Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1843)
- Article
- Von der österreichischen Grenze : Trauriges Loos der jüd. Soldaten ... [Nachricht]
- Date
- 1843-11-28
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
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382 derspruch mit sich selber. Der Jude kann, soll und muß Soldat werden, soll im Nothfalle für — sein Vaterland kämpfen, es vertheidigen und sein Blut für dasselbe verspritzen. Dagegen wird Niemand protestcren. Allein der Juder welcher neben seinem christlichen Kommilito auf dem Schlachtfelde sein Leben verlieren kann, darf nicht bis zum Ofsi'cier avanciren, ist nach vollbrachter Dienstzeit wieder ein Jude, dm alten Ausnahmsgesetzen unterworfen. — Die unbedeutenden Bevorzugungen eines ausgedienten jüdischen Soldaten können, eben weil sie Bevorzugungen sind, nicht in Anschlag gebracht werden. — Was ist nun der österr. Jude? Ein Sohn des Vaterlandes? — Auf dem Schlachtfelde allerdings; aber nicht zu Hause, nicht in der Kaserne zur Friedenzeit. Wie ist nun aus diesem Dilemma herauszukommen? fragt vielleicht doch mancher österr. Staatsherr; allein dieser macht die scharfsinnige Distinktion: nichtösterreichischen Kugeln, gegenüber ist der Jude allerdings ein Oesterreicher; österr. Christen aber gegenüber ist er ein Jude, ein Fremdling, ein Geduldeter! Wahrlich diese Distinktion ist selbst eines Rabbi aus dem fünften Jahrhundert würdig! — Doch muß man noch Nebenumstande und, Individualitäten kennen, um eigentlich das traurige Loos eines jüdisch-österr. Soldaten zu begreifen. In der Reget befreien sich die reichen Juden — mei- -stens durch Stellvertreter — vom vierzehnjährigen Soldatendienste; die Armen sind es daher, welche in die vierzehnjährige Gefangenschaft — gelinder laßt sich der österr. Soldatenstand nicht bezeichnen — treten müssen. Während jener Zeit steht er, um es kurz und prägnant zu bezeichnen, unter der Strenge eines österreichischen Vorgesetzten und Soldaten, hat, trotz Talenten und Kenntnissen, keine Aussicht auf Beförderung, gewöhnt sich die Laster eines langjährigen rohen Soldatenlebens an, vergißt das erlernte Geschäft oder wird zu seinem sonstigen Nahrungszweige untauglich. Die Dienstzeit ist um, ec hat wenigstens sein 33. Jahr erreicht, verläßt — warum sollte er es nicht thun? — die Gefangenschaft, und ist ärmer, hoffnungsloser, unglücklicher als er sonst war. — An Schießpulver gewöhnt, würde der ausgediente jüd. Soldat vielleicht ein kleines Geschäft damit errichten wollen; allein „Halt" wird ihm im militärischen Tone zugerufen, du bist ein Jude, kannst dich höchstens für die Sicherheit deiner christlichen Mitbrüder erschießen lasten, aber handeln darfst du nicht mit diesem Todesmittet. — Vierzehn Jahre hat der Sohn Jakob's dem — Staate gedient, und hat dafür höchstens die Eclaubniß zu heirathen, oder wird mit Pauken und Trompeten in die Heimath, jenseit des Grabes, geführt! Wie bibelfest ist nicht unser Staat! Brody, 14. Nov. (Erster Brief.) „Es ist eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden", sagt ein uraltes weises Sprichwort; für Brody ist jetzt Zeit zum Reden. Die Erstarrung und dep Schlendrian, welche in seliger Gemeinschaft unsere so starke jüdische Gemeinde in einen geistigen Tod wiegten, scheinen wie so viele absolute Könige ihre Obergewalt zu verlieren; wenigstens hofft man dieses von jener beweglichen Gegenwart, die Brody seines verrosteten Geistesstolzes über die ' Nachbargemeinde Lemberg vergessen und froh sein ließ, derjenigen nachzucihmen, auf die man sonst verächtlich herabsah. Doch ich will nicht in Räthseln. sprechen. Die jüdische Gemeinde zu Brody hatte bjs jetzt einen Vorstand, der seinen Beruf, seine Pflicht und seinen Stolz in der maaßlosesten Unttzängkeit setzte; gleich derst Nestor der österreichischen Diplonmcie hielt er das Laviren für den letzten Zweck einer (Gemeinde-) Negierung, und es war kein Wunder, daß unter ihrer Volee - knr-niente-Verwaltung Alles verfaulte und verweste. Ich brauche diese Herren wohl nicht mit Ramm zu nennen, sie sind auch ohne mein Zuthun der Unsterblichkeit verfallen, und hier ist auch die Nennung überflüssig, da jedes Kind mit Fingern auf sie deutet; ich muß mich aber auch gleich von vorn herein verwahren, als hielte ich jenen Vorstand als picht aus den achtbaren Gliedern dev Gemeinde, oder als nicht aus den achtbaren Kaufleuten und angesehenen Männern der Stadt gewählt; ich habe jene Männer nur als Vorsteher im Sinne. — Das schöne Beispiel Lembergs, wo in der letzten Zeit durch die Wahl eines gebildeten Vorstandes ein reges Leben in die Gemeinde eingetreten, hat auch bei uns ein Echo gefunden, und als drei Vorsteher-Stellen vakant waren, strebte der bessere Theil der Gemeinde, Personen in das Vorsteher-Amt zu bringen, die von ihrem Berufe und ihrer Pflicht einen edleren Begriff zu haben scheinen. Durch eine kreiöamrliche Erledigung sind nun für das nächste Triennium, nämlich vom I.Nov. 1843 bis 1846, die Herren Moses Kallier, Lazarus Landau und Henoch Braun gewählt und zwei derselben vom Hrn. Bürgermeister unserer Stadt in der hiesigen Synagoge bereits gesetzmäßig beeidet und in ihr Amt eingesetzt worden. Der alte Schlendrian ist aber nur zum Theil gebrochen, da noch die Majorität, nämlich vier Vorstandsmitglieder, noch im Amte geblieben. Es steht aber zu hoffen, daß die eigentlich Thätigen in der Majorität sein werden, da unter jenen Vieren auch Hr. Jos. Nathansohn sich befindet, der bekanntlich im alten Regime der einzige war, der, wenn auch in verkehrter Weise, immer etwas thar. Sie werden es mir gewiß erlassen, hier über die Ränke und Jntriguen zu berichten, welche bei der eben abgeschloffenen und vollendeten Wahl vorgesallen; der Fanatismus sah in der Wahl jüngerer thätiger Männer nur den Eingriff in die Religion, der Schlendrian sah sich in seiner Eitelkeit verletzt und an schmutzigen und gemeinen Skriblern, die bei dem Kreisamte und der Gemeinde ein doppeltes Spiel getrieben, hat es natülich auch nicht gefehlt. Wir begnügen uns aber mit der nackten Thatsache, daß in das Vorstands-Kollegium drei Männer gekommen, die, abgesehen von ihrem sonstigen moralischen Charakter, welcher