Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1843)
- Article
- Warschau : Das neue Militärgesetz [Nachricht]
- Date
- 1843-11-28
- Page
- Seite 381 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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381 skription verfallen und auch zwölfjährige Knaben werden angenommen, freilich bei viel längerem Dienste. Vertreter dürfen nur aus der Zahl der Glaubensgenossen gewählt, jüdische Deserteure müssen stets von den betreffenden Gemeinden ersetzt werden und nur die zur griechischen Kirche übergehen, sind frei. Wie viel Härte, Beschimpfung und Nichtswürdigkeit in diesem Gesetze liegt, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen und diese Beschimpfung ist es vorzüglich, die uns den tiefsten Abscheu gegen die nordische Barbarei einstößt. Um Milderung einiger dieser Gesetze hat unser eben so gebildeter als ungemein thatiger Vorstand sich mit Bittschreiben an den Statthalter gewendet, aber bei dem unbeugsamen Hasse gegen die Juden von Seiten des Reichsoberhaupts durften die Bitten nicht gewährt werden. Das Einzige, das wir erlangten, ist, daß für das Jahr 1844 noch Stellvertreter angenommen werden können, die noch nicht der Konskription unterworfen sind. Diese Milderung wurde durch ein Dekret des Statthalters mitgetheilt. Als wahrer Hohn für die griechische Kirche, wenn überhaupt ein solcher geist-, Phantasie- und gemüthloser Ehristianismus so genannt werden kann, ist aber die Bestimmung anzusehen, welche die Getauften befreit. So sehr auch die griechischen' religiösen Formen abschrecken, so giebts doch innerhalb einer so großen jüdischen Masse der Schwachen genug, die von Umständen genöthigt, sich durch eine geheuchelte Annahme der griechischen Religion der Militärpflicht entziehen. Daß wir hier fast täglich dergleichen Beispiele erleben, ist natürlich. Posen, 14. Nov. Die Nachrichten, die wir hier aus Polen vernehmen, sind sehr traurig, und sind vollkommen geeignet, die Sympathien für dieses unglückliche Land oder vielmehr für dessen Bewohner, namentlich die jüdische zu wecken, die fast verschwunden schienen. Die Militüc-Konskription, welcher die Juden Polens zum ersten Mal unterworfen sind, und die grausame, alle Civilisation verletzende Verbannung von fast einer halben Million Juden in das Innere dieses Reichs, sind die hauptsächlichsten Gegenstände, welche jetzt die Konversation beschäftigen« Was die Konskription betrifft, so ist jetzt die Flucht nach dem civilist'rten Preußen kaum möglich, da die Grenzen mit einer ungewöhnlichen Strenge bewacht find. Für Weltkinder ist da keine andere Rettung als die Taufe in der griechischheidnischen Kirche und leider ergreifen dieses Mittel viele Reiche, wie man aus Warschau, Kalisch u. st w. vernimmt. Was die Verbannung der jüdischen Grenzbewohner anlangt, so ist es hinlänglich bekannt, daß alle Anstalten dazu getroffen werden. Durch Bestechungen und und ungeheuere Opfer werden zwar Viele in ihrer Heimath belassen, aber die große Masse kann der Verbannung nicht entgehen. Ihre Brennereien, ihre Schenken, ihre Aeckec, ja ihre Geschäfte mit den mühsam sich erworbenen Kunden müssen sie im Stiche lassen und nur in seltenen Fällen finden sie Käufer dazu. Den Meisten bleibt nichts als der Bettelstab, und der Jammer ist herzzerreißend. Dem Kaiser, der einen persönlichen glühenden Haß gegen die Juden hegt, haben nichtswürdige Beamte, um bei ihm sich in Gunst zu setzen, vorgesagt, daß die arme Bevölkerung so wie die Grenz- Schenken mit den Schmugglern in der engsten Verbindung stehe — und der Haß ist leichtgläubig. Es ist eine reine Lüge, daß die Juden den Schmuggelhandel treiben, die Niederlagen der über die Grenze von Christen geschafften Maaren ist auch immer bei Christen, aber was fragt der Haß nach Wahrheit? Oesterreich. 1. Nov. Nichts ist in unserm friedlichen Staate so sehr den Angriffen blvsgestellt, als das Judenthum. So vieläugig — aber doch kurzsichtig — unsere Censur ist, drückt sie alle Augen zu, so es sich um Judenthum handelt. Will Jemand einen Stand, eine Religionsgenossenschaft indirekt angreifen, so dienen Juden und Juden (hum als Folie. Juden und Judenthum! zwei Blatter, auf die Jeder ohne Gefahr und Furcht die niedrigsten Verlaumdungen Hinschreis ben kann. Dieses Bewußtsein leitet gewiß Hrn. R—a, Prediger an der hiesigen protestantischen Kirche, wenn er, um den, allerdings intoleranten, Katholicismus anzugreifen, Juden und Judenthum zum Scheine als Zielscheibe sich wählt. Hr. R—a schildert seinen Konfirmanden das Judenthum, während er es doch auf den Katholicismus abgesehen hat. Was der Protestant am Katholicismus rügt, wird dort dem Judenthum aufgebürdet. Nicht alle Konfirmanden und nicht alle Zuhörer aber können die wahre Intention des Herrn Prediger wissen, und glauben daher ein Judenthum vor sich zu haben, das bei ihnen nur Abscheu erregen kann. — Wünschen wir nun auch von Herzen dem Protestantismus in Oesterreich ein besseres und günstigeres Loos/ so fordern wir aber auch, daß er nicht einer andern ecclesia pressa entgelte, was er von der eoolesia äomlimns zu erdulden hat. Klopft einmal der wahre Fortschritt an Oesterreichs — Thoren an, so zieht religiöse Duldung für alle Konfessionen ein; bis dahin aber sollen und wollen wir friedlich neben einander leben. Von der österreichischen Grenzeim November. Traurig ist das Loos der jüdischen Soldaten in Oesterreich sowohl wahrend als nach ihrer Dienstzeit. Nicht als wenn der österr. Jude mehr Widerwillen als sein christlicher Mitbruder gegen den Soldatenstand überhaupt hätte, als vielmehr, well der Staat selbst beim Soldaten, beim Vectheidiger des Vaterlandesals ein christlicher sich zeigt. Der österr. Staat geräth durch die Zurücksetzung des jüd. Soldaten in einen Wi-