-Eigennutz, und Intriguensucht sogar die Macht ihrer Glaubenssätze überwiegen. Lächerlich, unglaublich, unsinnig. Nichts war einfacher, als. der ganze Hergang von beiden Seiten. Das Toryministerium suchte die Juden von der Wahl auszuschließen, nicht um ihnen als Juden ein politisches Recht zü verkümmern, sondern weil es überzeugt war, daß sie eine Majorität'zu Gunsten des Whigkandidaten bilden würden. Solche Manoeuvres, bei denen jedes Mittel gut ist, werden gegen jede Korporation versucht. Und die Juden wählten, weil sie darin keine Verletzung ihres Kultus sahen; und sie wählten einen Whig aus dem einfachen Grunde, daß ihre Sympathien whiggistisch sind. — Ein anderes Beispiel. In Russisch-Polen sind die Juden durch einen kaiserlichen Ukas.persönlich militärpflichtig geworden. In Folge davon desertiren Viele über die preußische Grenze oder verstümmeln sich oder .lassen sich taufen. Keine einzige Zeitung meldet diese Thatsache ohne kleine Seitenbemerkungen über die jüdische Waffenscheu, über die jüdische Unlust zu körperlichen Anstrengungen. Ihr vergeßt aber, daß es sich hier speciell um den russischen Waffendienst handelt, dessen Schrecken Ihr selbst oft genug ausgemalt habt; Ihr vergeßt, daß die preußische Grenzprovinz von polnischen, lithauischen und russischen Deserteurs wimmelt, welche Christen sind. Was diesen Unglücklichen unerträglich dünkte, muß dies den Juden', bei der barbarischen Intoleranz der Russen, nicht doppelt schrecklich sein? Eine preußische Verordnung bestimmt sogar, daß jüdische Deserteurs unter 20 Jahren entweder ausgeliesert oder — Verbrechern gleich — in ein Korrektionshaus geschickt werden. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" war das einzige Blatt, welches bis jetzt die Unbilligkeit, um gelinde zu sprechen, dieser Maßregel gerügt hat. Der Grenzbote. Personalchronik und Miseellen. Das „Morgenblatt" zieht in der Besprechung des Reform-Vereins gegen die Hartnäckigkeit der talmudischgläubigen Juden los. Immer ist es der Talmud, der den niedrigsten Schmähungen zur Zielscheibe dient, und doch ist er bis heute noch nicht durchforscht! Die „Dorfzeitung" (hört!) richtet ihren, treffenden Witz gegen die Berliner Juden, die einen orthodoxen Prediger nach Berlin berufen wollen. Soweit ist es mir den Berliner Juden gekommen! ' Druck von I. H. Nagel. Verlag von C. L. F r i tz s ch e.