Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1843)
- Article
- Nikolsburg : Gewerbeverein [Nachricht]
- Date
- 1843-07-25
- Page
- Seite 239 (sequence 2)
- Language
- German
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239 zu entziehen und sie zu Gewerbsleutm heranzubilden. Ein ähnliches Institut besteht hierorts schon seit 1838, das die erfreulichsten Resultate geliefert und das größeren Judengemeinden zur Nachahmung nicht genug anempfohlen werden kann. Der Gründer dieses heilsamen Vereins in Nikolsburg ist Herr Moses Trebitsch, der diese schöne Idee in Anregung brachte und damit einen solchen Anklang fand, daß binnen sehr kurzer Zeit der bedeutende Fond von 10,000 st. EM. zu Stande gebracht wurde, obwohl der Gründer wie die meisten Vereinsglieder in Wien leben. In einem bestens ermittelten, geräumigen Fabrikslokale wird die Jugend von einem tüchtigen Meister, Namens Johann Schulz, der eigends aus der Residenzstadt als Fabrikarbeiter und Werkführer hierher berufen, in Schaaf-, Baumwolle- und Seidenweberei unterrichtet.- Die Zahl der männlichen Zöglinge ist auf 35 und jene der Arbeiterinnen auf 12 festgesetzt, und es werden nicht nur Einheimische, sondern auch, wenn die Zahl nicht ganz voll ist, israel. Jünglinge aus andern österr. Provinzen, und dann auch Lehrlinge christl. Glaubens ausgenommen. Die Lehrlinge -werden auf 4 Jahre ausgenommen und müssen 6 Monate unentgeltlich arbeiten, erhalten aber nach Verlauf von 6 Monaten für die verfertigte Arbeit den halben Lohn eines ausgelernten Gesellen. Was sich der Lehrling, der zum Besuche der Sonntagsschule, wo auch im Zeichnen Unterricht ertheilt wird, angehalten wird, wöchentlich mehr als 2 fl. W. W. erarbeitet, wird ihm in sein dazu bestimmtes Buch notict und bis zu seinem Austritte aus der Lehre aufbewahrt, damit er anständig in die Welt treten kann. Die Freisprechung geschieht im Dberamte und in Gegenwart des Amtspersonals, der Vereinsdirektoren und des Meisters, wo dann der Lehrling seinen Lehrbrief und sein Wanderbuch erhält. Ausgelernte Lehrlinge, die nicht auf die Wanderschaft'gehen wollen, erhalten für sich einen Webestuhl, den sie ratenweise abzuzahlen haben, und es wird ihnen, wenn sie dessen benöthigt sind, Arbeit aus der Fabrik nach Hause gegeben, indem die Fabrik selbst nur zur Unterbringung der Lehrlinge bestimmt ist. Bereits sind 16 Lehrlinge freigesprochen, und dann durch neueintretende ersetzt worden. Wie sehr der Verein nur die Ausbildung und das Fortkommen der Jugend im Auge behält und nicht auf seinen pekuniären Vortheil bedacht ist, beweist die Thatsache, daß es in diesem Institute Lehrlinge giebt, die sich wöchentlich 8—10 fl. W. W. erarbeiteten. Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Ignaz Jeitteles. *) Sie haben einen guten Mann begraben; Jeitteles ist tobt. Welcher Jeitteles? fragt man unwillkührlich. Diese Namensfamilie ist ein wahrer Bienenstock von guten Köpfen geworden. Seit einem vollen Jahrhundert versieht sie vom Vater bis zum Sohne, bis zum Enkel und zum Urenkel fast alle Zweige der Wissenschaften mit tüchtigen, productiven Talenten. Aus diesem rüstigen Häuflein von Brüdern, Söhnen, Neffen und Vettern, die Aerzte, Juristen, Poeten, Aesthetiker u. s. w. geworden sind, ist zwar keine geniale, eigenthümlich schöpferische Individualität hervorgegangen, die eine neue Bahn gebrochen Härte in Wissenschaft und Kunst, — aber fast alle haben dem Dienste der Cultur, der Humanität sich gewidmet und durch That und Schrift tüchtig gewirkt in fernen und nahen Kreisen. Zuerst der kräftige Stammvater, der alte Dr. Jonas, vor hundert Jahren einer der gesuchtesten Aerzte Böhmens, eine originelle Figur durch kaustischen Witz wie durch reiches Wissen, ein willkommener *) Grenzboten N. 29. Tröster an allen Krankenbetten, an denen er Tag für Tag durch ein halbes Menschenalter seine menschenfreundliche Kunst ausübte; einer der ersten Aerzte Oesterreichs, die auf einer ausländischen Universität ihre Bildung completirten, — der erste Jude, der in -Oesterreich promovirt wurde, ein Vorläufer, ein Anfang zur Humanität, zur Bildung einer vorurtheilsfreiern Zeit. Ihm folgen seine,Söhne; der eine in seinem ärztlichen Beruf, zwei andere als geschätzte Schriftsteller auf dem Gebiete neuhebräischer Literatur. Der eine von ihnen, Baruch, findet einen schönen, beneidenswerthen Tod. Als die Schlachten von Dresden, Culm rc. geschlagen wurden und Lausende und abermals Lausende von Marodeurs, Verwundeten und Kranken die Spitaler und Straßen von Prag füllten, zu jener Zeit, wo die Prager ein so schönes Beispiel von Menschlichkeit und Selbstaufopferung gaben (S. Nahel's Briefe aus jener.Epoche), da sah man eine kleine bewegliche Gestalt mit einem geistvollen und wohlwollenden Gesichte, in. einer halb rabbinischm, halb modernen Tracht von Bett zu Bett eilen, Medicamente austheilen, Wunden verbinden, Lebensmittel spenden, unermüdlich Tag und Nacht- bis in jenen Spitälern der Typhus ansbcach und den Menschenfreund