Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1843)
- Article
- Ignaz Jeitteles
- Date
- 1843-07-25
- Page
- Seite 240 (sequence 2)
- Language
- German
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- 240 darauf als eins der rrsten Opfer aus der Mitte seiner Pflänzlinge riß. Er war nicht Arzt, dieser Baruch, es war nicht seine Pflicht, in der er starb; aber eingedenk seines Vaters, glaubte er die Erfahrungen, die er im elterlichen Hause erworben, auf dem Altar der Menschlichkeit opfern zü muffen und an den Füßen dieses Altars sank er todt nieder. Ich weiß, wie die ferneren Glieder der Familie zusammenhangen, der eine von ihnen genießt als Profeffor der Medizin in Lemberg eines guten Rufs, ein zweiter schrieb mehrere nicht unglückliche lyrische Versuche, ein dritter ist Arzt in Prag, ein vierter ist Arzt in Brünn; dieser (Aloys Jeittelcs) ist außerdem glücklicher Uebersetzer spanischer Dramatiker und einige seiner Bearbeitungen kamen auf dem Burgtheater mit mehr oder minderem Glücke zur Aufführung. Ignaz I e i t r el es, der so eben verstorbene, der Aesthetiker, wie man ihn wegen seines ästhetischen Lexicons zur Unterscheidung von seinen Verwandten nannte , war Jurist, die Verhältnisse der jüdischen Cultusgenoffen in Oesterreich bewogen ihn zuerst von Prag nach Wien überzusi'cdeln und da auch hier seine juridische Praxis ihm keine Zukunft bot, so resignirte er sich endlich, als Privatmann den Wissenschaften und den Musen zu leben; eine Resignation, die eben nicht altzuschwer wird, wenn man mit Tasent und glücklichen Vermögmsverhältnissen ausgestattet ist — wie der Verstorbene es war. . Jeittelcs hatte auf der Prager Universität einen Lehrer gefunden, der aus die Phantasie seiner Hörer große Einwirkung machte; es war Meißner, der Skizzen- und Criminalgeschichten-Meißner, der Verfasser der Bianca Capello und des Alcibiades. Die junge, poetisch gestimmte Jugend Prags schwor bei Meißner, und noch jetzt kenne ich einige alte Herrn aus jener Zeit, die, wenn sie den trefflichen Styl irgend eines neueren Schriftstellers rühmen wollen, kein höheres Lob kennen, als: „Er schreibt wie Meißner." Daß dieses große Muster des jungen Ignaz eben nicht zu großen poetischen Thaten spornen konnte, liegt aus der Hand. Zudem war die Epoche der Napoleonifchen Kriege für die Wiener Schriftsteller eben nicht sehr fruchtbar. Die Monarchie war stets in Athen: und die erste und zweite Invasion der Franzosen, die Finanzkrisis von 1811 zog die Geister mehr aus die Beobachtung der irdischen Nöthen, als zu olympischer Begeisterung. Es fehlte die Ruhe, sowie die Aufmunterung zur literarischen Production. Jndeß bildete sich doch allmälig eine junge literarische Freischaar, die in kleinen literarischen Scharmützeln das Publikum anregtm durch Kritiken, epigrammatische Artikel und kleine Gedichte. Unter ihnen war Jeitteles einer der bedeutendsten. Witz, Geschmack und eine tüchtige klassische Bildung standen ihm zur Seite. Die Erscheinung Grillparzer's, Zedlitz's rc. drängte allerdings alle jene Almanachsberühmtheiten in Wien in den Hintergrund. Ieitteles fühlte dies und sammelte seine Kräfte zu einem Hauptwerk, zu seinem später erschienenen „Aesthetischen Lexikon," an welchem er beinahe zehn Jahre gearbeitet hat. Dieses Buch hat das Verdienst, das ästhetische Material geordnet und in einem faßlichen, wohlgegliederten Styl die Hauptfragen dargestellt zu haben. Neue Ideen und Theorien enthält es in keinem seiner Artikel; es ist, wie sein Verfasser war, anregend, belehrend, gefällig zu jeder Nachweisung, voll kleiner satyrischer Seitenhiebe, aber ohne große Schwerkraft, da das System, die Einheit-der Idee fehlt. Der eklektische Charakter des Buches ist von Widersprüchen nicht frei, so wie Jeittelcs selbst bei aller Abneigung, die ein älterer Schriftsteller gegen die kecken Bewegungen der neueren hat, doch der Strömung der jüngeren Literatur, die er seit zehn Jahren um sich herwogen sah, unwillkürlich und ohne es selbst zu wissen, nachgab. Er besaß ein ungemein scharfes Gefühl, das wahre Talent von dem falschen zu unterscheiden; gegen dieses war er hart, ja boshaft, gegen jenes wohlwollend und zuvorkommend. Stets hatte er ein halbes Dutzend Epigramme und ein ganzes Dutzend guter Lehren auf der Zunge; aber für die Jugend, die er liebte, hatte er auch Hilfe in der Noth, Bücher, Geld und rastlose Aufmunterung. Hinter den spöttischen Mundwinkeln und den satyrischen Augen, die sich ganz eigenthümlich bald blinzend schlossen, bald ungeheuer weit ausrollten, lag viel Bonhomie. Eine Art voltairischer Geist trieb ihn, die satyrische Seite vor Allem herauszukehren, aber der Oesterreicher schlug immer durch. Er koquettirte gewissermaßen mit seinem Stachel, aber er war viel besser, als er es gestehen wollte. Ein vortresflicher Gesellschafter, ein launiger Erzähler, ein steter Freund des Comfort und des Wohllebens, war er eine jener beliebten Wiener Stadtsiguren, die überall, wo sie erscheinen, Heiterkeit verbreiten. In der Ludlamshöhle war er einer der Führer, und aus jener Zeit stammt das famöse Stück „der Schiüsalsstrumpf" (es erschien im Brockhausischen Verlag), das auf eine so geistreiche Weise die damals Mode gewordenen Schicksalstragödien persifflirte und dessen Verfasser Ignaz Ieitieles war. Man mußte den Verstorbenen über diese von Werner und Grillparzer eingeführte Drammgattung in seiner kaustischen Weise sprechen Horen! Und er verweilte gern bei jener Epoche, die in Wim einen literarischen Kampf hervorbrachte, der der Fehde zwischen den Klassikern und Romantikern in Frankreich ziemlich ähnlich war^ Es war dies ohnstreitig die einzige Epoche, wo die Wiener Kritik ernstlich um Principien stritt, ausfocht und eine gewisse Wichtigkeit für ganz Deutschland hatte. —- Ieitteles war 60 Jahr alt, als er starb; man hätte ihn jedoch leicht für einen Vierziger nehmen können, so rüstig und frisch war er. Kuranda. Verlag von C. L. Fritz sche. Druck von I. H. Nagel.