Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1843)
- Article
- Berlin : Das Rabbinat [Nachricht]
- Date
- 1843-11-21
- Page
- Seite 373 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360256-2360304--4133-2371005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
373 werden, die Direktion eines Oberrabbiners höchst wichtig ist in der preußischen Residenz, so erhält dieselbe eine noch höhere Bedeutung zu einer Zeit, wo, um es kurz zu bezeichnen, in politischer sowohl als religiöser Beziehung die Judenverhältnisse in einer Krise sich befinden, sollte diese auch keine schmerzlichen Wehen verursachen. Desto auffallender erscheint es, daß der zeitige Vorstand diese Angelegenheit keineswegs von der bezeichneten Seite, ihrer ganzen Würde nach, zu betrachten sich anschickt. Vor Jahresfrist bereits, als die Wahl auf den Oberrabbiner zu Dresden gefallen war, äußerten sich dergleichen besorgliche Stimmen. Jetzt, nachdem Dr. Frankel die Stelle definitiv abgelehnt hat, muffen diese Klagen sich wiederholen, sogar verdoppeln; denn gerade jetzt zeigt es sich klar, daß man nicht eine gesetzmäßige, freie Wahl veranstalten wollte oder rm Auge hatte, sondern daß man, wie früher so auch jetzt, mehr eine gemüthliche Vereinigung zu einem Anerbieten beabsichtigt, welches man einem schon im Voraus bestimmten Günstling machte! Als hätte man die beiden Kandidaten, welche nächst Frankel die meisten Stimmen erhalten haben, gar nicht der Berücksichtigung werth gehalten, so hat man sich jetzt abermals für eine bestimmte Person bereits entschieden. Hiernach urtheile man nun über die Bedeutung der bevorstehenden Procedur! Einige Mitglieder des Vorstandes begünstigen nämlich einen ihnen befreundeten Prediger, und somit glaubt Jedermann schon seine Einberufung als fait accompli, d. h. als Etwas, das keine Aenderung mehr erleiden kann. Hier aber soll jener fremde Geistliche nicht als Prediger gewählt werden — den Namen scheut man; auch nicht als Oberrabbiner — dazu fehlt ihm, glaubt man, die nöthige Qualifikation, sondern — man höre! als — dritter Rabbinatsadjunkt, als Rabbinatsasseffor, oder wie diese juristisch-theologischen Mischtitel mehr heißen. Ob die hiesige Gemeinde sich mit dergleichen halben Maaßregeln begnügen wird, das wird die Zeit lehren. Daß die Regierung ihren Auftrag hiermit vollzogen sehen und die Wahl eines Adjunkts zu bestätigen sich geneigt fühlen wird, dürste bezweifelt werden. Das aber liegt leider allzu sehr zu Lage, daß durch ein solches Verfahren wie das eben bezeichnete die zu Besserem erwachenden Verhältnisse der jüd. Gemeinde zu Berlin keiner frohen Zukunft entgegensetzen dürften. D. A. Z. Ungarn. Einer Mittheilung aus St« Nidolau zu Folge, die ich hier aber nur bruchstückweise und unvollständig mitthoilen kann, herrscht bei Den' ungarischen Israeliten eine freudige Stimmung über die glänzenden Erfolge der Emancipalionsfrage auf dem Landtage zu Preßburg. Der Korcesp. sage: „Eine Stimme nur durchtönt dies Land, von der bewegten Herzenssaite jedes in diesem ,0 Lande, für seinen Glauben noch fühlenden Israeliten; . und dies sind Dank- und Freudenakkocde über die glänzenden Erfolge der am 10. Oktober l. I. abgehaltenen Cirkularsitzung des Reichstages zu Preßburg. Die gerechte Sache der Juden, wenn auch nicht ganz ohne allen Widerspruch, wenn auch nicht ganz, ohne daß die tausendköpsige Hyder des Judenhasses auch da das Haupt erhoben; aber durch die