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Der Orient · 1843-08-15 · Heft 33 (15.8.1843) · p. Seite 258

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 33 (15.8.1843)
Article
Berlin: Ansichten eines vorurtheilfreien Christen über die preußischen Juden ...
Date
1843-08-15
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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258 naten über die preußischen Juden und über das bevorstehende preußische Judengesetz aussprach, hier mittheile. Vielleicht daß auch die folgenden Worte durch eine weitere Verbreitung nicht erfolglos bleiben werden. „Die jüdischen Gemeinden des preußischen Staates, die sich zum großen Lheil durch ihre Bildung wie durch tüchtigen Bürgersinn nicht bloß vor ihren Glaubensgenossen in den meisten andern Staaten, sondern auch vor vielen Christen auszeichnen, wurden plötzlich durch Gerüchte erschreckt, die von einer Veränderung in den sie betreffenden Lheiten der Gesetzgebung sprachen, Beschränkungen und Entziehung ihrer bereits gewährten Rechte verkündeten. Was man darüber hörte, war Alles im Sinne einer pietistisch-illiberalen Partei, die eben den freundschaftlichen Verkehr und die Gemeinschaft mit den Nachkommen der Männer, die einst den Heiland gekreuzigt hatten, für Sünde und Laxheit hält, und an ihnen für die That der Vorfahren noch jetzt Rache nehmen möchte. Ueber solche Bestrebungen und das von ihnen vielleicht beabsichtigte neue Iudengesetz äußerte sich die Königsberger Zeitung in den inländischen Zuständen 23. März folgenderrnaaßen: Schon vor einigen Wochen verbreitete sich das Gerücht, daß man die Juden in unserem Staate von der allgemeinen Militärpflicht lossprechen, ihnen jedoch den freiwilligen Eintritt in das Heer anheimstellen wolle. Wahrend die Meisten nicht wußten, wie sie die Sache aufnehmen sollten, glaubten schärfer Blickende darin das Bestreben zu erkennen, die Juden lästiger Pflichten zu entbinden, um ihnen auch einzelne Rechte zu entziehen. Diese Befürchtungen scheinen jetzt in Erfüllung gehen zu wollen. Eine eben in Breslau unter dem Titel: „Die gegenwärtig beabsichtigte Umgestaltung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Preußen" erschienene Schrift giebt den Hauptinhalt des neuen Gesetzentwurfes in folgender Art an: Damit die jüdische Religion und Nationalität ferner ungeschmälert bewahrt würden, soll von Seiren der Gesetzgebung das Werk der Einverleibung der Juden in das Staatsganze nicht weiter fortgesetzt werden. Es sollen vielmehr die Juden von nun an im preußischen Staate politisch gesonderte und mit besondern Rechten und Pflichten versehene Korporationen bilden, die ganz getrennt vom Staate ihre besondere historische Entwicklung fortsetzen. Es sollen diese Korporationen in Betreff ihrer Angelegenheiten durch Deputate aus ihrer Mitte bei den Ortsbehörden vertreten werden. Es sollen jüdische Schiedsrichter zur Schlichtung von Streitigkeiten, welche Juden unter einander haben, gewählt werden. Es soll das Recht des Besitzes von Grundstücken nach lokalen Verhältnissen beschränkt werden. Es sollen, um religiöse Grundsätze zu schonen, die Juden statt des Militärdienstes ein Ablösungs- oder sogenanntes Rekrutengeld zahlen; wer jedoch freiwillig in den Kriegsdienst tritt, soll von diesem Rekrutengelde frei sein und auf Avancement dienen können.-Wenn wir nicht irren, sehen wir hier denselben Geist, der uns die Phantome einer Adels-Reunion, der Erneuerung von Zünften und Innungen und mancher andern Dinge aus einer längst begrabenen Zeit vorführte. Auch das Judenthum soll in seiner frühem häßlichen Gestalt hcrgestcllt, es soll auf die Satzungen des Talmud und in die düstern, engen und schmutzigen Jubengäßchen verwiesen werden. Das Band, das den Christen und Juden schon jetzt zusammenhält, soll zerrissen, die aufkeimende Bruderliebe in den Haß der Feindschaft verwandelt werden. Ist das christlich gehandelt? Ist das Liebe, wenn wir den von uns stoßen, der in Gemeinschaft mit uns treten möchte? Ist das die ernste vorurtheilsfreie Gesinnung, die dem Gesetzgeber seine Aussprüche vorschreiben sollte? Liegt Bildung besonderer Korporationen der Juden, historische Entwiklung derselben abgesondert vom Staate, Beschränkung ihrer Besitzfähigkeit und ihrer Militärpflicht im Interesse der unter uns lebenden Juden? Das Festhalten veralteter unzureichender Formen in ihrer feindlichen Absonderung. — heißt dies die historische Entwicklung fortsetzen? Ist denn das Entziehen schon gewährter Rechte der Weg, auf dem man das. Judenthum der Gesammtbildung unserer Zeit zuzusühren gedenkt? — Gewiß auch würde die praktische Una us führbar keit dieser Grundsätze sehr bald von ihrer Unrichtigkeit überzeugen; cs würde in tausend Fällen zu der unangenehmsten Kollision mit den bestehenden Gesetzen des Staates und mit der öffentlichen Meinung kommen, die gerechter als manche Theorien des Vorurtheils schon lange die Juden als brave und tüchtige Bürger achten und lieben gelernt hat. Endlich wo bliebe der Geist der Gerechtigkeit, diese einzig sichere Grundlage bürgerlicher Verhältnisse, wenn ein Theil der Staatsbürger zu den Ausgaben und Abgaben des Staates gezwugen würde, ohne ihm das volle Aequivalent dafür zu bieten? Wenn daher die Ausführung'der oben erwähnten Grundsätze an diesen Schwierigkeiten scheitern würde, so beruhen ans der andern Seite die Sätze, aus denen sie hervorgerusen sind, auf falschen Principien. (Beschluß folgt.) Leipzig, 10. Aug. Die Wissenschaft überhaupt und die eigentliche Wissenschaft im engem Sinne — — die Philosophie — hebt die Schranken des konfessionellen Lebens auf. Sie, als Ausstrahlung des Geistes, verscheucht die Wolken, welche das religiöse Gefühlsleben des Individuums einhüllen. Dies bewahre sich auch heute, als von der Zuhörerschaft des Hm. Prof. Weisse das Geburtssest desselben gefeiert wurde. Jüdische und christliche Zuhörer vereinigte sich hier brüderlich, um ihrem Lehrer der Philosophie herztiche Worte des Dankes zu sagen. Auch hielt der talentvolle und geistreiche H. I., der dem Gefeierten sehr nahe steht, eine treffliche Rede, die von dem humanen Philosophen auf eine herzliche Weise erwidert wurde. Schwerin, Ende Mai. (Beschluß.) In Betreff des kirchlichen Zustandes verdient noch erwähnt zu werden, daß die Gebrüder Saatfeld in Hamburg, als geborene Mecklenburger, in ihrem Geburtsorte Neukalden eine neue Synagoge nebst vier

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