Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1843)
- Article
- Schwerin: Jüd. Zustände im Großherzogthum Meklenburg-Schwerin
- Date
- 1843-07-11
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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'S« - neuorganisirten Religionsschulen lauten die Berichte der Gemeinde- und Schulvorstände sehr günstig. Die Religionsschulen in den übrigen Eingangs genannten Gemeinden sind äußerst schwach und dürftig besetzt. In Krakow entbehren 17 schulfähige Kinder, des Religionsunterrichts. Ein seit vielen Jahren von Gemeinde zu Gemeinde wanderndes, für das Fach eines Religionölehrers und Vorbe- :terS durchaus untaugliches Subjekt fungirt daselbst, zum größten Nachtheile für Kirche und Schule — der nachtheiligen moralischen Rückwirkung auf.die Gemeinde selbst nicht .zu gedenken — als Synagogendiener, dessen, gänzliche Entfernung.von diesem Fache mir alß äußerst wünschenswerth erscheint. Es ist, ganz gewiß, daß in sehr vielen jüdischen Gemein-- den sowohl des Inals auch des Auslandes die Wirksamkeit des angestellten Synagogendieners in dem Sch ä ch ter fa ch e allein nur ausschließend sich koncentrirte. Bei dem gesunkenen Zustand der Kirche und Schule, wo jedes Gemeindemitglied das VorbeLeramt verrichtete und hie und da zur Zeit noch verrichtet, wo man an den Religionsunterricht die allergeringsten Ansprüche .machte und mit etwas Hebräischlesen ohne alles innere Verständniß des Gelesenen sich begnügte, war das einzige dringende Bedüfniß, welches die Gemeindeglieder zur Anstellung eines. Synagogendieners nöthigte, ein wenn auch r e l i g i o s e r Natur doch in seiner Aeußerung und Be.sri edigu n g mat er i e lles,^ nämlich das Bedürfniß nach kauscher Fleisch. Diesem Bcdürfniß ist namentlich in kleinern Gemeinden gewisserrnaaßcn das organische Zusammenhalten der einzelnen Glieder zu einer Gemeinde hauptsächlich zu verdanken. Da dieses materiell religiöse Bedürfniß in der Neuzeit nicht mehr in demselben Grade als ehedem bei Allen vorherrschend ist und fast in jederGemeinde sich Ausnahmen von der Regel in diesem Punkte sich finden lasseirwerden, so steht zu befürchten, wenn nicht das religiösmoralische Bedürfniß nach besserer Leitung des Gottesdienstes und Religionsunterrichts erstarkt und hierin die moralische Nothwendigkeit zur Anstellung eines qualisicirten Synagogendieners begründet wird, daß mit der allmäligen Abnahme des Bedürfnisses nach Kauscherfleisch die Notwendigkeit eines Synagogendieners in kleinern -Gemeinden gänzlich aufhören würde, welches dem religiösen Indifferentismus nur zu sehr in die Hände arbeiten möchte. Was nunvon .der einen Seite an positiver Religiosität verloren geht, muß auf der andern Seite durch Belebung-und-Erstarkung des moralisch-religiösen 'Gefühls gewonnen, und auf diese Weise der Existenz des Gemeinwesens eine sichere moralische Grundlage erworben werden. Daher scheint ein Gesetz, welches alle Gemeinden zur Anstellung einer qualisicirten Synagogendieners verpflichten soll, ein d r i n g e n d e s Z e i t b e d ü r f n i ß. Viele kostspielige Proeesse in den Gemeinden haben bisher ihren Grund darin gehabt, daß Mitglieder sich weigerten zur Besoldung des Schächters — der bis jeK einzig hervorstechenden Funktion des Synagogendieners — beizutragen, weil sie nach ihrer religiösen Ansicht dessen nicht bedürfen und einen religiösen Zwang darin erblickten, wenn sie für die Befriedigung eines individuellen, von ihnen nicht gefühlten und nicht getyeilten Bedürfnisses Opfer bringen mußten. Für allgemein gültige und gemeinnützige moralisch-religiöse Institutionen, deren Nothwendigkeit von Niemand in Zweifel gezogen werden kann, wird jeder willig seinen Beitrag leisten und kann auch mit Recht dazu verpflichtet werden. Ein moralisch besseres Subjekt ist auch nicht immer kostspieliger als ein schlechtes, und da die Gemeinden jetzt noch faktisch einen Synagogendiener besolden, so - würde durch erwähntes Gesetz blos einer möglich bevorstehenden innern Auflösung um so bequemer vorgebeugt werden, als der Oberrath' und der Landesrabbiner die mate- _rieUen Zustände der Gemeinden kennend, gewiß keiner zumuthen wird, daß sie durch Anstellung eines qualisicirten Synagogendieners höher belastet werde, als ihre Kräfte tragen können. Nur unwürdige, für Kirche und Schule verderbliche Müssigganger sollen entfernt und ihre Stellen mit bessern Subjekten besetzt werden. (Foresetzung folgt.) Breslau, Ende Mai. (Fortsetzung.) Es hat im Laufe dieses Jahres der Verein durch die regelmäßigen Beiträge von 171 Mitgliedern, als deren Mininum 5 Silbergroschen monatlich festgesetzt ist, sowie durch freiwillige Schenkungen an Geld und an Büchern, seinem Zwecke hinlänglich entsprochen. Die Bibliothek enthält, außer den neuesten noch aufregenden Brochüren bereits 692 Bände, und es hat sich sowohl in den .Lesestunden, als bei der Entleihung aus der Bibliothek, als auch namentlich bei den Vorträgen immer steigende Theilnahme gezeigt. Während des Sommers war das Lokal zum Lesen .an Sonnabend und Sonntag von 2 — 4 Nachmittags und Mittwoch von 6— 8 Uhr Abends, während des Winters Sonnabend von 2 — 4 Nachmittag, Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 6—8 Abends geöffnet, zum Entleihen aus der Bibliothek war die Stunde Freitags von 2—3 Nachmittags bestimmt. Indem diese Einrichtung als zweckmäßig beibehalten worden ist, scheinen doch die Stunden für die zweite Hauptrichtung des Vereins nicht ganz genügend. Zwar wurde Studirenden zur Benutzung des Vereins Gratiskarten gegeben, und sie konnten von den -Hilfsmitteln denselben Gebrauch machen wie die ordentlichen Mitgliederallein gerade ihnen .ist ein Ort nöthig., der eine umfassende Bibliothek zum Studiren darbietet, und es stellte sich das Bcdürfniß -heraus, daß namentlich in den Nachm ittagsstunden das Lokal geöffnet sei, damit in-ungestörter Muße theologische Studien vorgenommen werden können. Wir sind daher jetzt im Begriffe, diese Einrichtung ins Leben zu rufen.. Um die Benutzung der Bibliothek allgemeiner zu machen, wird ferner.diesem Bericht .der Katalog") beigedruckt werden, so daß jedes-Mitglied.von *) Es ist zu bedauern, daß der dem Berichte beigedruckte Katalog so grenzenlos schlecht ist, daß gar keiner fast noch besser scheint. Der Anfertiger konnte etwas Erbärmlicheres nicht machen. Es wundert mich von dem Vorstande des Vereins, wie er nur dieses erbärmliche Bücherverzeichm'ß, das schon ein Buchhändlerlehrling besser gemacht haben würde, abdrucken lassen konnte. R ed.