Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1843)
- Article
- Hamburg: Ausführlicher Bericht über eine Konfirmation
- Date
- 1843-07-11
- Page
- Seite 219 (sequence 2)
- Language
- German
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— 219 — und Literaturen erschließen, — diesem Geiste muß auch der Werth der Bibel auf andere Weise! als vordem anschaulich gemacht werden. Das Christliche neben uns, sowohl das Starre und Mechanische und Geistlose, als die kritische Negation, der Skepticismus und das vornehme Achselzucken der neuesten. Philosophie über unsere geduldige Beschränktheit, sie lassen, sich nicht mehr ignoriren. Wir müssen, so viel an uns liegt, mit ihnen kämpfen und ringen; aber dazu bedarf es der Vorderen tung, der Anleitung, der Kräftigung, der Befestigung. Und da trotz aller Fortschritte, die der Jndifferentismuß unleugbar macht,, das religiöse Element noch immer, und gerade jetzt vorzugsweise, bald im Guten bald im Bösen einen , gewichtigen Einfluß ausübt, so müssen wir dcn Schein von der Wahrheit, den Zucker von dem Gifte frühzeitig unterscheiden lernen und unterscheiden lehren. Legen wir nur die Keime einer recht tüchtigen jüdischen, männlichen und politischen Gesinnung in unsere Jugend, pflanzen wir den Gewinn, den wir aus Stürmen und Gefahren gezogen haben, weiter fort, und wir werden den sichern Trost haben, daß es auch nach uns nicht an begeisterten Kämpfern für Recht und Licht fehlen wird. Wie anders soll dereinst das Gottesreich kommen? Sollen wir den Namen eines heiligen Volkes vereinen, .sollen wir einst den einen Gott von allen Völkern angebetet sehen, so müssen wir uns nicht abschließen, nicht die Hände in . den Schooß legen, sondern eine Mission gestalten, die ein geheimer, allmächtiger Bund, nicht -durch Metall und Sauren, (wie einst der „Verstorbene" mit Bezug auf eine wichtige politische Begebenheit äussserte) sondern durch Wort und Schrift und That und Beispiel wirkt. — Vor Allem ist also der gebildete, studrcende, in Künste und Wissenschaften eingeweihete, mit den höheren Jdeendes Menschenlebens durch Lektüre, Umgang u. Borbild vertraute Theil der Jugend durch die Konfirmation -für die Mitarbeit an dem heiligen Berufe einer freien, harmonischen Ausbildung aller in unserer Glaubensgenossenschaft liegenden physischen, moralischen und intellektuellen .Kräfte.^ zu gewinnen. In diesem Sinne hat Herr Dr. Frankfurter seinen Unterricht mit Sorgfalt, Umsicht und .seltenem Takte durchgeführt. Ec hat die jugendlichen Gemüther für die Idee des Judenthums zu entflammen gewußt. Das Gewissen mußte geweckt, die Gefahren der Zeit mußten, statt künstlich verschleiert zu werden, m ihren kleinsten Faden dargelegt und der Muth, ihnen zu.begegnen,., sich unter Opfern, Leiden, Verfolgungen und Versuchungen frisch und ungebeugt zu erhalten, in den Gemüthecn erzeugt werden. So war auch das .Glaubensbekenrttniß, welches Herr Dr. Frankfurter seinen Konfirmanden .abnahm, zwar allgemein gehalten, aber in seinen Grundzügen enthielt es den Wahlspruch,, dem heute jeder Ehrenmann nachledt: „Thue Recht und scheue Niemand." In der Thac sollten wir Niemanden scheuen, wenn es gilt, den Grundsätzen der Humanität Bahn zu brechen; nur dann soll uns Schaam und Zittern und Zagen befallen, wenn wir Gold-und Auszeichnung mehr gelten zu lassen versucht sind, als den Eid und die Gewissensruhe. Sehen wir uns bei Zeiten vor, damit nie ein Tag der Reue erscheinen dürfe; wandeln wir aufrecht durchs Leben, so werden wir auch aufrecht dem Tode entgegenschreiten. E. C. Berlin, 30. Juni. Der kürzlich in Ruhestand versetzte Geh. Oberregierungsrath von St reck fuß, Mitglied des Staatsrathes, als Dichter und als Uebersetzer der bedeutendsten italienischen Poesieen des MA., sowie als Publicist und als Herausgeber der Werke Theodor Körners bekannt, hatte bekanntlich ein Werk über die preußischeu Juden geschrieben, welches ihm viele Gegner zuzog, aber dennoch dem noch jetzt iw Großherzogth. Posen geltenden .Korporationsgesetze zur Basis diente. Herr Streckfuß hat sich spater, hauptsächlich seit seiner Einführung in die Berliner Gesellschaft der Freunde, den Emancipationsideen zugewandt. Diese Umwandlung und Sinnesänderung — eine Bekehrung, wie sie öfter Vorkommen sollte — macht dem jetzt in Zeitz lebenden Greise Ehre. Man vernimmt nun, daß nächstens hier eine Schrift von ihm erscheinen wird, in welcher er seine jetzige günstigere Ansicht über die preußischen Juden ausspricht. Frankfurt a. M., 16. Juni. (Herr Lehren und seine Anwesenheit in Frankfurt a. M. Motto: „-pj/n nr nS, inn m $bu 2 Könige 6, 19. *). Herr H. Lehren aus Amsterdam befindet sich gegenwärtig in unfern Mauern, um durch seine ungenirende Persönlichkeit die verirrten Schaafe wieder zurückzuführen zu dem Glauben an seine Untcüglichkeit, an der man mit einigem Grund zu zweifeln angefangen. Schaafe gab es nun aber freilich zu jeder Zeit, und es giebt auch deren noch heut zu Tage, die sich vom ersten besten Schäfer scheeren lassen, unbekümmert ob die Wolle zur Bekleidung der Armen, oder zur Erwärmung des Weichlings fein ausgesponnen werden. Der Oberhirt palästinensischer Schaafe zog daher in unsere Stadt ein mit großer Hoffarth und vielem Gepäcks, welches die ersehnte und verlangte Rechnungsablage und die geheimnißvolle Korrespondenz enthalten konnte, aber wahrscheinlich nur mit Amuleten und sonstigen Heiligthümern angefüllt war, welche nur einem gewissen Kreise gezeigt werden. Wir waren um so mehr zu der Erwartung berechtigt, daß Hrn. L's. Anwesenheit dazu beitragen werde, mit seinem Heiligenschein die trüben Wolken , zu verscheuchen, die unfern blinden Augen die Sonne seiner Gerechtigkeit verbirgt. ’) Die Unparteilichkeit dieses Blattes machte es mir nothwendig, in dieser Sache, wie in jeder andern, das Für und Wider aufzunehmen, zumal wie hier ein Vertretender mit Namen erscheint. Red. 28