Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1843)
- Article
- München : Hr. Chillany u. die Judenfrage [Nachricht]
- Date
- 1843-08-22
- Page
- Seite 269 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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269 erkaufen zu können! Und Hr. Schräg, der Verleger, der die „Judenfrage" allen Staatsmännern empfiehlt, der so marktschreierisch diese Perle des Ghillany'scheu Geistes fellbietet, wie hat auch er sich getäuscht! Man braucht ja nur die erste Seite dieses mittelalterlichen Produktes zu lesen, und man muß, so nicht jedes edlere Gefühl erstickt ist, dieses Machwerk mit Unwillen wegwerfen. * Berlin, 10. August. (Schluß.) „$Ran will die jüdische Nationalität in ihrer Abgesondertheit bewahrenaber die Juden selbst wissen weder etwas von dieser Nationalität, noch wollen sie etwas davon wissen. Der deutsche Jude will nichts Anderes als ein Deutscher sein, und ist es seiner Sprache, Gesinnung und Bildung nach; er kennt kein anderes Vaterland, als das deutschewas geht es uns daher an, ob seine Vorfahren einst in Jerusalem wohnten? Leben doch genug Abkömmlinge von Franzosen, Engländern und Polen unter uns, die wir, ohne solche ängstliche Kontrole ihrer Stammbäume, mit Recht für unsere Landsleute halten. Wir Preußen dürften uns dann aber vor Allen nicht als Eingeborene ansehen, da wir wissen, daß unsere Voreltern ebenfalls Eingewanderte sind. Spricht man ferner von Bewahrung der jüdischen Religion, so werden die Juden dies zwar als Zeichen edler Duldsamkeit dem Staate hoch anrechnen, aber doch sich nicht des Lächelns erwehren können, daß der Staat gerade die Sache ihnen ungeschmälert bewahren will, um derentwillen er sie absondern, ja vielleicht aussondern zu müssen glaubt. Sind die Inden in Folge ihrer religiösen Ansichten wirklich schlechte Staatsbürger, so hebe man jede bürgerliche Gemeinschaft mit ihnen auf; dieses Recht hat der Staat. Allein die Erfahrung lehrt uns das Gegmtheil; Niemand kann den Juden sittlichen Ernst und was man bürgerliche Lugenden nennt, absprechen, und wir hörten noch nicht, daß Frankreich, Belgien, Holland und Hessen es jemals bereut haben, ihnen alle Rechte des Staatsbürgerthums emgera'umt zu haben. Wenn überdies der Staat nichts Anderes als die höchstmögliche Entwickelung der sittlichen und intellektuellen Kräfte der Menschen bezweckt, so ist nicht einzusehen, warum der Jude nicht ebenso wie der Christ, seinen Anforderungen gnügen, seinen Zwecken entsprechen soll. Der Staat in seiner Abstraktion kennt keinen Unterschied der Religion, und der Ausdruck: christlicher Staat, wenn er etwas Anderes als vollkommenen er Staat sagen soll, ist eine teere Formel. Daß daher auch die preußischen Juden keine besonderen Rechte und damit versehene Korporationen verlangen, versteht sich von selbst. Sie erkennen das in unserem Staate geltende Gesetzbuch in allen seinen Lheitm an, und unterwerfen sich ihm willig; ja sie halten die Beobachtung unserer Gesetze für ein ihnen gewahrtes, ihre ganze bürgerliche Stellung bedingendes Recht. Wenn christliche Gegner der Juden noch von einem besondcrn talmudischen Gewohnheitsrechte sprechen, das, einem befangenen ParLikularismus huldigend, sie unfähig mache, den Gesetzen des Staates vollkommen zu genügen, so zeigen sie, daß sie keine Kenntniß von den innern Verhältnissen des Judenthums haben und nicht wissen, daß solche UeberbleibseL des jüdischen Mittelalters längst den innerhalb des Judenthums vorgegangenen Revolutionen als Opfer gefallen sind. (Der blutlechzende Hr. Ghillany möge sich diesen Ausspruch eines seiner Glaubensgenossen merken, und dann eine „Judenfrage" schreiben. D. E.) Will man endlich, um das Gewissen der Juden zu schonen, ihnen den Militärdienst erlassen, so warte man doch, bis sie selber im Namen ihres Gewissens darum bitten. Unseres Wissens hat weder ihre religiöse Ueberzeugung noch ihr Ritual sie verhindert, tapftrn Antheil an den Schlachten des letzten Krieges zu nehmen. In jeder Hinsicht müssen wir daher dem Votum beistimmen, welches schon im Jahre 1812 bei Berathung des Edikts vom 11. März desselben Jahres Hardenberg abgab: Ich kann, sagt er, kein Gesetz über Juden billigen, das mehr als vier Worte enthalt: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Sollte, was wir kaum glauben können, der Staat trotz aller dieser gewichtigten Gründe augenblicklichen, engherzigen Ansichten folgen und die Juden, in besondere Korporationen ablösend, von uns trennen wollen, so wird uns das doch nie abhalten, was wir ihnen in Wissenschaft, Kunst und industrieller Lhätigkeit verdanken, freudig anzuerkennen, ussd ihnen zum Bunde für die größten und heiligsten Interessen der Menschheit die Bruderhand reichen. Auch jetzt noch leben wir der Hoffnung, daß Preußen, eingedenk der Aufgabe, ein Staat der Intelligenz zu sein, sich nicht den befürchteten Rückschritt zu Schulden kommen lassen wird. Wir sind gewiß, daß Friedrich Wilhelm IV. nicht durch seine Zustimmung zu dem beabsichtigten Gesetze seine jüdischen Unterthanen den illiberalen Tendenzen einer engherzigen und kurzsichtigen Partei preisgeben wird. Wir glauben dies um so mehr, als ein freisinniger Mann, der zu seiner nähern Umgebung gehört, ein-Mann von mehr als europäischem Rufe seine misbilligende Ansicht über die vorgeschlagenen Amderungen unserer Judengesetzgebung öffentlich bekannt gemacht hat. Nicht ohne Bedeutung ist es daher, daß gerade jetzt die Berliner Akademie der Wissenschaften zum ersten Mal einen Juden trotzt des Widerspruches des Kultusministers (Eichhorn) zu ihrem Mitgliede gemacht; es ist ein Zugeständniß an die Forderungen der Zeit, wie wir sie sonst von dergleichen Instituten am wenigsten gewohnt sind, die Regierung aber darf hinter solchen Demonstrationen, die zu einer Art von innerer Nothwendigkeit geworden sind, nicht zurück bleiben, und wir hoffen, recht bald auch den akademischen Lehrstuhl den Juden eröffnet zu sehen, wie in unfern Lagen Baden mit solchem schönen Beispiele vorangegangen ist. Warum geht Preußen nie mit solchem Beispiele voran?" — Die Antwort aus diese Frage möge die preußische Regierung gebendoch würden wir uns auch begnügen, wenn das intelligente Preußen in Bezug auf die Juden fr an zöfisch gesinnt sein wollte, wie es sollte. Nicht das Voran-