Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1843)
- Article
- Mannheim: Zustand der israel. Schule in Baden
- Date
- 1843-08-22
- Page
- Seite 271 (sequence 2)
- Language
- German
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271 und zum Ewigen, Göttlichen emporzieht, mithin zur wahren Religion erhebt. Der Lehrer hüte sich darum sehr, diesen Nimbus zu verwischen und das übersinnlich Erhabene zu verlachen, vor dem Bestreben alles Dunkle aufhellen und alles Wunderbare begreiflich machen zu wollen. Ein verständiger Lehrer wird sich ferner in Acht nehmen, dem Urtheile der Schüler vorgreifend, aus der Erzählung eine Nutzanwendung zu ziehen, sondern dieselbe mittelst geschickter Anleitung, die Schüler selbst auffinden lassen. Der Großherzogl. Oberrath der Israeliten, wie uns scheint von solchen ^Grundsätzen geleitet, hat in diesem Betrachte eine glückliche Wahl getroffen, indem er die biblische Geschichte von M. Büdinger zum Gebrauche der Schule anordnete. Das genannte Buch zeichnet sich, unter allen, uns bekannten, vortheithaft aus.; es schließt sich durchweg mg an den Bibeltext an, halt sich von aller Einmischung und allem Selbstnrtheile fern, liefert ein reichhaltiges — wenn auch nicht vollständiges — Material und fügt, in den Noten, treffende Bibelverse für jede Erzählung bei. Es entspricht demnach vollkommen seinem Zwecke, nämlich der Jugend als Handbuch zu dienen, während der Lehrer bei seinem mündlichen Vortrage sich der Bibel selbst bedienen kann, und aus ihr eine möglichst vollständige Geschichte liefern. An' das bereute Buch haben wir nur noch die Anforderung zu stellen, daß sein allzuhoher Preis für die Volksschule ermäßigt und seine Anschaffung auch unbemittelten Kindern möglich gemacht werde. Denn wie uns dünkt, ist der hohe Preis desselben schuld, daß viele Schüler sich anderer wohlfeiler biblischer Geschichtsbücher bedienen. In Mannheim hat der jüd. Schulvorstand vor längerer Zeit die biblische Geschichte von Schmidt für die dasige jüd. Schute dadurch brauchbar zu machen gesucht, daß Alles, was darin an das christlich Konfessionelle erinnert, entfernt wurde. Dabei hat man aber vergessen, das jüdisch Konfessionelle dafür einzusetzen, so wie überhaupt den nothwendig gewordenen Ausfall der neutestamentlichen Geschichte durch Aufnahme von Materialien aus der alttestamentlichen Geschichte zr decken, wodurch das sonst vortreffliche Buch sehr unbrauchbar geworden ist. Hier, wo von dem Unterrichte in der biblischen Geschichte die.Rede war, wird der geeignete Platz sein, einen verwandten Gegenstand zur Sprache zu bringen, der bereits vor einem Jahre durch den verehrl. israelit. Schulvorstand in Mannheim nach unserem Wunsche und Anträge erledigt worden ist. Wir halten es nämlich für wünschenswerth, die jüdische Kirchen ge schichte in den Lehrplan der Volksschule aufzunehmen, und zwar aus folgenden Gründen: Die biblische Geschichte schließt bekanntlich mit der Epoche des Wiederaufbaues des zweiten Tempels, über welches wichtige Ereigniß wir nur dürftige und lückenhafte Nachrichten erhalten. Esra und seine Zeit lernen wir aus den heil. Urkunden nur höchst unvollkommen kennen, und doch muß uns so viel daran liegen, den Mann, der je nach den herrschenden Ansichten, bald als Restaurator, bald als Reformator des Mosaisnms gilt, so wie seine Anstalten und Wirksamkeit genauer kennen und beurtheilen zu lernen, was jedoch nur mittelst Zuziehung anderer profaner Berichte möglich wird. Von dieser Zeit ab werden erst diejenigen Institutionen theils neu geschaffen, theils wiederhergestellt, woraus das heutige Iudenthum sich nach und nach entwickelt und ausgebildet hat. Die Entstehung der Synagogen, als Lehr- und Bethäuser*), die Abfassung und Anordnung feststehender Gebete, überhaupt die die ganze Einrichtung des Kultus gehören alle der nachbrb tischen Geschichte an. Dazu kommen noch die Entstehung der Sekten, das Aufblühen des Rabbrnismus, dessen weitausgedehnte Thätigkeit bis zu seinem Erlöschen und lauter hochwichtige Momente der Kirchengeschichte, den Schlüssel zu dem Judenthum in seiner jetzigen Gestatt gebend, deren Kenntniß nicht etwa blos dem jüd. Ideologen nothwendig ist, sondern auch ein Gemeingut Aller erst werden muß, wenn die von allen Seiten gebieterisch verlangte religiöse Reform der Juden mit Sicherheit bewerkstelligt werden soll. Alle Reformen, so sie nicht gewaltsam — als Revolution erscheinend — sondern friedlich und besonnen, einen stetigen Entwickelungsgang behauptend, zu Stande gebracht werden sollen, müssen von der Erziehung und Bildung der Jugend ihren Ausgang nehmen. Dies gilt in noch höherem Grade von einer religiösen Reform, sie kann mithin nur ' heilsam und gedeihlich werden, wenn Erziehung und Unterricht den Zweck stets klar vor Augen habend, daraus vorbereiten und hmarbeiten. Eine jede Reform aber als solche wurzelt nur aus geschichtlichem Boden, und schreitet wiederum nur auf historischem Wege sicher vorwärts, wird aber nicht, wie Viele glauben und versuchen, auf dem Felde der Polemik erkämpft. (Fortsetzung folgt.) Nordamerika. im Mai. Am 3. Februar l. I. wurde eine neue Synagoge (die sechste in New-Volk) auf eine feierliche und erhebende Weise eingeweiht. Der Vorbeter (Ehasan) hielt eine deutsche Rede, die der würdigen Feier angemessen war. Nach vollendeter Rede veranstalteten die Gemeindeglieder eine freiwillige Kollekte, die sich auf eine Summe von beinahe fünfhundert Dollars belief. Der Umstand, daß die Rede in deutscher Sprache gehalten wurde, wird vielleicht auffallen; allein die Juden, welche in dem neu erbauten Bethause (in der Attorney Street) ihren Gottesdienst verrichten werden, sind größtentheils Deutsche. Der Druck, der auf den *) Ursprünglich scheinen sie nur die Besprechung undBerathung von Gemeindeangelegenheiten, mögen diese bürgerlicher oder religiöser Natur gewesen sein, zum Zwecke gehabt zu haben.