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Der Orient · 1843-09-26 · Heft 39 (26.9.1843) · p. Seite 312

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 39 (26.9.1843)
Article
Würtemberg: Die isr. Waisenanstalt zu Eßlingen
Date
1843-09-26
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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312 hoben er Mahlzeit betete ein Knabe laut in hebräischer Sprache das Tischgebet- und die übrigen leise mit, und so wird immer unter den Zöglingen mit dem Vorbeten abgewechselt. Zn der Mittagsstunde trieben die Zöglinge muntere Spiele auf dem Turnplätze, und ich hatte Gelegenherr, wahrend dieser Zeit mit dem würdigen Lehrer dieser Anstalt, Herrn Lieb mann, über dieselben zu sprechen. Ich nahm mit Freude die Einladung, die Schule, während 'des Unterrichts zu besuchen, an. Der Unterricht wird nach Denzel'schen Grundsätzen betrieben, originell ist die Weise, wie Herr Liebmann das Rechnen betreibt, ich glaubte Ähnlichkeit mit der Zeller'schen Methode zu finden. Ueberhaupt ist das Lehrtalent des Hrn. Liebmann ein eminentes und er versteht jeden Lehrgegenstand intressant vorzutragen. Der Religionsunterricht wird wie in ganz Würtemberg, an der Hand des von der israel. Ober-Kirchenbehörde edirten Spruch- Gesang-und Religionsbuches gegeben, auch Pentateuch in der Ursprache wird gelehrt. Dagegen vermißte ich aus dem Lehrplan jüdische Geschichte". Es ist zu bedauern, daß in den meisten jüdischen Schulen dieses Fach brach liegt. Nach unserer heiligen Schrift sollte unsere Geschichte uns das heiligste Buch sein, wir müssen sie in unseren Schulen und im Leben kanonisiren. Bindet sie als Schmuck um den Hals und schreibet sie auf die Tafel eueres Herzens. Unsere Literatur war der Talisman, der uns vor dem Untergange gerettet, und jetzt sollten wir unsere Geschichte zu Grunde gehen lassen? sollen unsere Kinder die Geschichte nhrer Ahnen nur wie Ammenmahrchen kennen? Unsere exilirten Schul- und Hausbücher waren so schlecht nicht wie man sie verschrieen. — Der Zenne Renne, der Menorat ha-Maor, Kaw Hajaschar u. a. m. haben manche fromme Hausmutter gebildet/ manchen Hausvater erbaut. Durch was wurden diese Bücher ersitzt? Ich hörte einmal einen Streit zwischen einem Orthodoxen, ja fast bigotten und und einem aufgeklärten Juden an, dieser wollte den Unterricht in Misihnijot aus der Schule entfernt und mehr Zeit auf das Uebersitzen der Propheten gelegt wissen, jener wollte sich die Mischnijot durchaus nicht nehmen lassen, und als der Orthodoxe sehr in die Enge getrieben keinen glücklichen Ausweg mehr sah, so brach er heraus: die Mischnijot haben nur wir, die Bibel haben auch sie! Es liegt viel Wahrheit in dieser barrok scheinenden Aeußerung. — Eine nationelle Literatur müssen wir haben — aber der Schatz unserer Geschichte sii nicht im geheimen Aerrare wohlverschlossen, Gemeingut werde er durch die ganze Judenheit. Von dem edlen Vorstände, und dem würdigen Lehrer der Anstalt dürfen wir erwarten, daß auch die jüdische Geschichte nicht verwaist im jüdischen Waisenhaus bleibe. Die Waisenfchule bildet zugleich eine Musterschule für die jüdischen Schulamtskandidaten im Schullehrerseminar. Diese Leute werden manche herbe Erfahrung machen, wenn sie in das Tretrad des Lebens mit eingreifen sollen. Es ist schade, daß Herr Liebmann, der den jüdischen Unterricht für die israel. Zöglinge im Schullehrer-Seminar ertheilt, zu wenig Zeit auf sein Pensum verwenden kann — es kann darum auch ihn der Vorwurf, daß die Zöglinge sehr zurück im Hebräischen sind, nicht treffen. Hr. Liebmann entwirft eben einen ausführlichen Plan über die Anstalt, und hatte .die Güte denselben mir zur Abschriftsnahme zu versprechen; ich werde ihn dann seiner Zeit, mit Erlaubniß des Hrn. Liebmann veröffentlichen. A. Italic n. Pesavo, 11. Febr. So eben lese ich in der A. A. Z., daß das Schmachedikt des Fra Salina vom 24. Juni gegen unsere Gemeinden in An cd na, Sinigaglia, Jesi rc. als Mystifikation bezeichnet wird, und ich halte es für eine heilige Pflicht, in Ihrem Blatte, welches wir von Padua aus hier regelmäßig erhalten, die Wahrheit niederzulegen. Ohne untersuchen zu wol- . len, aus welchen Gründen die so großartige deutsche Zeitung, die einzige, die hier gelesen wird und gelesen werden kann, dieses Faktum verläugnet, ob aus innerem Schaamgefühl, daß dte heilige Inquisition, welche die Reinheit des christlichen Glaubens zu erhalten vorgiebt, zu einem solchen unchristlichm, dem schwärzesten Heidenthume unbekannten Aktenstücke gegriffen, oder aus allgemeiner Vertheidigungslust der Regierungsmaaßregeln, und wenn sie auch von der Hölle eingegeben seien, muß ich hier dock) aussprechen, das jenes Edikt leider! buchstäblich wahr ist. Es klingt in Deutschland vielleicht sonderbar, daß 1843 ein Generalinquisitor (denn das ist der Dr. der Theologie Salina) Gesetze geben sollte; aber hier zu Lande ist man an diese Knechtschaft gewohnt. Das schmachvolle Edikt, ich weiß nicht aus welchem Schatze des finstern Mittelalters c" mmen, ist wirklich erschienen und wird auch mit St nge, obgleich man durch Bestechungen viele Ausnahmen gestattet, ausgeführt. Der isr. Vorstand in Ancona, vereint mit ihrem gebildeten Rabbinen Samuele Pacisico, haben sich durch Vermittelung der römischen Gemeinde an den heiligen Vater gewendet, aber man glaubt nicht, daß diese Ver- Mittelung von Erfolg sein wird, da der Grund nicht in religiösem Fanatismus, sondern in verunglücktem Eigennutz zu liegen scheint. Was die Motive zu diesem Edikte anlangt, so haben einige aus^esprengt, daß es durch einen jüdischen Vetturin veranlaßt wurde, der unschuldiger Weise den Generalinquisitor gefahren und umgeworfen, was aber schon deshalb eine müßige Erfindung ist, weil es keine jüdische Vetturine giebt. Richtiger scheint es, daß es mit den revolutionären Bewegungen in Italien zusammenhange; denn bis jetzt war es immer Brauch, daß man bei unruhigen Volksbewegungen stets den Volkssinn aus die Juden lenkte. Verlag von E. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.

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