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Der Orient · 1843-09-12 · Heft 37 (12.9.1843) · p. Seite 291

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 37 (12.9.1843)
Article
Berlin : Die Dankadresse an den rheinischen Landtag [Nachricht]
Date
1843-09-12
Page
Seite 291 (sequence 2)
Language
German
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291 I. M. Der Berliner Witz -— eine lachende Nemesis — taufte nun Herrn I. M. zu einem Geheimen Radirungsrathe um. Herr I. M. ist jetzt um einen Titel reicher und an Achtung bei seinen Glaubensgenossen armer geworden. Berlin, 1. Sptbr. Die Staatsbehörde scheint ernstlich damit umzugchen, sich über das Versäumte in den Angelegenheiten der Juden Preußens zu unterrichten, um dann, nach den erhaltenen Resultaten, eine theilweise oder völlige Emancipation. einireten zu Lassen. Das Ausschreiben der sieben auf Religion und Kultus sich beziehenden Fragen an sämmtliche Rabbiner Preußens, um dann durch die eingehenden schriftlichen Gutachten sich zu belehren: die Aufträge an einzelne befähigte Individuen, über einzelne Gegenstände ihre Vota abzugeben oder gewisse Gesetze zu entwerfen, so wie neuerlich die an alle Generalkommandos der Armee ergangene Weisung, genau zu ermitteln, wie viele Juden im Kriege (von 1813—15) mitgeka'mpft, wie viele geblieben und wie deren Aufführung damals überhaupt gewesen: alles dieses weiset aus den ernstlichen Willen der Regierung hin, die Wahrheit in den jüdischen Angelegenheiten ermitteln zu wollen, um bei der bevorstehenden Gesetzgebung über die Juden gerecht zu sein. Die Frage ist nur, ob in mancher Beziehung die Ermittelung nicht zu spät erscheint, wie z. B. über die Juden in den Befreiungskriegen, vorzüglich wenn man bedenkt, daß Ln jenem denkwürdigen Volksenthusiasmus der konfessionelle Unterschied nur wenig beachtet worden. Auch die Anfragen an die Rabbinen, wie auch die Antworten ausfallen mögen, geben keinen Maaßstab für die objektive Wahrheit, theils weil Ln der jetzt bewegten Zeit im Iudenthum die theologische Wissenschaft und Gelehrsamkeit gerade bei denjenigen Individuen angetroffen wird, die nicht fungirende Rabbiner sind (Zunz, Jost, Steinheim, Arnheim, Salomon, Munk u. A.), theils ist selbst der bessere und intelligentere Theil unserer Rabbinen (wie Geiger, Hirschfeld, Hirsch, Herzfeld u. A.) zu sehr voll Rücksicht, um immer die offene Wahrheit zu sagen. Man erzählt, sich auch, daß die Staatsbehörde von selbst das Ungenügende dieser Rabbmen-Vota eingesehen und sich daher eben auch an jene jüdischen Gelehrten, wenn auch nicht Rabbiner, gewendet habe, um ihre Gutachten zu Rathe zu ziehen. Ein Gleiches hat schon vor einigen Monaten die Staatsbehörde von Sachsen-Meiningen in der Angelegenheit des Sabbatsschreibens gethan, indem sie von den jüdischen Theologen, die nicht Rabbiner sind (Jost, Fürst u. s. m.), Gutachten einforderte, und wie man hört, jetzt das bekannte Gesetz ausheben will. Am Freiesten verfährt die Staatsbehörde in der Benutzung der dahin gehörigen gedruckten Arbeiten; in dieser Beziehung benutzt sie nicht blos die in den jüdischen Blättern zerstreueten Aufsätze, sondern berücksichtigt auch jede Ln dieser Angelegenheit erschienene Schrift, wie erst neulich die so eben erschienene Schrift: „Ueber das Verhaltniß der Juden Ln den christlichen Staaten" von dem wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrathe K. Strecksuß, einen sehr guten Eindruck gemacht. — Ueber das Festmahl, welches vor einigen Tagen (den 28. v. M.) die Gesellschaft der Freunde dem auf seiner Durchreise hier anwesenden Dr. Rieß er gegeben, werden ihre Leser, wenn ihnen was daran gelegen ist, aus den Zeitungen erfahren haben, wo sie sich an den Specialitäten, an den Reden und Begrüßungen ergötzen mögen. Hr. Joseph Lehmann, der eigentliche Veranstalter des Festes ist ein wackerer, für die Emancipation wie für die innere Veredlung des Judenthums begeisterter Mann, der für Berlin das nachholl, was er bis jetzt versäumt. Seit 13 Jahren hat ganz Deutschland dem srennüthigen Kämpfer, dem Dr. Rieß er, Achtung, Liebe und Verehrung entgegengetragen, nur Berlin in seiner Verlebtheit war theitnahmlos, und man darf sich nicht wundern, wenn beim ersten Erwachen jene komischen Ucbertreibungen Vorkommen, welche das Erbtheil Berlins zu sein scheinen, und wodurch Berlin sich schon so oft lächerlich gemacht. Die zarte Weift, in der Rieß er über das Zurückgebliebenftin der Berliner Gemeinde sich ausgesprochen, was auch, wie ich selbst bemerkt, die Einsichtigen gefühlt, hat ihm die Herzen der Bessern geöffnet. Und Berlin ist auch wirklich zurückgeblieben bei Allem,, was im Judenthum vorgegangen; schon vor 40 Jahren war es eine Mumie, ohne Leben, ohne Thatkraft, in dem Schlamme eines gemeinen Kosmopolitismus vergraben, eines Kosmopolitismus der gewöhnlich die Begeisterung und die Energie vernichtet. Zwar wandelten noch die Jrrschatten der Mendelssohn'schen Zeit gespensterhast umher mit ihren Voltair'schen Witzeleien, aber das tharkräftige Leben war bereits verschwunden. Berlin hat seit einem halben Jahrhundert Nichts im Judenthum und Nichts für das Judenthum gethan, als viel Taufwaffer verbraucht und Einige Tausend schlechte Witze zum Westen gegeben; Alles was die Juden in Deutschland, Frankreich und England geworden, was sie in heißen Kämpfen erfochten, auf dem Gebiete der Wissenschaften, der Künste, der Gewissensfreiheit, der Industrie, Alles was sie auf dem Gebiete des Rabbinenwesens, der Schule, der Kultus errungen, haben sie durch eigene Kraft, ja sogar gegen den Willen Berlins errungen. Berlin hat noch jetzt nicht den Phönixschlaf ausgeschlafen, und als ich an jenem Abend die buchhändlerischen Verse K. Heymanns zum Lobe unseres guten Königs vernahm, wobei beiläufig gesagt, viele Versfüße als Rabatt hätten abgezogen werden sollen, wurde es mir klar, daß die alte Zeit noch nicht ganz verschwunden sei. Dieser kranke Geist ist es auch gewesen, der die vielberathene, langdiskurtirte, tiessinnigüberlegte Dankadresse an die rheinischen Stände endlich, nachdem sie lange zirkulirt und reichlich unterschrieben war, dennoch nicht abgeschicktt Der Geheime Kommerzienrarh I. M. stand an der Spitze der Unterschriften, und als die Absendungszeit nahe war, fand es der Geheime Kommerzienrath für besser, durch heimliche Ausradirung seines Namens als Geheimer Radirungsrath an der Spitze zu erscheinen. Und wo blieben die Anderen? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich waren sie geistreich, oder sie machten Witze. 37 *

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