Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1843)
- Article
- Hamburg
- Date
- 1843-09-19
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
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298 Stadt am Main im Gegensätze zu der politischen Exaltation des vorigen Jahczehnds nennen könnte, hat fast eben so kläglich geendet, wie diese. Hier wie dort waren die Urheber weder über die Mittel noch über den Zweck unter einander einig; auch brach beide Male die Sache zu früh los. Inwiefern Creizenach seine Verbündeten getäuscht und durch langes Schweigen irre geführt habe, können diese am Besten selbst beurtheilen und in der That scheinen sie jenem, der sich auch in seiner neuesten Erklärung in der A. A. Zeitung nur ausweichend geäußert und mit den Anfangsbuchstaben seines Namens unterzeichnet hat, gerechte Vorwürfe machen zu können. Sind die publikaten Brieffragmente echt, so ließe sich nicht leugnen, daß Heern Stern's Expektorationen das Gepräge des politischen und des religiösen Radikalismus am Schärfsten zur Schau tragen, während Rießer auf konstitutionellem Boden in der politischen Sphäre geblieben und auch, von der moderantistischen Bahn im Religiösen nur in gereizter Stimmung abgewichen, nicht völlig mit dem kirchlichen Indifferentismus gemeinsame Sache gemacht hat. Herrn Creizenachs Ansichten über Politik und Religion zu definiren, dürfte schwer, vielleicht unmöglich sein. — Rießer hat übrigens vor Kurzem eine Reise nach Berlin, Weimar, Jena und Frankfurt a. M. angetreten und ist besonders von der Berliner Gesellschaft der Freunde ehrend ausgenommen worden. Das ihm zu Ehren veranstaltete Abendfestmahl wurde in der Spen. und in der D. A. Zeitung ausführlich -beschrieben. Wir erwähnen nur, daß hauptsächlich auf H. Srreckfuß, die rhein. Stande, durch den Ehrengast auch auf den unvergeßlichen Reformator Moses Mendelssohn, endlich auch auf den Einfluß der Presse auf die Emancipationssache (wie kam aber das Obercensurgericht zu der Auszeichnung, daß man es hoch leben ließ?) mit begeisterten Worten Toaste ausgebrachr wurden. — Die Emancipationssache fyat übrigens noch immer zahlreiche verstockte und nichtswürdige Gegner. Das kann man am Besten aus den Debatten der Hamburger Tagespresse (nur die 3 größeren polit. Blatter — Korrespondent, H. N. Zeitung und Börsenliste — lassen sich in keine derartige Polemik ein) erkennen. Bemerkenswerth ist dagegen, wie die Bremer Zeitung — in der Stadt Bremen werden bekanntlich die Juden eben so wenig wie in Lübeck, Rostock und Wismar geduldet — Alles, was den Juden Gehässiges in andern Zeitungen zu lesen ist, nicht in ihre Spalten aufnimmt; ja sie ließ sogar in einem der Preuß. A. Z. entlehnten Berichte über die durch Kommis in Breslau begangenen Entwendungen das Eigenschaftswort „jüdisch" weg. — Was sie dagegen über die Vorgänge in Minden berichtete, war etwas entstellt; es handelt sich dort nach der Köln. Zeit, nur darum, daß das Kolportiren von judenfeindlichen Petitionen und Unterschriftensammeln Behufs einer Demonstration gegen das Votum der rhein. Stande durch die Regierung untersagt worden war. Ich hatte übrigens recht gerathen, als ich in dem Auditeur Marcard in Minden das Haupt dieser geheimen Konspiration vermuthete; ganz in derselben Weise, wie zwei Altonaer, der Advokat Witt und der Cand. chir. Neichenbach — die in dem Jtzehoer und Bergedorfer Wochenblatt ihre Helfershelfer haben — ihre Pamphlets umhertragen oder umhertragen lassen, haustrt auch Herr Marcard mit feiner Schmähschrift: „Darf em Jude Mitglied einer Obrigkeit sein, die über christliche Unterthanen gesetzt ist? Ein freundliches, schlichtes Wort zu dem deutschen Bürger und Landmann, gesprochen von Treumund Wahrlieb". (Minden bei Eßmann. tj Sgr. Vierte (?) Auflage). — Demnach wird sich der gesunde Sinn der Rheinländer und Westphcüen weder durch Marcardsche Kapuzinaden noch durch päbstliche Dragonaden irre machen lassen. — Wie es übrigens mit dem Jnquisüionsdekrete im Kirchenstaate stehe, darüber kann man noch nicht recht ins Klare kommen. Die A. A. Zeitung bezweifelt noch die Echtheit desselben; dagegen find alle engl, und ftanz. Blatter (das Univers begreiflicher Weise ausgenommen) in dem Glauben an seine Echtheit und in dem Urtheile über seine grenzenlose Nichtswürdigkeit einig. Ob ein Sakrilegium oder die Verweigerung einer von Rothschild begehrten Anleihe das Motiv gewesen sei, ist dabei völlig gleichgültig. — Engl, und fcanz.. Juden sollen die Verfolgten zu sich eingeladen haben. — Die Ausführung des russ. Dekrets ist blos auf kurze Zeit vertagt. Ist das aber eine beneidenswerthe Lage, das Damoklesschwert stets über seinem Haupte hängen zu sehen? Nur in einer gesetzlichen Staatsordnung ist für die Juden Heil vorhanden. Es ist daher ihre Pflicht, nach Kräften für freie Presse und freie Verfassungen zu wirken, weil Beides auch ihrer Sache zu Gute kommt. Dem Gebildeten ziemt es freilich, nur an das Princip zu denken, aber die größere Masse muß auch den materiellen Bortheil, der aus solcher Theilnahme am öffentlichen Leben entspringt, erkennen und würdigen lernen. Doppelt erfreulich war es daher, zu sehen, welch' innigen Antheil die badischen Juden, obgleich auch ihnen noch Manches zur völligen bürgerlichen Gleichstellung fehlt, an dem am 22. Aug. stattgefundenen fünfundzwanzigjahrigen Verfassungsjuhiläum nahmen. — Ueber eine unter den Wiener Juden entstandene Spaltung la--fen dunkle, und wie ich glaube, durchaus unhaltbare Gerüchte in den Zeitungen um. — Dr. Wolff aus Kopenhagen ist vor Kurzem über Hamburg wieder in seinen Sprengel zucückgekehrt. Einer der ausgezeichnetsten Juden Dänemarks ist am 29. Aug. mit Tode abgegangen. Es war der königl. Leibarzt, Prof. Dr. Ludwig Levin Jacobson, geb. 10. Januar 1783 zu Kopenhagen, Sohn des Prof, und Hofgraveurs Jacobson daselbst. Der Verstorbene genoß als Arzt, Wundarzt und Schriftsteller einen europäischen