Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1843)
- Article
- Hamburg : Wochenbericht [Nachricht]
- Date
- 1843-12-05
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
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388 von einer besondem Nationalität der Juden die Rede sein?' — Ich werde nächstens an einem andern Orte den Versuch machen, gewissermaaßen als Anhang zu Dr« S. Srern's Aussätze: „Zur Judensrage in Preußen" die Manchem paradox scheinende Behauptung zu beweisen, daß das deutsche Volk an sich selbst einen Raub und eine Art moralischen Selbstmords begeht, wenn es den Juden länger die Emcmcipation verweigert. Russen, Ungarn, Böhmen, Dänen und Franzosen entreißen der deutschen Sprache und Sitte eine Provinz nach der andern; im Herzen Deutschlands bricht sich die vollkommenste Autonomie der Nationalitäten Bahn; nirgends ist eine geistige Eroberung Deutschlands wahrscheinlich oder möglich, als in der vollständigen Amalgamation seiner jüd. Bevölkerung mit der christlichen. Diese Eroberung ist durch einen einzigen Federzug zu vollenden: ein größerer Napeleon hatte der deutsche Bund nur den einen Satz auszusprechen: Es giebt keinen Juden mehr, es giebt nur Deutsche". Ueber den Antheil, den die Juden bei der kürzlich — an einem Sonnabende — erfolgten Wahl eines Lordmayor's in London zu Gunsten des liberalen Kandidaten Herrn Pattison genommen, haben die Zeitungen ausführlich berichtet. Es freut uns, daß selbst die reichsten Juden nicht für den konservativen Bewerber stimmten. Was thut inzwischen der pietistische Theil der deutschen protestantischen Geistlichkeit? Er laßt sich auf seinen Synoden (z. B. im Mindenschen) zu Protestationen gegen die? noch gar nicht ausgesprochene Judenemancipation verhetzen. Der Auditeur Marcard in Minden und der Hauptmanu von Scheele, ein Verwandter des hannov» Kabinetsministers, als Verfasser des kleinen Pamphlets „Darf ein Jude Mitglied einer christlichen Obrigkeit sein?" in unbeneideten Ruf gekommen, sollen die Agitatoren gegen die Juden sein, unterscheiden sich aber von dem irländ. Muster-Agitator zugleich durch die Wahl der Mittel und durch den Zweck ihres Treibens. Wie tolerant und freisinnig ist O'Connell gegen unsere deutschen Duodez-Agitatörlein gehalten? — In Genf ist den Juden gestattet worden, statt, wie bisher in der Vorstadt Carouge, in der Hauptstadt selbst ihren Gottesdienst halten zu dürfen. — Prof. Valentin in Bern hat einen Ruf nach Tübingen und einen nach Brüssel ausgeschlagen. — In Celle ist-vor Kurzem der als jurist. Schriftsteller (über den Kindesmord rc.) wie als Vertheidiger der Göttinger Gefangenen rühmlich bekannte Prokurator am König!, hannov. Obecappellationsgerichte, Herr Salomon Gans, ein Vetter des gleichnamigen Berliner Professors, gestorben. Seiner geistigen Befähigung nach nahm er unter den Hann. Juden eine der ersten Stellen ein. — Gerechtes Aufsehen macht die kürzlich im preuß. Militärwochenblatte enthaltene Mittheilung über die Zahl der Juden, die an den letzten franz. Kriegen (1813—15) Theil genommen. Indessen frag! man billig, warum ist nicht erwähnt, wie viele sich zu höheren Graden aufgeschwungen haben, warum wird der unter sie vertheilten Ehrenzeichen nicht erwähnt; warum erfährt man nicht, ob Spätergetaufte mit gezahlt sind oder nicht. Ich habe gegen jene statistische Angabe gleich anfangs einige Bedenken geäußert, die schon jetzt durch einen jüd. Exmilitär Isaak Simon in Berlin, in der Spen. Zeit, getheilt und verstärkt werden. Posen, 6. Nov. In den frühem Nummern Ihres Blattes sind die Mittheilungen über die Fragen des Kultusministeriums um den normalen und faktischen Zustand des Kultus- und Schulwesens bei den isr. Glaubensgenossen zu erfahren, noch in so unzuverlässiger Form, daß Sie mir erlauben mögen, hier darüber etwas Ausführliches zu geben. Im Januar dieses Jahres entwarf unser Kultusministerium eine Anzahl Fragen in Betreff des jüdischen Kultus- und Schulwesens, welche den Lokalbehörden unserer Provinz Übermacht wurden, damit sie dieselben nach ihrem Ermessen theils den Gemeinde-Vorständen, theils einzelnen Gemeinde-Mitgliedern zur Beantwortung -vorlegen mögen. ' Daß im Allgemeinen die Rabbiner umgangen wurden, liegt in den Grundsätzen der Regierung, die dem Rabbiner, und zum Theil mit Recht, keine geistliche Autorität zuerkennt; daß aber diese Fragen gerade nur in der Provinz Posen-gegeben worden, hat in dem Vorurtheil der Negierung den Grund, indem sie glaubt, daß sie dort am ehesten von der Neuerungssucht entfernte Antworten erhalten werde. Die Summe der Fragen ist nicht sieben, wie in den erwähnten Nummern angegeben ist, sondern neun, und zwar sind dieselben t>cn Gemeinden unter folgender Zuschrift zugegangen: „Zufolge Allerhöchsten Befehls soll dem von Jahr zu Jahrfühlbarer gewordenen Bedürfniß einer gesetzlichen Regelung des jüdischen Kultus- und Schulwesens nunmehr in umfassender Weise für den ganzen Umfang der Monarchie genügt werden. Nach.der Allerhöchsten Absicht werden hierbei die eigenen Vorschläge der Juden besondere Berücksichtigung und Erwägung finden, und isr deren sowohl von Seiten der bedeutendsten Judenschasten als einzelner jüdischen Gelehrten bereits eine nicht geringe Anzahl bei dem Königl. Ministerium der Geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten eingegangen. Behufs weiterer Vorbereitung der desfalls erforderlichen Maaßregeln, kommt es gegenwärtig darauf an, die von dem oben gedachten Königl. Ministerium in Betreff der faktischen Zustände des jüdischen Kultus- und Schulwesens gestellten speziellen Fragen zu beantworten. Um dieser Aufgabe auf möglichst gründliche und erschöpfende Weise zu genügen, sehen wir uns veranlaßt, uns an Ew. Wohlgeboren mit dem Ersuchen zu wenden, über nachfolgende Punkte eine möglichst serielle Auskunft zu ertheilen, indem wir hierbei das Vertrauen hegen, daß Sie im Interesse der wichtigen Angelegenheit, um die es sich handelt,