kräftigen Bemühungen der edlen Kämpfer für Recht und Freiheit, durch die beredeten Worte der von Feuereifer beseelten Verfechter des Menschenrechtes, endlich nach mehrstündigen Debatten, mit überwiegender Majorität durchgesührt wurde. — Auf die Mittheilung dieser Debatten selbst und den Gang derselben, will ich mich hier nicht einlassen. Doch über den Geist dieser Verhandlungen, über das sie vor andern ähnlichen Bezeichnende, versuche ich hier nur einige kleine Bemerkungen zu machen. *) — Der edle Magyar, was er einmal für Recht erkennt, was einmal in den Kreis seiner Ideen ausgenommen ist, das durchdcingt ihn ganz, das führt er durch mit Energie. Unterdrückung und Unrecht, wo und wie er sie findet, zu deren Abhilfe bietet er die Hand, dafür tritt er muthig in die Schranken, mit dem Gefühle für Recht. Dieser Charakterzug des Ungars ist auch das Bezeichnende gegenwärtiger Verhandlungen. Nicht kalte Politikauch nicht Mitleid, das Gefühl blos für Recht war es, was die edlen-Streiter zum Kampfe für die gerechte Sache aufforderte. Nicht durch Petitionen und Gesuche'^), unvorbereitet, blos anlebnend (es handelte sich nämlich um die Bedingnisse zur Gratifikation der Bürger in den Fceistädren) wurde die Sache der Juden berührt, und in den Kreis der Diskussion gezogen. Doch eben da zeigte sich der hochherzige Sinn des Magyars, in dessen Ohr schon der einmalige Hilferuf des Leidenden wiederhallt, und stets ihn zur Abhilfe ermahnet. Die Sache der Emancipation, am vorigen Landtag einmal angeregt, laßt dem Gemüthe des Ungars nicht Rast noch Ruh, bis er sie ganz durchgeführt, bis er den Freiheitskampf seiner unterdrückten. Brüder ganz durchgekämpft; davon geben auch diese Verhandlungen ein sprechendes Zeugniß, alles Andere wurde beseitigt, und blos dieser Gegenstand, so lange verhandelt, bis obenerwähnter, nicht nur das Herz der Israeliten Ungarns, sondern jedes Menschenfreundes Brust, stolz erhebende Beschluß gefaßt ward^). — Doch wenn ich auch hier nicht die Glanzpunkte aus den Reden unsrer Verfechter hervorhebe, so kann ich doch nicht umhin auf die Erbärmlichkeit einiger Städtedeputirten hinzuzeigen, in deren Kopsen es noch von mittelalterlichem Jnquisitionsgeiste spukt, und die sich auch nicht entblödeten, selbst so hochherziger Versammlung gegenüber die niedrigsten Beschuldigungen und abgenutztsten Mährchen als Streitkolben gegen die Juden zu gebrauchen. Ein Beweis mehr für die Gerechtigkeit unserer Sache, wenn deren Gegner keine andere Waffe zu zu finden wissen, als aus der finstern Rüstkammer des Mittelalters einiges rostig stumpfes Zeug hervorzuheben, gegen das wir aber auch keines Panzers bedürfen, d. h. jene von einigen Städtedeputirten gegen uns gemachten Anschuldigungen bedürfen nicht der Widerlegung. Aber 1) Von meinem Korr, aus Preßburg Nr. 45 des Orients sind diese Verhandlungen gerade als judenfeindlich dargestellr, wie auch alle politischen Blätter mit jener Mittheilung übereinstiinmen. Um so mehr war es die Pflicht des Hrn. Korr. B., in objektiver Darstellung der ganzen Verhandlungen mit Anführung der Personen, welche dabei gesprochen, seine Aussage zu erhärten. , Red. 7) Die Nichteingehung derselben wirst in der Lhat kein gutes Licht auf die ungarischen Israeliten; nur wer Freiheit und Recht zu fordern den Muth hat, der verdient sie. Red. 3) Der Red. hätte es sehr gern gesehen, wenn der Korr, ihm den buchstäblichen, ausführlichen Beschluß mitgetheüt. Red.