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Der Orient · 1843-12-12 · Heft 50 (12.12.1843) · p. Seite 400

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 50 (12.12.1843)
Article
G. Wardein: Die ungarischen Juden ...
Date
1843-12-12
Page
Seite 400 (sequence 2)
Language
German
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400 sarnkeit derlei Gründe, die nur aus Unkenntniß der jüdischen innern Zustände zu kommen scheinen. So stimmte das Arrüer Komitat für gänzliche Gleichstellung nur unter der Bedingung, wenn die Juden ihre Glaubensartikel öffentlich bekannt machen werden. — Der jetzige Reichstag, der aus einer Versammlung von Männern besteht, die ihrer Stellung und Talente wegen im Jn- und Auslande eine gerechte Berühmtheit erlangt haben, wird hoffentlich derartige Sinnlosigkeit und Unvernunft unberücksichtiget lasten, und vielmehr das ins praktische Leben einführen, was die Philosophie als ihren edelsten Grundsatz schon längst festgestellt, nämlich die Rechte der Menschen unbedingt zu ertheilen. Dem edlen Ungar genügt das Fordern, um zu geben, ohne dabei auf die Person zu sehen; ganz besoneers aber dem, der seine Sprache spricht. Und das zu erlangen, in sich das einzusaugen , was den Ungar belebt und begeistert, ringt der Jude mit möglichstem Fleiße und 'Aufopferung. Selbst in Gegenden, wo die Slaven der ungarischen Bevölkerung entgegenacbeiten und ihre Sprache zu verdrängen suchen, schließen sie sich mit Nachdruck dem Magyarismus an, und der Erfolg lohnt ihre ruhelose Thätigkeit. Mit edlem Stolze betrachtet er die Sprache als die seinige; das Land als sein Vaterland, und mit Gut und Leben würde ec es auch gegen äußere und innere Feinde schützen. Dieses erwirkte schon die Aussicht auf Freiheit, was ist erst von einer wirklichen Ertheilung zu erwarten! — Das bürgerliche Leben der hiesigen Judenschaft, wie überhaupt des ganzen Komitates ist ein ruhiges. Ungestört in ihrem Besitze, unangefochten selbst vom niedern Adel, der nicht selten auf seine ausgedehnten Privilegien, und auf die Voraussetzung der sichern Verschonung der geheiligten Personen fußend, sich Ausschweifungen hingibt, deren Folge vorzüglich dem Juden auf dem Lande schädlich ist. Beispiele dieser Art sind hier fremd. Diese glückliche Erscheinung entspringt theils aus den loyalen Gesinnungen der Beamteten, deren Vertreter der erste Vicegespann, ein edler und enthusiastischer Patriot, feuriger und demostenischer Redner ist, theils aus der Verträglichkeit und uneigennützigen Zuvorkommenheit der Juden gegen die nichtjüdische Bevölkerung. Dankbar erkennen sie es aber auch, daß sie sich eines ruhigen Lebens erfreuen, und wissen, daß wenn die Gesinnungen der genannten Edlen allgemeinen Anklang fänden, schon längst die Gesammtbevölkerung Ungarns oder vielmehr der Welt sich als Brüder umarmt hätten. — Diese beispiellose Freiftnnigkeit ist durch unfern ersten Vicegespan, der eine jener Erscheinungen ist, die nur die griechische Blüthenzeit uns vorführt; der in sich Kraft und Mittel hat, ein Volk für das Gute zu entflammen, und für das Böse abzuschrecken und unempfänglich zu machen, in alle Klassen eingeführr. Dieser gedachte Edle ist jetzt als Verlag von C. L. Fritzsche, Deputirter dieses Komitats zum Reichstag gesendet, und die nichtadelige Bevölkerung darf sich zu dieser Wahl Glück wünschen; sie findet in ihm einen der ersten Vertheidiger ihrer geschmälerten Rechte. Die Instruktionen der Stände, bei denen der hiesige Vorstand petitionirte, lautet für gänzliche Gleichstellung. Es ist eine entzückende Thcttsache, daß in den Komitaten, wo die servile Parteien, die gewöhnlich wider alle Konfessionen, außer der römisch-katholischen sind, den Sieg bei den Wahlen davon getragen haben, dem Erringen des Sieges Blut geopfert wurde, und sich überhaupt mit Schmutz und Verabscheuung bedeckt. Von solchen Menschen die Rechte der Natur mit Füßen getreten zu sehen, ist wahrlich nicht erstaunlich. Geräuschlos und ernst hingegen, nur die Waffen der Vernunft und der Menschlichkeit gebrauchend, sind die Bessergesinnten mir glänzendem Erfolge gekrönt worden. Die Intelligenz der hierortigen israelitischen Bewohner hat Schreiber dieses in Ihrem beliebten Blatte schon erwähnt. Ist dort auch die langsame Beweglichkeit zwar gerügt, muß doch zugegeben werden, daß bei wichtigen praktischen Fragen stets eine Lebhaftigkeit rege wird, die oft glückliche Resultate herbeiführt. So ist jüngst die hierbestehende Schule neu organisi'rt, und 4 Lehrer, von denen Referent auch einer ist, angestellt worden. Die Frage, ob jüdische Lehranstalten nothwendig sind, ist zwar entschieden; hier aber mußte sie doch erst in vielfache Erwägung gezogen werden, bis man sich für sie ausgesprochen. Referent hat nämlich die Mangelhaftigkeit an der Erziehung der hiesigen Jugend wahrgenommen, und petitionirte beim Vorstand um die Eclaubniß, eine Schule eröffnen zu dürfen. Mehre Gemeindeglieder, die von der Nothwendigkeit einer Reorganisirung der Schule überzeugt waren, unterstützten dieses Unternehmen und forderten den Vorstand zu einer öffentlichen Besprechung auf. Die Debatten-waren heftig; nicht aber aus Verschiedenheit der Ansichten, sondern aus hartnäckiger Verweigerung jeder Unterstützung von Seiten des Vorstandes. Der Mühe der Herren Adolph Rofenthal, L. Kolliner und L. Frankel hat man die Belebung der Schule vorzüglich zu danken. Ueber das religiöse Leben kann ich Ihnen leider nichts Erfreuliches berichten. Der Gottesdienst entbehrt der gebührenden Weihe und Würde; das viele Singen und Schreien, das unaufhörliche Wiederkauen der Segensprüche beim Vorlesen der Toraabschnitte den Zuhörer nicht ansprechen, und er verplaudert lieber die Zeit mit andern Gesprächen, als die Aufmerksamkeit auf den Inhalt des Abschnittes zu richten. Ein geregelter Gottesdienst ist hier fast undenkbar und selbst die in neuester Zeit unternommene Subskribentensammlung zur Einführung des Ehoralgesangeß in ein anderes Lokal blieb aus Furcht vor einer herbeifübrenden Spaltung, oder aus Mangel an Eifer ganz weg. Das Gotteswort wird auch schon seit Jahren in unserer Synagoge nicht gehört. Uneinigkeit hemmt die Besetzung des Rabbinats, und wer weiß, wie lange diese Parteisucht den Fortschritt aufhalten wird. M. Astmayer. Druck von I. H. Nagel.

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