Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1843)
- Article
- Minden : Treumund Wahrlieb, als Leumund Lügenlieb [Nachricht]
- Date
- 1843-12-05
- Page
- Seite 391 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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391 emancipatlon genug bestraft glauben kann. Da sind die Spanier m ihrem Abscheu gegen die Antichristen zugleich conseguentev und edler. Sie haben die Juden theils verbannt, theilä verbranntz sie wollen nicht einmal dieselbe Lust mit den Ungeheuern athmen, und sie würden sich auch schämen, von einem Nachkommen derjenigen, die ihren Gott gekreuzigt, Geld zu borgen. Der deutsche „Treumund Wahrlieb" ist dafür voll Freundlichkeit und Schlichtheit; es beleidigt sein Ehrgefühl nicht, daß der Jude in der Schlacht neben 'ihm dem Lode soll trotzen dürfen, vorausgesetzt, daß der Jude gemeiner Soldat bleibt; es beleidigt seinen christlich-germanischen Sinn nicht im Mindesten, daß der Unchrist den Staat mit Steuern unterhalte, wie er; nur der jüdische Soldat als Offizier beleidigt ihn, denn Uniform und Rang sind es, die den Menschen machen. Daß dem westfälischen Publikum allerhand aufgewärmter Unsinn aus Eisenmenger's „neu entdecktem Judenthum" noch ein gefundenes Fressen ist, läßt sich erklären. Der längst vergessene Eisenmenger ist vielleicht erst jetzt dort bekannt worden; wann werden sie erst hören, daß dieser längst Vergessene auch schon längst widerlegt ist? Aber eine Bibel wird es doch in Westphalen geben? Dann ist es wunderbar, daß dort Niemand den Unfug rügt, den ein Skribent mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelsätzen treibt. T r e u m un d W a h r l i e b weiß, was teursche Treu und Ehrlichkeit ist; besonders stark ist er darin, wenn er Dilemmen macht. 'Die „gebildeten Juden," sagt er, sind gesinnungslose Menschen , denn ' sie glauben an keine ge offenbarte Religion (b. h. sie haben sich, wie alle Negierungen längst gewünscht, vom den talmudischen Satzungen losgesagt), die orthodoxen Juden aber schlägt er mit der Bibel und zwar doppelt. Einmal ist ihm dieselbe ein unfehlbares, von Gott eigenhändig geschriebenes Buch; wo sie nämlich prophezeit daß die Juden, „ein Scheusal und ein Sprichwort" re. sein sollen unter den Völkern; und er möchte die Juden ja nicht emcrncipiren, nur um Gottes Wort nicht Lügen zu strafen. Ein anderes Mal glaubt er, daß derselbe Gott Vater, dessen Wort ihm so heilig ist, den Juden die abscheulichsten, menschenfeindlichsten Gebote gegeben habe, wahrscheinlich nur, um dem Westphalen die Mittel zu geben, für die Erfüllung jener Prophezeiung zu sorgen. In dergleichen Citaten sind Wahrlieb und Konsorten überhaupt sehr fruchtbar. Nur ein Beispiel. Wahrlieb führt folgenden Satz: „Du sollst ihnen weder Glück noch Gutes wünschen dein Lebelang ewiglich" (5 Most 23, 6) als eine allgemeine, „in Beziehung a u f fr e m d e V o l k e r" (also auch auf die Deutschen) gegebene Vorschrift an. Schlägt man aber Luther's Bibelübersetzung (3 Most 23, 6) nach, so sieht man, daß fpectctl von den Ammonitern und Moabitern die Rede ist, die ihre Kinder dem Moloch opferten und deren Nationallaster überhaupt zu den unnatürlichen gehörten. Den folgenden Vers 7 hat Wahrlieb anzuführen sich wohl gehütet; denn da heißt es von dem Edomiter: „er ist Dein Bruder," und „den Aegypter sollst Du auch nicht für Gräuel (d. h. für unrein) halten, denn Du bist ein Fremdling in seinem Lande gewesen." Mit solcher Unverschämtheit darf man wirklich nur den Juden gegenüber lügen und dabei die Backen voll nehmen mit deutscher Treu und Ehrlichkeit. Es wäre überflüssig, gegen die lächerlichen Waffen zu protestiren, mit denen der blinde Haß von Zeit zu Zeit sein Müthchen an den Unterdrückten kühlt, wenn es nicht Mode wäre, mit weisem Kopfschütteln die Stimme des „schlichten, altehrlichen" Volks über die Judenemaneipation als vox dei anzuführen. Man vergißt, daß solche altehrliche, schlichte Leute, wie die Westphalen, auch etwas unwissend sind und den glänzendsten Unsinn am herzlichsten aufnehmen. Breslau, 22. Nov. Es wird den Lesern des Orients noch erinnerlich sein, daß in Folge der fanatischen Parteikämpse zwischen den Geiger'schen und Tiktin'schm Anhängern am Anfänge des Jahres 1842 auf dem jüdischem Friedhofe ein .Tumult entstanden ist, der eine Kriminal-Untersuchung der Ruhestörer zur Folge hatte. In erster Instanz wurden die tiktinifchen Ruhestörer, abgesehen davon daß sie durch die Gegenpartei stark aufgereizt wurden, angeblich „wegen Störung des Gottesdienstes" zu 3 Monat und 6 Wochen Gesängniß verurtheilt. Gegen dieses Erkenntniß, das in der Motivangabe in der That ganz und gar eine Unwahrheit enthält, wurde von den Verurteilten appellirt und unter den Vertheidigungsgründen wurde auch geltend gemacht, daß 1) die Juden im theologischen Sinne gar keinen Kirchhof haben; denn schon der Name Kirchhof bezeichnet den christlichen Friedhof als zur Kirche gehörig, wie auch in der That früher in der Kirche begraben wurde. Derselbe Fall ist es mir dem christlichen Namen „Gottesacker," wo ebenfalls das religiöse Element vorherrscht. Nicht aber so ist es bei dem jüdischen Namen der Fall. Dieser (Bet Ha-Kebarot) „Platz der Gräber" bezeichnend, hat in der Synagoge nur den Charakter eines Ortes des Friedens, wo des Anstandes halber Ruhe und Ordnung sein sollte, aber keineswegs aus religiösen Motiven, es müßte denn sein, daß der Anstand auch ein religiöses Element ist. 2) Daß nach jüdischen Religionsgrundsätzen der jüdische „Ort der Gräber" keineswegs ein geweihter Ort sei, sondern das Gegentheil daraus folge, daß jeder, der mit einer Leiche in Berührung komme, nach jüdischen Religionsbegriffen verunreinigt werde und daß jedem aus dem Priesterstande die Berührung einer Leiche untersagt sei. Diese- Gründe wurden durch Gutachten mehrer Rabbiner bestätigt und der Regierung vorgetegt; aber die Geiger'sche Partei glaubte das nicht so ruhig zusehen zu dürfen, und forderte von Dr. Frankel in Dresden und Or. Holdbeim in Schwerin Gutachten über das Gegentheil ein, wobei sehr klug die Frage schon verdreht wurde. In dem Votum des Hrn. Dr. Frankel spielt die durchwehende Gemächlichkeit eine Hauptrolle; der Sinn des Anstandes und der Schicklichkeit, der Pietät und der Achtung wird mit dem religiösen Wesen durchgehends verwechselt und