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Der Orient · 1843-09-26 · Heft 39 (26.9.1843) · p. Seite 311

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 39 (26.9.1843)
Article
Posen : Monatsbericht [Nachricht]
Date
1843-09-26
Page
Seite 311 (sequence 2)
Language
German
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311 der, parallel der Wasserheilanstalt, die Mittel zur Heilung unserer Schäden auf Null reducirt. Jndeß geschieht das Möglichste, indem die Statuten des schlesischen Vereins verbreitet werden. — Der Organisation unseres Kultus- und Schulwesens, überhaupt der ganzen Gemeinde-Verfassung, steht eine bedeutende Umgestaltung bevor; der Staat, welcher bis jetzt theilnahmlos das Judenwesen betrachtete und dadurch den eigentlichen Verfall unseres Kultuswesens herbeiführte, sucht sich zu orientiren, um die nöthigen Bestimmungen treffen zu können. Unser religiös-kirchliches Leben, und in dessen' Folge unser politisch-bürgerliches ist bekanntlich in solcher Verwirrung, daß jeder Einsichtige unserer Provinz mit Freuden das Bestreben der Negierung begrüßt. Die Staatsbehörde hat nämlich vor einiger Zeit 7 Fragen an fünf Rabbiner unserer Provinz, nämlich an S. Eg er in Posen, Dr. Hirsch feld in Wolstein, Dr. Gebhard in Wreschen, Rabb. Joel in Schwerin, Rabb. Malbim in Kempen, gerichtet, um darauf schriftliche motivicte Beantwortungen zu erhalten. Diese Fragen, welche nur aus sieben Rubriken bestehen, aber jede in sich wieder noch andere Fragen einschließt, so daß einige mehr zahlen, betreffen die Gemeindeangelegenheiten der Provinz, das Kultuswesen, das Rabbinenwefen, die Konfirmation rc., so daß eine Aufklärung der Staatsbehörde in diesem Fache nur heilsam für die Provinz werden kann. Die eben erwähnten fünf Rabbiner hielten hier bei dem Rabbiner Eger eine Konferenz, um eine Gleichmäßigkeit der fünf Gutachten zu bewirken. Daß die Staatsbehörde aber gerade durch diese Vereinigung, wobei man kaum von fünf Potenzen sprechen kann, ihren Zweck nicht erreicht habe, ist leicht einzusehen und ich muß noch hinzufügen, daß selbst die Gutachten der sogenannten Rabbiner-Doktoren'an Takt- und Principlosigkeit krank waren. Der Krebsschaden in dem Rabbinerwesen unserer Provinz ist unstreitig das Rabbinat unserer Stadt, das nicht das Mittelalter und nicht die Orthodoxie, sondern die Unkultur und den Gegensatz von Civilisation repräsenkirt. Was die obengenannte rabbinische Pentarchie unserer Provinz anlangt, so muß ich hier noch erwähnen, daß Eger noch einer Zeit angehöct, in welcher das Wissen eine Bürde war, Malbim und Joel noch in ihrer Verpuppung liegen und die Unkultur noch lange nicht abgestceift haben, und daß. Hir.sch feld und Gebhard als die einzigen gebildeten Rabbiner erscheinen, die aber auch nur sehr schwach im Handeln sein können. Es giebt aber cm cf) noch viele ehrliche und gute Rabbinen aus der alten Zeit, die bei einiger Annäherung zur Zeicbewegung recht werklhätig sein würden. — Ueber unfern indifferenten Vorstand werden Ihre Leser nächstens einen Bericht erhalten; man möchte es kaum glauben, wie eine so große Gemeinde von Leuten der Art sich vertreten lassen kann. — Würtemberg, 16. Aug. Unsere würt. Zeitschriften- Literatur ist jetzt ausgespickt mit Schulprüfungsberichten, Konsirmalionsfestlichkeiten und sonstigem ceremoniellen Prunk; weniger hören wir von dem Wesen der israelitischen Schulen, höchstens thellt eine Waisenanstalt mit, daß eine erlauchte Person sogar auf der Liste der Beitragenden bescheiden stehe. Aber über die innere Einrichtung der Schulen, über Methode und Geist derselben herrscht allgemeines Schweigen, und da eben die Journalistik später das beste Material der jüdischen Geschichte sein wird, so wird man über jüdische Schulen später Nichts erfahren können, als daß sie Prüfungen, glanzende Paraden in Galauniform aufgeführt und die Schuljugend in. Sabbatgewändern defilict hat. Was in den Schulen, und wie es gelehrt worden, welchen Charakter die jüdischen Schulen gehabt, ob der den Geist tödtenden Schlendrian der alten Winkelschulen dort grasstrt, ob man sie ganz den christlichen Schulen anzupaffen gesucht, oder ob sie den Zweck der jüdischen Schulen richtig ins Auge gefaßt, sich zwar der Zeit akkomodirt, ob sie wegen des Zeitlichen das Ewige, Israels heilige Mission nicht vergessen haben, davon wird die Geschichte schweigen müssen. Es wucherte eine Zeitlang der Grundsatz, daß jede Schule auf gleicher Basis gestellt sein müsse — Moral, ward der Religionsunterricht genannt — der Jude lernte seine Religion am Gymnasio illustri oder eben an der Anstalt, die er besuchte, er nahm aus der christlichen Sittenlehre auf, was in seinen Kram passte, und daher dadirt auch die stäche Bratwurstaufklärung unseres Zeitalters. Der Zeitgeist ist aber nicht der Riese für den man ihn halt, es laßt sich gegen ihn ankampfen. Wenn auch mehre Decennien hindurch besonders die Flachheit und äußere Politur sich der Menge bemächtigt und triumphirt hat, daß die entgegengesetzte Partei sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick sich im Stillen verbergen mußte, so hat dieses Unwesen jetzt sein Ende erreicht, und entschieden wacht sich das wahre Judenthum dem Rationalismus und der Gleisnerei gegenüber geltend. Eine wahrhaft jüdische Schule, durchdrungen vom bessern Geiste, nicht auf Knalleffekte berechnet, bescheiden, aber thatenreich har die israelitische Waisenanstalt zu Eßlingen. An der ökonomischen Einrichtung:' des Hauses ist gar Nichts auszusetzen, als daß sie zu wenig ökonomisch, d. h. zu kostbar ist. Prachtvolle Wohnungen, herrlicher Speisesaal, wohleingerichtete Schlaslokale, gesunde Betten, Krankenzimmer, mit gut versehener Hausapotheke, weiter Hofraum und großer Garten, machen den Aufenthalt der Waisen, bei einer sorgfältigen Pflege zu einem sichern Porr nach dem erlittenen Lebensschissbruche. Die Sorgfalt, die auf den Geist und das Herz der Pflegbefohlenen dort gelegt wird, ist besonders zu rühmen. Erziehung und Unterricht sind hier unzertrennliche Zwillingsschwestern. Um die Mittagszeit kam ich in die Anstalt und traf die Zöglinge bei Tische. Nach ausge-

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