Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1843)
- Article
- Berlin: Stimme über die Beschneidung
- Date
- 1843-09-05
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2360092-2360256-2360293-2370353--3859-2370385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
284 heiligen Eifer, das Freiheits-Princip in dieser Frage auf's 1 Aller entschiedenste in Anspruch zu nehmen, den Zwang zur Beschneidung von Seiten der Staatsgewalt verabscheut, so hat ec vollkommen Recht, wenn er sie aber an einem andern Orte „eine leere, aber unschuldige Ceremonie nennt, die dem Gewissen Vieler von uns sehr entbehrlich scheint", so werden wir in der bald zu ersehe!- nenden Schrift über die Beschneid ung Nachweisen, daß sie weder das Eine noch das Andere ist. Weit entfernt, leer und unschuldig zu sein, verdient sie vielmehr den Namen einer inhaltsschweren und dadurch nicht unschuldigen Eeremonie. Die Beweisführung für diese Behauptung würde uns aber hier zu einer weitläufigen operativen Beschreibung führen, die wir für den medicinischen Abschnitt unsrer Schrift reserviren, welche nächstens erscheint. Dr. Joseph Becgson. Wien, 26. Aug. (Nekrolog.) Sie haben einen edlen, einen Biedermann begraben. Den 21. Aug. starb M. L. Biedermann, Vertreter der israelitischen Einwohner zu Wien und Chef eines der angesehensten Banquiechauser; 11 Kinder, 32 Enkel*) .betrauern sein Hinscheiden, eine ansehnliche, ausgezeichnete Gemeinde betrauert ihren Vertreter seit 37 Jahren und die Handelswelt einen ihrer rechtlichsten, den umfassendsten Kredit genießenden Mitbürger. M. L. Biedermann wurde im Herbst 1769 in Preßburg von armen Eltern geboren, kam als vierzehnjähriger Knabe im Jahre 1784 nach Wien, wo er die Steinschneidekunst erlernte und sich darin auch auszeichnete; aber in kurzer Zeit wurde er durch seine Rechtlichkeit und durch seinen Fleiß der Schöpfer eines angesehenen Hauses. Schon im Jahre 1792 erhielt er die Toleranz für sich und seine Nachkommen, seit dem Jahre 1806 bekleidete er ununterbrochen das Amt eines Vertreters der in Wien tolerirten Israeliten, und das ganze jüdische Gemeindewesen, dessen Kultuseinrichtungen und Anstalten, sind Schöpfungen dieses nun Hingeschiedenen edlen Mannes. Nach seinen Mittheilungen erschien in dem zweiten Jahrgange des Wiener Kalenders für Israeliten eine kurze Geschichte der israelitischen Gemeinde zu Wien seit dem Jahre 1784, aus welcher der praktische und edle Sinn des Verblichenen, seine Liebe zu den israelitischen Glaubensgenossen hervorleuchtet. Ruhe seiner Asche. — Da gewiß über ihn eine ausführliche Lebensgeschichte erscheinen wird, so breche ich hier mit dieser kurzen Mittheilung ab, einem Andern gern einen ausführlichen Bericht überlassend. Minden, 22. Aug. Aus den verschiedensten deutschen Blättern werden Sie wohl erfahren haben, daß eine Anzahl hiesiger Bürger sich durch einen Juden¬ *) Ein Enkel desselben lebt, die Handelsschule in Leipzig besuchend, im Hause und unter Aufsicht des Dr. Julius Fürst in Leipzig. D. Eins. feind bestimmen ließ, eine Petition gegen die Judenemancipation von Haus zu Haus herumzuschicken, und daß die kön. Regierung dieses Treiben untersagt habe. Zur nähern Erläuterung habe ich aber hinzuzufügen, daß der Unternehmer jener Petition ein Individuum von so unmoralischer Act war, daß die Regierung mehr aus diesem Grunde, und weil die Werbung von Unterschriften unter mannigfacher Aufregung geschehen, als aus humanen Rücksichten für die Juden die Veranstaltung der Petition untersagte. So nutzlos aber auch die Petition gegen die Gleichstellung im besten Falle gewesen wäre, so haben wir doch bei dieser Gelegenheit gesehen, zu welchen Schritten ein großer Theil unserer Mitbürger sich noch verleiten lasse, und wie geneigt man ist, von uns Alles zu glauben. Die bekannte Schrift von Marcard hat hier den alten Haß gegen die Juden angeregt, und der Mangel an guten Rabbinern — die einzigen drei der Provinz sind weder moralisch noch wissenschaftlich so beschaffen, daß über Juden bessere Begriffe sich verbreiten könnten, — und das Leben vieler Juden bestärken leider eine solche Gesinnung. Bveslmr, 25. Aug. Die tausendjährige Feier des deutschen Reiches in einigen Synagogen unseres preußischen Vaterlandes hat hier gewissermaaßen Befremden erregt. Nicht blos der Sonderbarkeit wegen, daß diese Freudenfeier mit dem Trauer- und Fasttage der Zerstörung Jerusalems zusammengefallen, und also nothwendig ein Konflikt der Gefühle entstehen mußte: auch nicht deshalb, weil man sich noch der Meinung hingiebt, als könnten die jüdischen Deutschen aus Mangel an wahrer Vaterlandsliebe diese Feier überhaupt nicht begehen, sondern einzig und allein darum, weil diese Feier überhaupt keinen deutschen Nationalcharakter hat. Wie der Tempel zu Jerusalem ist das deutsche Reich in Trümmer zerfallen; der Deutsche selbst kann es mit wahrer Vaterlandsbegeisterung nicht feiern, und der Patriot würde eher diesen Tag zu einem Trauertag auswahlen, um den Untergang der deutschen Einheit zu beweinen. Preußen kann aber schon feiner slavischen Abstammung wegen, wie alle Gelehrten Berlins behaupten, diese Feier nicht zu begehen; Preußen als Po-Russi (^intec den Russen), wie die Etymologen gewiß nicht gelogen, wäre nur eine deutsche Macht, wenn es den Geist einer deutschen Einheit in sich ausgenommen und in diesem Sinne alle zersplitterten germanischen Stämme verschmolzen, so aber hat es in seiner Absonderung vom deutschen Geiste auf die Zukunft Deutschlands keinen Einfluß, und die Feier ist nichts Anderes als eines jener Komödienspiele, das die Leute belustigte. Darum zuckte auch der Bürger hier die Achseln zu dieser Feier, und unser liebenswürdiger Breslauer Judenfeind Brand hätte vollkommen recht, wenn er sich über uns lustig gemacht. Und vollends was haben wir Juden innerhalb dieser Jahre errungen? Vor tausend