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Der Orient · 1843-07-18 · Heft 29 (18.7.1843) · p. Seite 232

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 29 (18.7.1843)
Article
Jüdischer Volkscharakter
Date
1843-07-18
Page
Seite 232 (sequence 2)
Language
German
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- 232 kes sich- bis zur rührenden Einfachheit und dem erhabenen Standpunkte steigern, auf welch ein wir ihn bewundern müft sen, Haber obige Züge erscheinen auch oft am ergreifendsten gerade bei den fermsten, und Ehre, wem Ehre gebührt." Das Irrige und Gefährliche der Angabe über einen Volkscharakter in der bezeichneten Weise einer Construction a priori, liegt zum öftern darin, daß,man sich den Geist eines Volkes, jeder Einwirkung gegenüber und namentlich unter dem Drucke, als widerstandslos denkt, und dann consequent genug die tiefste Verderbniß des Volkscharakters bis zur gänzlichen Vernichtung alles sittlichen Gchalts daraus folgert. Aber der Geist eines Volkes (wie namentlich der des jüdischen), wenn er früher zum wahren Selbstbewußtsein gelangt, zur sittlichen Tüchtigkeit erstarkt war, wenn er früher in ihm eigentümlichen Vildungskreisen das Wahre und Ewige, alles Große und Würdige des Gedankens und der Empfindung zu seiner Nahrung gehabt und sich bewahrt hat, ist nicht widerstandslos. Er nimmt die feindlichen Eindrücke auf, denen er sich nicht entziehen kann , nur um sie m ffch selbst zu bewältigen, und in seinem Innern über sie zu triumphiren, bis daß sie selbst seinen höheren Zwecken dienen müssen. Wie in dem Körper des Menscheu bei schwerer, erschöpfender Krankheit, verborgene, bisher noch ungebrauchte Kräfte aufgeboten und hervorgerufen werden, so rufen Unglück und Mißgeschick bisher verborgene, unentwickelte und ungeahnte Kräfte des Geistes aus ihrem Dunkel hervor, ein in den Lagen des Glückes vergessener und unbenutzter Schatz, dec jetzt ans Licht gezogen, seinen glänzenden Reichtum entfaltet. Diese vielen bekannten und unbekannten Größen sind es nun, die bei der Beurteilung des Volkscharakrers, bei einer Berechnung desselben nach geschichtlichen Daten oft völlig unberücksichtigt bleiben, und hieraus folgt dann das falsche Resultat, das oft mehr noch wegen seines schädlichen Einflusses als wegen seiner innerlichen Nullität beklagenswert!), und leicht mehr als eine Unvorsichtigkeit, ein & ergehen ist. — Von den Persern in Bombay sagt Pavie Memoire sur les Parses in den iVJemoires de la Soeiete ethnologique T. 1. 1841), daß sie „den Juden der europäischen Handelsstädte ähnlich, sehr gelehrig und scharfsinnig, an der Spitze des Handels, und in Geldsachen Gesetze dictirend." (Ein Parse ist es auch, der neulich ein Werk in der Guzzerate-Sprache gegen die christlichen Missionaire geschrieben, um ihrer etwas zudringlichen Wirksamkeit' in seiner Gegend Einhalt zu thun.) Bekanntlich hat die Parsen ein ganz ähnliches Schicksal wie die Juden betroffen, Verfolgung und Druck. Hier wie dort wird jeder Unbefangene das Uebergewicht in Handelsverhältnissen als das Ergebniß des Drnckes und der Verfolgung erkennen müssen. Von den Juden ist es bereits gar sehr gewichen, aber, auch nur in dem Maaße als, und genau nur da, wo der Druck nachließ und die Emancipation eintrat. Daher zeigt : sich auch allein in der voll- , ständigen Emancipation das Heilmittel gegen dieses Uebel, wenn es anders und wo es wirklich vorhanden, um auch die letzten Reste davon allmälig schwinden zu lassen. — Herr Vr. Gruppe vergißt auch nicht bei der erwähnten Gelegenheit zugleich einzuschärfen, daß „der Jude es für eine Verunreinigung hält, mit einem Christen zusammen zu speisen."' Aber Herrn Dr. Gruppe hatte es der erste beste seiner „Alten" sagen können, daß auch Är orthodoxeste Jude nicht das Zusammenspeisen mit dem Christen, sondern nur die verbotene Speise scheut. ') Auch heißt diesem Juden dann die Speise des Christen, wenn sie zu den verbotenen gehört, nicht „tame" (unrein), sondern wie sonst die verbotene Speise im Allgemeimen t'repha, welcher Ausdruck eigentlich s. u.. a. Zerrissenes bedeutet, und von Exod. 22, 30 („Fleisch auf dem Felde, Zerrissenes sollet ihr nicht essen") für alle verbotene Speise entlehnt ist, wie denn der Talmud (Maccoth 18. a).den Ausdruck t'repha selbst auf das „allerheiligste" Brandopfer, als auf etwas zum Essen Unerlaubtes, bezieht. L — V — 2. *} Vergl. Lovositz: Jüdische Absonderung, Erwägung einiger Bedenken gegen die Emancipatron der.Juden. Königsberg, Theile. 1842. S. 16—17. Personalchronik und Miseellen. In Franks, a. M. sollen die neuen Vorsteherwahlen viel Parteihader veranlassen - diesmal soll wegen innern Zwiespaltes die Majorität für> die Reformer nicht gewiß sein. —, In Breslau dauert der Zwiespalt ununterbrochen fort.— In Posen will die orthodoxe Majorität den bekannten Kanzelredncr Sal. Plessner zum Prediger, wogegen die Fortschrittsmänner sich zur Wehre setzen. — Nach bcn neuesten Nachrichten haben sich die Berliner Freimaurerlogen bloß geweigert, die von auswärtigen Logen recipirten Juden unter sich auszunehmen. Der Corresp. der L. Zeit, meint, die Zukunft werde darin Besseres zur Reife bringen. — Unserer Ansicht nach sollten entweder die Berl. Juden um diese Ehre (?) gar nicht buhlen oder die engl. Mutterlogen dazu auffordern, ihren Gesetzen auch in Berlin Geltung zu verschaffen. — Uebrigens heißt es, daß auch Geistliche, z. W. der Superintendent Deibel u. Preußer nicht mehr unter die Freimaurer ausgenommen werden sollen. — Der neulich gefaßte Beschluß, dem neuzuerbauenden jüd. Alten- Versorgungshause 2000 Thlr. von Seiten der Communen anzuweisen, zeugt von einem vorurteilsfreien Sinne der Stadtv ero rd ne ten. Nach einem Gerüchte, welches der „Komet" mittheilt, soll der Superintendent Großmann bei der ersten sächsischen Kammer eine Petition eingereicht haben,' daß die Ehe zwischen Juden und Christen gestattet werde. 4- 7 Verlag von C. L» F r i tz s ch e. Druck von I. H. Nagel.

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