Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1843)
- Article
- Breslau : Was hat das tausendjährige deutsche Reich den Juden genützt? [Nachricht]
- Date
- 1843-09-05
- Page
- Seite 285 (sequence 2)
- Language
- German
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285 Zähren kamen unsere Vorfahren als ruhige Kolonisten nach Deutschland, tausend Mal hat Deutschland sich verwandelt, und die Nachkommen jener Kolonisten haben noch kein Heimathsrecht; wo liegt bei solchen Umständen ein Motiv zur Feier? Wo ist die deutsche Gesetzgebung, die uns als ebenbürtig ansieht, wo sind auch nur die Menschenrechte, die wir errungen, wenn ich auch von dem Rechte eines freien Deutschen nicht sprechen will? Frankfurt a. M., 22. Ang. Der Reform verein ist noch immer nur auf 23 Mitglieder beschränkt, da die Verwirrung Lu Bezug auf das öffentliche Auftreten und der dadurch entstandene Zwiespalt unter den Begründern desselben das Publikum stutzig gemacht. Die orthodoxe Partei har übrigens unterdessen auch einen, und zwar legalen Schritt gethan. Der hiesige Rabbiner, Salomon Trier, hat beim hohen Senate hier ein Schreiben eingereicht, worin er nachgewiesen, daß das Recht eines Vaters über sein Kind, nach jüdischem Gesetze, keineswegs so weit sich erstrecke, dasselbe der Beschneiduug zu entziehen, da das Beschneiden eines von jüdischen Aeltern geborenen Kindes eine Pflicht der Juden scha st überhaupt sei. Eben so hat er nachgewiesen, daß nach jüdischem Rechte diejenigen Väter, welche dergleichen aus Grundsatz thnn wollen, weder zur Zeugenschaft noch zu einem Eide zugelassen. werden dürfen, und wirklich hat das Rabbinat sowol für diesen als jenen Punkt das positive Gesetz für sich, und man ist sehr gespannt, wie der Senat, der das Schreiben des Oberrabbiners mit großem Wohlwollen ausgenommen, entscheiden wird, da davon das factische Bestehen des Vereins abhängt. Außer diesem Schreiben hat das hiesige Rabbinat ein hebräisches Cirkular an alle Rabbiner Deutschlands erlassen, worin es sie auffodert, in hebräischer oder deutscher Sprache ihr Gutachten über den Verein der Oeffentlichkeit zu übergeben, theils um die Wahrheit zu erforschen, theils aber auch, um den Negierungen gegenüber Haltpunkce zu gewinnen. D. A. Z. Berlin, 20. Aug. Bauer und Ghillany! zwei Frage zeicheu in der I u d e n emancipationsliteramr, zwei Ritter in Harnisch gegen die bis jetzt noch uneroberte Burg des Judenthums. Wie verschieden aber sind die Waffen, mit denen diese beiden Judenritter kämpfen. Herr B., ein Ritter der Jetztzeit, führt zwar einen spitzen Degen, reitet einen unbändigen Gaul, versetzt manche starke Hiebe, aber mit welcher Feinheit und Zartheit der Dialektik, man möchte sagen, mit einer gewissen ritterlichen Würde. Ja Hr. B. ist ein wilder, tollkühner Kampe, der keinen Andersgesinnten, er sei Jude oder Christ, dulden kann, der in seinem Freiheüsparoxismus über alles Unfreie herfällt, und in seiner Autolcttne den Söhnen des Himmels den Krieg ankündigt. Allein Hr. Ghillany, ein feiger Ritter des grauen Mittelalters, wie armselig ist sein Aussehen, zu welchen erbärmlichen Waffen muß er greifen! In eine graue, verfallene Rüstkammer steigend, holt er sich alte, verrostete Waffen, gürtet einen stumpfen, rostigen Degen um die schwachen Lenden, wirft dem Judenthum einen vermoderten Handschuh, dessen ein ordentlicher Ritter sich schämen