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Der Orient · 1843-10-10 · Heft 41 (10.10.1843) · p. Seite 328

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 41 (10.10.1843)
Article
Der Emancipationskampf im Friesenland
Date
1843-10-10
Page
Seite 328 (sequence 2)
Language
German
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328 Wir meinen Göthe und Dahlmann. Der Red. der „Frisia" hätte nicht Mer wählen können. — Göthe hatte , nämlich schon in seiner frühen Jugend sich ein Urtheil über die Juden wahrscheinlich aus den Eindrücken gebildet, die er in Frankfurt a. M. oder im Elsaß erhalten hatte, ein Urtheil, das er später weder zu korrigiren noch zu reformiren geruhte. Daß der geborne Würger einer freien deutschen Reichsstadt ein geborner und geschworner Judmhasser war, finden wir ganz in der Ordnung; und daß er in Weimar, wo er aus der republikanischen Loga in den seidnen Geheimrathsmantel. schlüpfte, seine Ansicht nicht ändern wollte, sondern sie höchstens in etwas aristokratischeren Formen zur Schau 'trug, darf uns nicht Wunder nehmen. Wir waren daher auch durch Riemers Ausschlüsse über Göthes Ansicht von den Juden nicht überrascht. Aber sein unrichtiges Urtheil über den Stil jüd. Schriftsteller würde Göthe, wenn er jetzt noch lebte, gewiß selbst im Allgemeinen zurücknehmen. Das orientalische Sprachgepräge und Wortgepräge verschwindet unter uns mehr und mehr. — Dennoch verehren wir Göthe's Genius, als einen wahrhaft erhabenen; wir bedauern nur, daß sich zu seiner poetischen Schöpferkraft und seiner ästhetischen Würde nicht auch die Toleranz, der höhere Rechtssinn, der Drang nach Erfüllung der Anforderungen der Gerechtigkeit im öffentlichen Leben gesellte. Wir trennen nicht blos, was Menzel nicht gethan, die Person von der Sache, sondern an der Person selbst die zwei Seiten, die menschliche und die künstlerische in Göthe, was selbst Börne nicht gelingen wollte. Aber, wo es auf Entscheidung von Rechts- und Principicnfragen ankommt, lassen wir, auch den eifrigsten Bewunderern Göthe's gegenüber, seinen Schatten nicht mitstimmen. — Wie steht es aber mit Dahlmann? Den müssen wir doch wohl gelten lassen, wenn die Lösung eines politischen Problems zur Sprache kommt? In der Theorie gern und willig, in der Praxis keineswegs. Ein konsequentes System mag Dahlmann haben, aber die Philosophie und Poesie der Gerechtigkeit ist ihm fremd geblieben. Was nicht in sein System paßt, >rvwd ausgestoßen: alle müssen sich in das Maaß der gegebenen Zustände fügen; es ist weder größer noch kleiner zu sein erlaubt, als die oktroyirte Charte befiehlt. Die Menschen werden so zu Drathpuppen ohne Selbstbewußtsein, ohne freien Willen, zu Maschinen des Gesetzes. Vor Dahlmann als Forscher und Denker beugen wir uns willig in aller Demuth; aber seine staatlichen Produkte würden zu rigoros, starr und einförmig ausfallen, um Menschen von Begeisterung und Gern üth zu befriedigen. Auch ist Dahlmann in einer der beiden „freiesten" Städte Meklenburgs, in Wismar, das keine Ju-- den duldet, geboren. — Doch das erscheint vielleicht gesucht; natürlicher freilich ist es, zu vermuthen, daß Dahlmann sich durch sein Unglück, in. welchem viele Juden ihm treulich beistanden, ohne seiner Abneigung gegen die Emancipation eingedenk zu sein, zu milderen rmd humaneren Grundsätzen werde habe bewegen lassen. Daß es nicht der Fall war, thut uns um seinetwillen, um seiner sonstigen wissenschaftlichen Bedeutung willen, aufrichtig leid. — Doch um Dahlmanns Judenscheu zu erklären, muß man sich erinnern, daß auch er von ihrer Nationalität träumt. — Worin soll diese Nationalität bestehen? Wir wissen nur, daß sie weder in Sprache, noch Sitte, noch Lebensweise, noch in einer eignen freigewollten Staats- und Volksbildung besteht, daß vielmehr die Juden alle diese Gäter mit den Christen, ihren Nachbaren, Vorgesetzten und Untergebenen, gemein haben. Doch — ich irre mich — sie leben in demselben Staate, gehören demselben Volke an und sind doch noch nicht der Rechte theilhaftig, auf die sie ebendeshalb den vollgültigsten Anspruch haben sollten. Stände ich Dahlmann nahe, würde ich ihm folgende Fragen vorlegeu: „Sind Sie nicht der Meinung, daß, wenn das hannöv. Grundgesetz von 1833 den Juden die völlige Emancipation, deren viele von ihnen schon zur westfälischen Zeit theilhaftig waren, restituirt und garantirt hätte, wenn demnach die Herren Stern, Benfey rc. außerordentliche oder ordentliche Professoren, also Männer von Einfluß gewesen waren, nicht nur diese das kleine Häuflein der 7 vermehrt, sondern vielleicht viele Juden, die ans Eidewechseln und an Eidbruch nicht gewöhne sind, mit Ihnen gegen die Patente prostetirt hätten, mit Ihnen verbannt worden wären? Der deutsche Jude ist wenigstens in der Regel lange nicht so geduldig, wie der deutsche Christ; ja selbst die hannöv. Juden, obwohl sie fast nur vom Handel leben müssen, mögen mehr potit. Gesinnung besitzen, denn ein großer Theil des hannöv. Bürger¬ und Bauernstandes. Die Beamten wenigstens, soweit sie Juden gewesen wären, hätte sich Ihnen gewiß angeschlossen. Ein Jude verteidigte die christlichen Osteroder und Göttinger Gefangenen von 1831, als die Mehrzahl der christlichen Advokaten ihre Glaubensgenossen im Stiche ließ, und sogar Sie das Anathem über christliche Dulder aussprachen; ein anderer Jude gedachte des gekränkten hannöv. Rechtes bei einem Gutcnbergsfeste in Mainz. — Das sind Thatfachen und wie sehr würde ihre Zahl steigen, wenn den Juden das Staatsgrundgesetz lieb und tHeuer geworden wäre. Schämen Sie sich denn nicht, daß der Red. der „Frisia", der gewiß der Letzte sein würde, in einem öffentlichen Blatte Hannovers Ihre Ueberzeugungstreue, Ihren Protest zu rühmen, sich auf Sie beruft, wenn er seine Intoleranz approbirt wissen will? Ihren guten Seiten, Ihren Vorzügen macht Hr. Dr. Schweckendieck nur darum ein Kompliment, um eine Ihrer Schwächen als Argument für sich zu benutzen. Er preist Sie um dessen willen, weshalb Sie Tadel verdienen; er würde schweigen, wenn es sich um das Lob handelte, das Sie. um Hannover verdient haben. — Gott bewahre Sie vor solchen Freunden". — So würde ich Dahlmann anreden und ich glaube, er könnte solcher Beweisführung Nichts entgegen setzen. Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.

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