Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1843)
- Article
- Schwerin : Jüd. Zustände im Großherzogthum Meklenburg-Schwerin [Nachricht]
- Date
- 1843-07-18
- Page
- Seite 231 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360256-2360286--3679-2369967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
231 Lheil des Gottesdienstes nicht aus. In Schwerin, wo am Häufigsten gepredigt wird, ist die Wirkung in.dieser Beziehung eine sichtlich bemerkbare. Es herrscht wahrend des öffentlichen Gottesdienstes an Sabbat- und Feiertagen weit größere Feierlichkeit und Andacht als es ehedem der Fall war. Nur fehlt ihm bis jetzt noch das zweite für die Erzeugung der erforderlichen Andacht nicht minder wichtige Element, nämlich erbauender Gesang. Der Vorbeter, den die Gemeinde seit beinah zwei Decennien besitzt, in der polnischen Schule erwachsen und erzogen, entbehrt aller für einen erbauenden Gottesdienst erforderlichen Eigenschaften. Der größte Uebelstnnd, der bisher dem jüdischen öffentlichen Gottesdienste alle Würde und Feierlichkeit raubte, war: das wilde, aller feierlichen Ordnungsfolge ermangelnde verwirrende Durcheinanderschreien der Gemeinde beim Recitiren der Gebete, welches dem gebildeten religiösen Anstande nicht minder als den liturgischen Vorschriften des jüdischen Nitualgesetzes.zuwider ist. Ein Uebelstand, den man in der nächsten Vorzeit weniger empfand, weil man sich leider gewöhnt hatte, in dem lauten Schreien der Gebete eine intensive Aeußerung der religiösen Inbrunst zu erblicken. (Fortseßung folgt.) Licht- und Schattenbilder aus der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Jüdischer Bolkscharakter- *) Construktionen a priori auf factischem Gebiete gehören bekanntlich oft zu den mißlichsten. So construirt man sich einen Volkscharakter, man rechnet sich ihn aus nach diesen und jenen bekannten Einflüssen, Umständen rc. rc., ohne dann darauf, wie billig wäre, mit der factischen Wirklichkeit die Probe zu machen. Aber wenn es auch nicht billig ist, diese Probe zu unterlassen, so ist es wenigstens vorsichtig. Wie oft würde sich bei dem Gegentheile das Facit als ein falsches, lächerliches erweisen! Jenes Facit, das man sich so ungern von der mitleidslosen Wahrheit des Realen und Wirklichen vernichten läßt, weil es in herkömmlichen Vorstellungen und Gesühlsarten, in altehrwürdigen Jrrthümern und Vormtheilen rührende Sympathien hat, und mithin überhaupt auch ohne Rechnung und rrotz aller Rechnung fest steht und fest stehen muß, weil man dabei, was bei Rechnungen sonst weniger vorkommt, wohl gar mit seinem Herzen ins Gedränge kommen könnte! So hat der jüdische Volkscharakter, a priori construirt, von Tacitus bis auf Herrn Dr. Gruppe herab, die ungegründetsten und unwürdigsten Verdächtigungen erfahren. Herr -Dr. Gruppe sagt (Lehrfreiheit und Preßunfug. Berlin 1843. S. 11) von den Juden: Die Alten wünschen nicht die Emanci- *) Das KLnigsberger Literaturblatt (hgg. v. Alex. Jung) X. 26 d. I. bringt diesen trefflichen Aufsatz unsers geachteten u. geistreichen Dr. Looositz, der in Betracht vieles Jrrthümer, die in dieser Beziehung noch herrschen, die größte Verbreitung verdient. Indem ich aber keinen Anstand nehme, diesen Aufsatz hier aufzunehmen u. auf den Abfasser desselben aufmerksam zu machen, erlaube ich mir noch, die Leser auf das trefflich redigirte Königsberger Literaturblatt zu verweisen u. ihrer Beachtung es anzuempsehlen. Red. pation, sie seien zu dulden und zu tragen bereit, und nichts sei schwerer, als sie ihres knechtischen Sinnes zu entwöhnen« Wenn hier und da einige der Alten Juden die Emancipation nicht wünschen, was übrigens sehr problematisch ist, so erfolgt dies nur, weil sie von der Emancipation Beeinträchtigung und Verkümmerung des religiösen Verhaltens fürchten, und weil sie in der ungroßmüthigen Weise, in der man hier und da als Bedingung der Emancipation von den Juden religiöse Zugeständnisse verlangen möchte, die einer thrilweisen Lossagung vom Judenthume gleichkommen, nicht eben die Widerlegung ihrer Besorgnisse finden. Sie sind dann lieber zu dulden und zu tragen bereit, nicht wegen ihres knechtischen, sondern wegen ihres freien Sinnes, wegen ihrer Werthschätzung der alten wahren und ächten Freiheit des Geistes, wenn dieser sich nicht, und selbst nicht auf das Geheiß des „Zeitgeistes", unter das Joch roh-materieller Lebensauffassung und Lebensbestrebungen beugt, und nicht in knechtischer Abhängigkeit von allen Jämmerlichkeiten der Eitelkeit und Genußsucht, nicht als Sklave aller widerlichen Gemeinheit des nackten Nützlichkeitsprincips, an dem Wahren, Edlen und Heiligen zum Verräther wird. — Unbefangener und um so wohlthuender äußert sich der Verfasser des Aufsatzes: „Die Nachahmungssucht der Deutschen" in der deutschen Viertcljahrsschrift 1843 1. Heft über den jüdischen Volkscharakter. Der Verfasser zeigt daselbst, von welchen Völkern, und worin die Deutschen von ihnen zu lernen hätten. Von den Juden sagt der Verf.: „Die Juden endlich haben durch Verfolgung und Mißhandlung manche vortreffliche Eigenschaften treuer erhalten und vollständiger ausgebildet als wir, Achtung gegen das Alter/ Innigkeit der Familienbande und Sinn für Wohlthun. Ein Charakter wie der S. Heine's in Hamburg, konnte nur durch die traurige Stellung seines Vol-