würde, prahlerisch und ruhwrednerisch hin, und ein zweiter Goliat verhöhnt und verspottet er seinen Gegner. Nein, Hr. Gh.! ein solcher Kampf ist Ihrer, des modernen Hohenpriesters, der an zahlreiche Menschenopfer gewohnt ist, durchaus nicht würdig. Blicken Sie doch nur auf Ihren Vorgänger, in dessen Fußtapfen sie getreten fein wollen, und zu dessen „Judenfrage" die Ihrige als eine Beigabe (wie freigebig!) sich gesellen soll. Ihr Vorgänger bedurfte keines Eisenmenger, der ihm als Sekundant beistehe, während Sie erst den Staub von Eisenmenger's ,,entdecktes Judenthum" wegwifchen mußten, um nur den Kampf beginnen zu können. Bauer bekämpfte die Juden als Träger einer positiven Religion, die der Wuth des modernen Herostrat, der durch niedergerissene und verbrannte Kirchen und Synagogen die Unsterblichkeit erkaufen will, nicht entgehen konnte; welche Fantome, Gespenster und Windmühlen aber bekämpft ein gelehrter Don Quijote mit Hilfe seines Sancho Pancha. Doch thu' ich Ihnen nicht Unrecht? Sie fordern ja blos, daß die Juden ihre Religion anders gestalten, umbilden möchten? Sie sind ja milder gegen die Juden, als Bauer? 'Aber eben dies, Hr. Gh., verdächtigt ihre Milde. Was kümmern Sie gewisse Ceremonien, die Sie abgeschafft haben wollen? Was genict es Sie, wenn Sie vielleicht ein zweites unsterbliches Werk über die Menschenopfer schreiben, daß dieser Jude seine Kinder beschneiden laßt und daß jener Jude die Gebetriemen anlegt, oder blos Koscherfleisch ißt? — Hr. Gh. matt könnte ein Werk über Ihre Menschenopfer schreiben. Posen, 25. Aug. „Schon wieder der unsterbliche jüdische Partikularismus V wurde uns von mehren Seiten zugerufen, nachdem die Nachricht vom wirklichen Erscheinen einer jüdischen Real-Encyklopadie sich verbreitet hatte. „Wozu", hieß cs', „bedürfen die Juden, welche Deutsche sein wollen, einer besondern Encyklopadie? Warum jüdische Gelehrte als Mitarbeiter bezeichnen? Wie kommt der Gelehrte als solcher zu dem Prädikate, daß er ein Jude sei?" — So werden vielleicht auch viele der jüdischen Leser gefragt haben, und wir erachten es daher für nöchig, auf diese Punkte etwas naher einzugehen. Was das Unternehmen überhaupt anlangt, so schwindet jeder Vorwurf eines Parnkulansmus durch die Bemerkung, daß diese Encyklopadie das Judenthum als ein Glied der fortlaufenden Kette der Weltgeschichte zum wissenschaftlichen Objekte gewählt hat, und daß das Werk der Wissenschaft angehört. Nicht mit den Juden, sondern mit dem Judenthum und seinen es ausmachenden Momenten beschäftigt sich die Encyklopadie. Das Judenlhum insofern es ein Objekt der Wissenschaft ist — und dies ist es doch — wird hier auch wissenschaftlich behandelt. Natürlich werden wir demgemäß mit Hrn. Steinschneider, der auch jüd. Künstlern, Erfindern u. s. w. eine Stelle in der Encyklopadie einraumen will, nur insofern üdereinsiimmen, als von Seiten der Christen der Jude mit dem Künstler, der Erfinder mit seinem Glaubensbc kenn miß identisicirt wird, und man den Künstler, Erfinder :c. entgelten laßt, was der Haß gegen den Juden eingiebt., Was unsere christlichen Mitbrüler verschulde: haben, wollen wir wieder gut machen. — Wird nun das Werk im Dienste der Wissenschaft unternommen, so kann doch das Objekt, weil es ein jüdisches ist, nicht den Vorwurf eines ausschließenden Partikularismus auf sich^ ziehen. Darin einen Partikularismus zu finden wäre eben so lächerlich,