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Der Orient · 1843-11-21 · Heft 47 (21.11.1843) · p. Seite 372

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 47 (21.11.1843)
Article
Aus dem Nassauischen: B. Auerbach über die Stellung der Juden im Herzogth. Nassau
Date
1843-11-21
Page
Seite 372 (sequence 1)
Language
German
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372 cheicklattes, und nach ihm die hiesigen drei Zeitungen, brachte die Zahl der Juden, die den Feldzug von 1813—15 mitgernacht haben. Ohne hier näher auf eine Untersuchung dieser Zahlen einzugehen, muß man die Unvollständigkeit dieser Liste einsehen, da sie doch geständlich „nicht alle Truppen der Armee", sondern nur „Truppen aller Provinzen" umfaßt. Man wird ferner zugebcn, daß bei einem so großen und herrlichen Kriege „59 Linienbataillons, 21 Kavalerieregimenter, 4 Artilleriebrigaden, 52 Landwehrbataillone" nicht sehr ins Gewicht fallen. Uebrigens ist zu bedenken, daß im Jahr 1813 gar nicht viele Juden in Preußen lebten und daß auch 1815 die Provinz Posen, in welcher die Juden vom Militärdienste befreit sind, aussiel. , D. 2i. I. Aus dem Nlassamschen, 1. September. (Schluß.) Man beschränke den Schacherhandel, wie man es im Interesse der Gesammtheit finden mag, nie und nimmer aber sollte ein solches, Gott und die Natur beleidigendes Gesetz gehandhabt werden. — Es giebt leider noch sehr wenige Männer, die das Wesen der Emancipation der Juden recht begreifen; da meinen sie immer: jetzt, wenn man die Fesseln des Gesetzes löst, werden die Juden plötzlich in die Gerichtssäle dringen, alle Stellen in Beschlag nehmen u. dergl. und nur, wie man sich ausdrückt, den „Besseren" möchte man die volle Gleichheit der Rechte einräumen. Das ist es ja eben, nur die „Besseren" trifft die Beschränkung des Gesetzes, der Schacherjude Schmut, wird nicht zum Bürgermeister u. der gl. gewählt, und er trägtauch kein Verlangen darnach. Die kürzlich gepflogenen Verhandlungen der badischen Kammer sind ein entmuthigendes Zeichen für die wahre Erkenntniß der sogenannten Freigesinnten. Wassermann hat sich wie ehedem H. König und Jordan in der kurhessischcn, der katholische Pfarrer Pfanz, und der evangelische Prälat Pah l in der würtembergifchen Kammer, mit eben so viel klarer Einsicht, als warmer Liebe für die Juden ausgesprochen, Jtzstein, der sonst so beredte und schlagfertige hat geschwiegen, und Sander hat den ihm von Beck eingeräumten Präsidentenstuhl offenbar zu seiner Antipathie gegen die Juden mißbraucht. Unsere Menschen - und Vaterlandsliebe, unser Vertrauen auf Freiheit und Recht, wird tagtäglich auf eine grausame Probe gestellt, wir dürfen nicht ermüden, sie siegrich zu bestehen. Auf der einen Seite an der sittlichen und politischen Bildung der Juden zn arbeiten, ihre Gebrechen schonungslos zu bekämpfen, und auf der andern mächtigen Seite dem Mißwollen entgegen zu tretendas ist eine Wiederkehr jenes sinnbildlichen Ausdruckes, daß die Juden mit dem Schwerte in der einen'und der Kelle in der andern Hand am zweiten Tempel zu Jerusalem bauten. Ich habe ehedem oft den Wunsch gehegt, daß die Juden auf den Dörfern sich auch die übliche Landestracht aneignen möchten, damit sie auch äußerlich mehr im Volke aufgingen; hier aber, wo keine Volkstracht ist, haben sie sich auch äußerlich nicht so als ein frem-. des Element abgeschlossen, es sind Handelsleute und Handwerker. Widrig und ekelerregend ist nur das Benehmen einiger, wie es scheint, begüterter jüdischer Mädchen; sie sind mit höchster Eleganz gekleidet und suchen in ihrem ganzen Benehmen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich als Vornehme zu documentiren. Ich bemerkte das nicht allein, auch ein Badegast äußerte mir, daß das die entgegengesetzte Wirkung hervorbringe, und erst als er einige allgemeine Bemerkungen über Juden daran knüpfen wollte, sagte ich ihm, daß ich ein Jude sei; er war ganz verblüfft, entschuldigte sich, daß er mich gewiß nicht damit meinen könnte u. s. w. Ich bin das gewohnt, man macht in seinem anerzogenen Vorurtheile gegen die Juden gern jeden Einzelnen „Besseren"- zur Ausnahme; Niemand aber darf sich bei diesem persönlichen Freibriefe befriedigen. Wenige geben sich die Mühe, ernst und unbefangen über die Juden nachzudenken und sie mit rein menschlichem Gefühle zu beobachten; in der Regel betrachtet man die gesammte „Judenschast", wie man sich jetzt in Preußen ausdrückt, als einen Stand, so ist es noch unendlich mehr gegen die Juden, die in allerlei Stände versprengt sind, und wie 'alle andere Konfessionen die verschiedensten Bildungsstufen in ihren Mitgliedern ausweisen. Doch — ich will hiervon abbrechen. Mich widerte an den hiesigen Erscheinungen besonders der Mangel an Einfachheit, an bescheidenem Selbstgenügen und innerer Ehre an; nicht nur bei ungebildeten Juden, sondern überall auf der Mittelstufe zwischen Naivität und Bildung macht sich eine Schaustellungeine Scheinsucht geltend, die sich folgerecht besonders an Aeußerlichkeit heftet; so sind die Bauern, die als Städter erscheinen, so Schneider und Lithographen, die sich als Stutentenden oder Beamte benehmen wollen, so rohe Juden, die sich als gebildete zeigen mochten und sich dafür halten, weil sie sich Kleider und Bücher kaufen können. Es ist nun auch im Dorfe bekanntdaß ich ein Jude, d. h. im Judenthum geboren, bin; die Tochter meines Nachbars sagte mir ganz ehrlich: „ei, ich Hab' ja gehört, Sie sind ja kein Herr, Sie sind ja ein Judd." — Ist das nicht die naivste Offenbarung der vorhin bezeichneten Anschauungsweise? Einige Bauern behandeln mich minder freundlich, andere minder ehrerbietig und mehr als ihresgleichen, seitdem sie wissen, daß ich ein Jude bin; dieses Benehmen der Gleichheit verdrießt mich keineswegs, cs ist gut und recht, daß die Juden durch ihr Schicksal darauf hingewiesen sind, nie zu den „Herrn", zu den „Vornehmen" zu gehören, sie sind die lebendigsten Vertreter der Gleichheit im Bürgerthume. Berlin, 12. Nov. Niemanden nahm es Wunder, daß die von der Regierung dem hiesigen Judenvereine zugekommme Weisung, zur Wiederbesetzung der schon längere Zeit hindurch erledigten Stelle eines Oberrabbiners zu schreiten, selbst in entferntem Kreisen eine rege Bewegung verursacht hat. Denn wenn fd;on in Betreff der Entscheidung ritualrechtlicher Fragen, welche von der Negierung vorgelegt

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