Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-07-25 · Heft 30 (25.7.1843) · p. Seite 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 30 (25.7.1843)
Article
Hamburg: Reformvorschläge einiger Männer aus der "patriot. Gesellschaft"
Date
1843-07-25
Page
Seite 235 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360287-2369990--3693-2370028
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

235 englisch-christlichen, einen französisch-christlichen, einen russisch-christlichen re., dann wieder einen österr.-christlichen, preußisch-christl., baierisch-christl. rc., endlich auch einen Lclandisch-katholisch-christl., einen schottisch-presbyterranischchristl., zuletzt gar einen königl. sächsisch-katholisch-protest. christl. Staat annehmen wollte. — Aber auch sonst sollten sich die Leute ja vor der Berührung des christlichdeutschen Staates hüten, denn dieser ist gerade von den Demagogen im zweiten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts erfunden, dann in die Burschenschaften (namentlich die Jenenser) übergegangen, und von einzelnen derselben (Halle, Breslau, Kiel rc.) erst später (etwa von 1823 an) aufgegebm worden. Die heutigen Anwälte des christlich-deutschen Staates werden aber gewiß lieber füralles Andere eher als für Demagogen gelten wollen. —- Der christl.-deutsche Staat ist Nichts als die tolle Ausgeburt eines politisch-radikalen Pietismus, wird aber jetzt gerade von den konservativsten Richtungen ausgedeutet. — Die beiden entgegenstehenden Ansichten, die innerhalb der Kommission laut wurden, haben sich indesien dahin vereinigt: 1) auf Gewerbefreiheit, 2) auf Aufhebung aller persönlichen Beschränkungen der Juden und 3) auf die Einsetzung einer Kommission zur ferneren Untersuchung der Sache anzutragen. Mit der ersten Nummer sind wir sehr zufrieden; über die zweite können wir nicht recht ins Reine kommen, da mir den persönlichen Beschränkungen Nichts und auch wieder Alles gemeint sein sein kann. So erscheint es mir als eine persönliche Beschränkung, die Fähigkeiten eines Individuums sich nicht frei entwickeln und zu Gunsten des Gemeinwesens wirken zu lassen. In solchen Dingen müßte vor Allem der Geist in Anrechnung gebracht werden. Was aber die Kommission soll, weiß ich auch nicht recht; Kommissionen schieben in der Regel Alles auf die lange Bank und eine Kommission, wie sie hier zu Stande kommen könnte (Juristen und Kauflcute) können noch weniger als Fakultäten das Problem des christlich-deutschen Staates, der besondern jüdischen Nationalität re. lösen. E. 2. Leipzig, 12. Juli. Die Abneigung der deutschen Freimaurerei gegen die Juden ist eine bekannte Thatsache, die schon seit Jahren viele Federn beschäftigt und die heftigsten Kämpfe veranlaßt hat. Die wahnwitzige Konsequenz der Idee eines christlichen Staates vergiftete alle deutschen Institutionen und gab ihnen einen solchen Charakter der Jsolirung und Ausschließlichkeit, daß man Grauen empfindet, mit ihnen in Berührung zu kommen. In dem Mutterlands aller europäischen Freimaurerei, in England, woher sich nach Deutschland dieses Institut erst verpflanzte, ist die Maurerei über alle konfessionelle Schranken erhaben, dasselbe ist in Frankreich, Belgien, Holland und Amerika der Fall; nur der deutsche Michel in seiner pedantischen, extravaganten Seligkeit hat es in seiner Phantasterei herausgeklügelt, daß die Maurerei auch wie der Staat, wie die Knechtschaft und die Unfreiheit, wie der Religionshaß und die Intoleranz, wie die Prosa und die Moral christlichen Ursprungs sei, woran die achtzehnhundertjährigen Feinde Christi nicht Theil nehmen dürfen. In diesem Sinne stand neulich ein Artikel in der D. A. A., worauf denn die hier folgende Erwiderung, die so manches Interessante über das Wesen des Maurerthums enthält, folgte. Um die Leser dieses Blattes mit dem Gegenstände bekannt zu machen wird es hinreichen, hier die Erwiderung mitzutheilen. Dom Main, 6. Juli. Ein Korrespondenzartikel aus Berlin bedarf der Berichtigung einiger darin enthaltenen irrigen Angaben, wie er zugleich zur Beleuchtung der darin entwickelten Ansichten auffordert. Zuvörderst wird gesagt, in den letzten Jahren hätten viele Juden in preußischen Logen als Maurer ausgenommen werden wollen, bei welcher Gelegenheit sich dann Meinungsverschiedenheit gezeigt habe. Dem ist nicht so. Wohl haben Juden, welche in französischen, englischen, holländischen, belgischen und amerikanischen Logen, zum Theil auch in den von dem Einsender erwähnten, in Frankfurt a. M. bestehenden, von ihm sogenannten jüdischen Logen, Aufnahme in den Freimaurerbund gefunden, hin und wieder um Zulassung zu den Versammlungen preußischer Logen gebeten. Aber daß Juden in preußischen Logen Aufnahme in den Bund gesucht, davon ist nichts bekannt. Die beiden in Frankfurt a. M. bestehenden, von dem Einsender sogenannten jüdischen Logen, welche, im Vorbeigehen gesagt, zusammengenommen weit über 200 Mitglieder zählen, bestehen wohl der Mehrheit nach, aber keineswegs ausschließlich, aus Israeliten. Was von Gleichstellung der Juden mit den Christen, von den Erwartungen, welche man, gestützt auf gewisse freisinnige Denkungsarten, sich davon zu machen hier und dort berechtigt sei, und von ihrer nähern oder-entfernter» Verwirklichung gesagt wird, mag hier unberührt bleiben, wie denn überhaupt ein Vermischen der positiven Vorschriften des Freimaurerbundes mit willkürlichen Emancipalionstheorien ungeeignet erscheint. Wenn aber gesagt wird, es sei nicht wegz-uläugnen, daß der Bund auf christliche Tendenzen basirt sei, so muß der Bund ein solches Ansinnen nachdrücklich!: ablehnen. Es ist hier nicht der Ort, die Frage von der vermeintlich christlichen Grundlage des Freimaurerbundes ausführlich zu erörtern. Dies mag und wird am geeigneten Orte geschehen. Aber es darf nicht gesagt werden, daß der Bund auf christliche Tendenzen basirt sek. Denn in England, in Frankreich, in Holland, in Belgien, in Amerika weiß man nichts von einem Unterschiede der Religionen im Freimaurerbunde. Es darf nicht einmal gesagt werden, daß die Freimaurerei, wie sie in Deutschland getrieben wird, auf christliche Tendenzen basirt sei. Denn die sächsischen, die hannoverschen , die Hamburger und noch viele andere Logen lassen israelitische Maurer zu ihren Versammlungen zu. Die eklektischen Logen thun mit wenigen Ausnahmen Dasselbe. Es 30 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.