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Der Orient · 1843-12-19 · Heft 51 (19.12.1843) · p. Seite 406

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 51 (19.12.1843)
Article
Frankfurt a. M. : Vereine [Nachricht]
Date
1843-12-19
Page
Seite 406 (sequence 2)
Language
German
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406 fortwährend ansehnlicher Geldzuschüsse erfreut. Unterstützt wurden von ihm in diesem Jahre 548 Individuen (im vorigen 529). Davon kommen 242 auf das Großherzogthum Hessen, 90 auf das Kucfürstenthum Hessen, 76 auf das Herzogthum Nassau, 37 auf die Landgrafschaft Hessen-Homburg, 20 auf das Königreich Baiern, 53 auf die freie Stadt Frankfurt. D. 3C. A. Oesterreich. Prag, 1. Dec. Der lang ersehnte 7. Band des Ke rem Chemed hat endlich die Presse verlassen. Wir haben nun wieder einige Produkte unserer vorzüglichsten Geister vor Augen; aber leider ist es wohl zum letzten Male, daß sie sich in jenem Jahrbuche vereinigen! Der jüdischen Wissenschaft fehlt es an einem Macenas. Wir bauen Synagogen und Spitaler, sorgen für Chor und Orgel, und kümmern uns nicht um die noch im Entstehen begriffene jüdische Wissenschaft. Die jüdischen Reichen unterstützen nicht, die Rabbinen und Prediger fördern nicht. Dazu kommen noch dec kleinliche Neid und die erbärmliche Misgunst, denen das Wohl der jüd. Wissenschaft fern liegt. Und doch hängt dec wahre, geistige Fortschritt des Judenthums nur von einer Liefen und gründlichen Erforschung aller Zweige dec jüd. Wissenschaft, nicht von oberflächlichen, materiellen Reformen ab! — Der bekannte Gelehrte, Dr. Wessely halt seit kurzer Zeit Vorlesungen über jüdische Geschichte, und stehen von diesem Gelehrten einige, jüdische Geschichte betreffende Arbeiten Ln Aussicht. Allerdings wäre zu wünschen, daß dieser Gelehrte seine Kräfte auf das jüdische Recht verwenden möchte, da dieses Feld seit langer Zeit brach liegt. Polen und Rußland. Iurburg (am Niemen), 12. Nov. Der kaiserl. Ukas, wonach sämmtliche Israeliten, die innerhalb 50 Werst an der westlichen russischen Grenze wohnen,- sich in das Innere Rußlands zu übersiedeln haben, beginnt nun endlich in Ausübung zu kommen. Zn 33 Städten und Flecken der lithauischen westlichen Grenze kam gegen Ende des vorigen Monats an die Israeliten von der Regierung die Weisung, daß jeder israelitische Familienvater bei der Ortsbehörde einschreiten soll, wohin er mit den Seinigen auszuwandern gedenke, da die Regierung über die zahlreichen Auswanderer eine Kontrole haben will. Die Plätze, wohin die Auswanderung gestattet ist, sind von der höhern Behörde auch bestimmt vorgezeichnet; es find nämlich die sieben Gouvernements Westrußlands: Wilna, Grodno, Witebsk, Mobilen), Minsk, Volhymen und Podolien, wo ohnehin die jüdische Übervölkerung so groß ist, daß die Auswanderer in der That einer traurigen Zukunft entgegengehen. Die Gouvernements Petersburg/ Finnland, Esthland, Liefland, Kurland, Moskau, Smolensk, Pleskow, Twer, Nowgorod, Olonez, Archangel, Wologda, Iaroslaw, Kostroma, Wladimir, Nischnei-Nowgorod, Tambow, Rjäsan, Tula, Kaluga, Orel, Kursk, Woronesch, Kiew, Tschernigow, Pultawa und der slobodschen Ukraine sind namentlich ausgeschlossen, sowie es ihnen nach dem allgememen Gesetze, das in Erinnerung gebracht wurde, nach dem Auslände zu wandern untersagt ist. Die 33 Gemeinden, von welchen die kleinsten fast 500 und die größten gegen 6000 Seelen zählen, sind in solche namenlose Trauer versetzt, daß die Sprache des innigsten Mitleids sie kaum, beschreiben kann» In den verflossenen sechs Monaten wurden von diesen Gemeinden alle gesetzlichen Mittel versucht und alle nur möglichen Wege betreten, um diesen Ukas zu mildern.; es wurden Deputirte nach Petersburg geschickt, welche durch Dokumente und Zeugnisse von den Behörden es klar erwiesen, daß unter hundert eingefangenen Schmugglern kaum fünf jüdische waren, daß von den 33 Gemeinden 17 seit 14 Jahren nicht einmal mit eingeschmuggelten Maaren Handel getrieben, gleichsam als hätten sie den tragischen Ausgang geahnt; aber alle diese Vorstellungen blieben fruchtlos, wie auch die schriftlichen Vorstellungen der deutschen Gemeinden ohne Erfolg geblieben sind. Was nun das Einschreiben der Plätze anlangt, wozu die israelitischen Familienvater von der Negierung aufgefodert wurden, so haben 19 Gemeinden, nämlich die zu Polangen, Krotingen, Dorbian, Garsden, Iakubowo, Szallanten, Skud, Mciszaden, Plungian, Ritowa, Korzian, Wewrszan, Neustadt-Zugit, Chwedan, Skodwill, Tauroggen, Erswalsk, Rosiane an der Dubisza und Iurburg-, dieser Auffoderung kein Genüge geleistet. Sie erklärten, daß sie ihren Herd, wo sie geboren und erzogen, als ihre einzige Heimath ansehen, daß sie bei aller Liebe zum russischen Vaterland außer diesem Herde keine Heimath aufsuchen -können, und wenn die Regierung über sie ein Exil verhänge, so möge derselbe höchste Wille auch den Zielpunkt entscheiden, wo die Heimathlosen ihre Ruhe finden, damit die Nachwelt und die Geschichte nicht sage, man hätte durch eigne Wahl den Ukas seiner Härte beraubt. Dieser gemeinsame Beschluß von 19 Gemeinden wurde nach Petersburg geschickt, und man ist des Bescheides noch gewärtig, obgleich man im Ganzen nur geringe Hoffnungen hegt. Es ist aber bei dem Israeliten nicht blos das schauerliche Gefühl der Verarmung und der Heimalhlosigkeit, das ihn zu Trauer und Klage stimmt, sondern auch die Aussicht, daß Alles, was ihm heilig und werth geworden ist durch die Weihe seiner Religion, nun der Zerstörung und Verödung, der Entweihnng und Profanirung preisgegeben ist. Wie oft habe ich die hiesigen Israeliten über den Untergang der schönen Synagogen zu Szallanten, Plungian und Neustadt, über die Entweihung der Gottesäcker, wo ihre Altvordern seit Jahrhunderten ruhen, heiße Thra'nen vergießen sehen, ohne auch nur an das persönliche Elend, an den Bettelstab zu denken! Und jedes Volk ehrt die Grabstätten seiner Väter, seine Heiligthümer; wir dürfen es den Juden auch nicht verargen.

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