Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1843)
- Article
- Leipzig : Die moderne Kritik ... [Nachricht]
- Date
- 1843-08-01
- Page
- Seite 244 (sequence 1)
- Language
- German
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244 Leipzig, 26. Juli. Der Wächter der Zeit, der der Menschheit in einem Athem zuruft: Hüchet euch vor dem Feuer der Religion und vor dem Wasser der Taufe, hat, wie es den Lesern schon ^kannt ist, wieder einmal die Sturmglocke gegen das Juoenthum geläutet. Glauben wir nun auch, daß das Sturmgeläute B a u e r 's keinen Allarm Hervorrufen werde, so legen wir ihm in sofern Wichtigkeit bei, als im Zusammentreffen mit dem religiösen Indifferentismus, der jetzt einen immer breitem Boden im Judenthum gewinnt, eine dem Judenthum gefährliche Allianz entstehen könnte. Um dieser Allianz einer zerstörenden, leidenschaftlichen Kritik und eines Indifferentismus, der manche Streitkräfte der von allen Seiten angegriffenen jüdischen Religion entzieht, mit Nachdruck entgegenlceten und ihren schädlichen Einfluß vernichten zu können, dürfen wir uns keiner Palliativmittel bedienen, sondern müssen dem Uebel radikaliter abhelfen. Wie und auf welche Weise wir dies aber bewirken können, kann uns nur die Philosophie lehren. So lange wir nicht streben, aus der Unmittelbarkeit des religiösen Gefühlslebens hinauszutreten und in das Reich der Gedanken auszuwandern, so lange köm nen wir auf das indifferente Herz und Gemüth nicht einwirken, und noch viel weniger gegen die in lauter Negationen sich bewegende Kritik in die'Schranken treten. Was das unmittelbare Glauben nicht vermag, das wird der Macht des Gedankens gelingen. Zwar besitzen wir schon religionsphilosophische Werke; allein wir begnügen uns mit dem bloßen Besitze, und haben es bis jetzt zu keinem wissenschaftlichen Verkehr auf diesem Gebiete kommen lassen. Wir lassen Einige Bausteine Zusammentragen, aber zur Vollendung des Baues tragen wir, die Zusehenden und Zuhöcenden, Nichts bei. Wollte man uns den schalen Rationalismus einer reformatorischen Schule entgegen halten, so antworten wir darauf, daß jener schale Rationalismus sich eben nur Palliativ: mittel bedient, übertüncht, färbt, putzet, um mit einem Flitterstaate von schönen Formen prunken zu können; die Wesenheit, den Kern, das Innere aber in seiner Schalheit und Leerheit außerhalb des Bereiches seiner Wirksamkeit sein läßt. Luxemburg, 13* Juli. Die hiesige israelitische Gemeinde ward am 23. Juni durch ein für sie höchst wichtiges Ereigniß erfreut- Schon seit langer Zeit war nämlich das Bedürfniß eines Religionsvorstehers fühlbar, und es war in dieser Absicht bei der hiesigen Regierung auf die Ernennung eines Rabbiners angetragen worden. Dieser Schritt wurde mit Erfolg gekrönt, indem Seine Majestät der König-Großherzog die Ernennung eines Obercabbiners für die hiesige Gemeinde und die im Großherzogthum überhaupt wohnenden Israeliten genehmigten, und zugleich bestimmten, daß demselben ein jährlicher Gehalt vom Staate gezahlt werden sollte. Seine Majestät gaben uns dadurch einen neuen Beweis Ihrer väterlichen. Fürsorge j welche sich über alle Unterthanen ohne Unterschied des Glaubens ausdehnt. Zu der betreffenden Stelle nun wurde von der hiesigen israelitischen Gemeinde Dr. Samuel Hirsch, Rabbiner in Dessau, ein in jeder Beziehung verdienstvoller Mann, einstimmig erwählt und daher berufen. Den 23. sollte die feierliche Einführung stattft'nden. Schon am 20. hatten sich die Vorsteher der Gemeinde nach Trier begeben. Der Oberrabbiner von Trier, Herr Kahn, der uns so oft durch seine lehrreichen Predigten erbaute und wohlthuend auf die Gemeinde wirkte, hatte sich auch herbegeben, um so viel als möglich durch seine Gegenwart zur Feierlichkeit dieses Tages beizutragen. Unsere Synagoge war festlich geschmückt worden. Gewinde von Blumen und Laubwerk zierten die Wände, an denen man den Namenszug des Königs bemerkte, welchen Fahnen mit niederländischen und luxemburgischen Farben umwehten. . Zu der Feierlichkeit waren das Regierungskollegium und sämmtliche hohe Civil- und Militärpersonen eingeladen worden; auch hatten die damals hier versammelten Stände eine Deputaten hingeschickt. Um 5 Uhr erschienen die beiden Herren Oberrabbiner in Begleitung des israelitischen Vorstandes. Vor seinem Eintritt in die Synagoge wurde Dr. Hirsch auf eine angenehme Weise durch die Mädchen der israelitischen' Schule überrascht, welche sämmtlich weiß gekleidet und mit Blumenkränzen in der Hand, ihm entgegen traten und ihn in einer schönen, kindlichen Anrede begrüßten. Nachdem nun der Chor ein feierliches,^religiöses Lied gesungen hatte, hielt der Oberrabbmer Herr Kahn eine kurze, aber dem Zweck der Sache ganz angemessene Rede, zu welcher er folgenden Text des Psalmisten wählte: „Dieses ist der Tag, den der Ewige gemacht, laßt uns an demselben uns freuen und fröhlich sein". In dieser Rede zeigte er uns die hohe Bedeutung und die Wichtigkeit dieses Tages für uns, und wie glücklich wir uns schätzen können, einen so aufgeklärten und in jeder Beziehung achtungswücdigen Mann, der sich bereits in der gelehrten Welt einen Namen erworben hat, zum Vorsteher zu haben. Die gehaltvolle Rede des Herrn Kahn sprach allgemein an, und gab uns einen neuen Beweis, wie sehr ihm das Wohl dieser Gemeinde am Herzen liegt. — Nachdem er gesprochen, betrat unser Oberrabbmer die Kanzel. In seiner Predigt fand man Alles vereint, was den vortrefflichen Kanzelredner ausmacht. Die Gedanken, die sich darin in der schönsten logischen Ordnung aneinander knüpften, die Anordnung des Ganzen und der würdevolle Vortrag, worin man erkannte, wie ec selbst von dem Gegenstände und von der Feierlichkeit des Moments tief gerührt war, und wce nicht blos sein Mund, sondern wie sein Herz zu uns sprach; Alles dieses erregte bei den Anwesenden die. innigste Teilnahme, und gewann ihm sogleich alle Herzen. Er setzte die Verhältnisse und den ehemaligen und